Rede in Stuttgart

25.07.2011

„Liebe Wutbürger, geht jetzt endlich heim“ hieß es - hämisch und fast ein bisschen glücklich - in Spiegel Online kurz nachdem das Ergebnis des Stresstestes vorlag.

Fast alle anderen Zeitungen titelten ähnlich bescheuert.

Die lieben Kleinen haben ja jetzt ein bisschen revoluzzen dürfen, einer hat zwar sein Augenlicht verloren und ein paar sind von Wasserwerfern übel zugerichtet worden, aber jetzt muss man wieder die Großen ranlassen, die mit den großen Summen umgehen können. Die echten Macher. Nicht die Gutmenschen, sondern die Geldmenschen.

Warum ich dem Stresstest nicht glaube? Weil ich niemandem glaube, wenn es um Milliarden geht. Das ist wie beim Krieg: jeder Krieg beginnt mit einer Lüge.

Jedes Geschäft dieser Größenordnung kann sich nur mit Lügen den Bürgerinnen verkaufen lassen.

Es gibt Menschen, denen ist die Vermehrung von Geld heilig und dazu leben sie auch noch ganz gern.

Es gibt andere, denen ist das Leben heilig und sie haben nichts dagegen, Geld zu verdienen.

Wenn Menschen , denen die Vermehrung von Geld oberstes Gebot ist, erzählen, sie würden irgendetwas zum Wohl der Gesellschaft planen, ist Vorsicht geboten.

Der unsägliche Dampfplauderer und zufällige Entwicklungsminister Dirk Niebel von der FDP waberte auf die Frage, wie denn die Waffenlieferungen nach Saudi Arabien zu vereinbaren seien mit den Menschenrechtskonzepten seiner Partei:
"Die Stabilisierung einer Region trägt durchaus dazu bei, die Menschenrechte zu wahren – vielleicht nicht in dem Land, in dem man tätig, ist, aber in den Nachbarländern."

Analog dazu könnte man sagen:
„Stuttgart 21 trägt durchaus dazu bei, den Menschen große Gewinne zu bescheren. Vielleicht nicht den Bürgern der Stadt, aber all denen, die ihre Geschäfte damit machen.

ich bin kein Gutensch, kein Wutbürger, und ich lasse mich nicht etikettieren.

Die selben Journalisten wären zu recht äusserst erzürnt, würde man sie alle als wirtschaftsabhängige Lohnschreiber in einen Topf werfen.

Ich bin der Meinung, dass sich zu empören ein Grundrecht des Menschen ist. Ohne Empörung wäre die Sklaverei nicht abgeschafft worden, gäbe es keine Demokratie, müssten Schwarze in den Vereinigten Staaten immer noch im hinteren Teil der Busse und Straßenbahnen sitzen. Ohne Empörung wäre Guttenberg noch Doktor und die beliebteste Gelfrisur Deutschlands.

Also bitte ich darum, unsere Empörung ernst zu nehmen. Man muss nicht alles gut heissen - aber ich erwarte, dass man unsere Meinung und unser demokratisches Recht zu demonstrieren und uns aufzulehnen respektiert.
Ich gestatte mir Revolte - auch weiterhin."

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