Das Wunderbare

21.12.2010

Liebe Freunde!

Nach einem sehr arbeitsreichen und gerade deshalb sehr erfüllten Jahr will ich mich zuerst mal - wie am Ende eines jeden Konzertes - bei Euch bedanken für eure Treue. Es bereitet mir auch nach vier Jahrzehnten noch große Freude, für Euch singen zu dürfen. Und es ist nicht selbstverständlich, dass heute einem Künstler so viel Aufmerksamkeit entgegengebracht wird.

Immerhin hört Ihr mir ja fast drei Stunden zu, ohne aufzuspringen, weiter zu zappen, ohne euch lautstark zu unterhalten, zu schunkeln - ich empfinde das als großes Geschenk und ich hoffe, ich werde auch weiterhin bei jedem Konzert um mein Leben spielen.

Das klingt jetzt pathetisch und das darf auch so sein. Ich habe das Musizieren immer so verstanden: ganz und gar und ohne Wenn und Aber dabei zu sein, einzutauchen in Melodien und Rhythmen und jedes Lied immer wieder neu zu erschaffen.

Ich werde mich jetzt für ein paar Wochen in die Toscana zurückziehen und hoffe auf den Kuss der Musen, denn im nächsten Herbst will ich endlich wieder mal ein neues Album veröffentlichen. Und ich habe ehrlich gesagt noch keine Ahnung, wohin die Reise gehen wird.

Zum angeblichen Fest des Friedens möchte ich euch noch einmal ein paar Zeilen von Tiziano Terzani ans Herz legen:

„Der Mensch muss ein neues Bewusstsein seiner selbst, seines Daseins auf der Erde, seiner Beziehungen zu anderen Menschen und zu anderen Lebewesen entwickeln. Dieses neue Bewusstsein muss eine spirituelle Komponente enthalten, die dem zwanghaften Materialismus unserer Zeit etwas entgegenhalten kann. Nur unter diesen Umständen dürfen wir auf eine neue, vertretbare globale Zivilisation hoffen. Die jetzige hat uns in eine Sackgasse geführt und fällt mittlerweile in die Barbarei zurück.“

Diese Worte machen mir Mut, weil sie mir zeigen, dass man nicht warten darf, bis ein neuer Heilsbringer, eine neue Ideologie, eine neue Partei uns den Weg ins Glück zeigt. Es wäre wie immer ein Irrweg.

Diese Worte Terzanis zeigen mir, dass man selbst, und wenns sein muss auch ganz allein, beginnen kann mit der notwendigen Veränderung.

Ich werde deshalb auch im nächsten Jahr dafür plädieren, Spiritualität und politisches Engagement zu verbinden, auch wenn dabei einige Linke in Hohngelächter ausbrechen und einige Spirituelle überlegen abwinken.

Aber - wie ich es schon in der "Kunst des Scheiterns" angedeutet habe - ich bin in erster Linie Künstler. Und Kunst ist ihrem Wesen nach irrational, ja eigentlich mystisch. Kunst drängt nach Vereinigung: nach der Vereinigung einzelner Töne in einer übergreifenden Harmonie, der Vereinigung des Künstlers mit einer nicht zu benennenden Quelle, aus der alle Inspiration kommt.

Die Politik hingegen trennt und spaltet, muss mit Feindbildern operieren, verteufelt, denunziert und hasst. Doch solange wir unsere eigenen Konflikte immer nur nach außen stülpen, kann die Macht des kriegerischen Denkens nicht gebrochen werden.

Ein Leben ohne Vernunft ist nichts und ein nur vernünftiges Leben ist auch falsch – und noch dazu stinklangweilig. Wir sollten dieser Sehnsucht nachgeben, etwas zu finden, das nur auf nonrationalem Weg zu entdecken ist. Mit Hilfe der Meditation, der Inspiration, der Kreativität.
Die einen nennen das Gott, ich neige dazu es das Wunderbare zu nennen.

Ich wünsche uns allen eine intensive Suche nach dem Wunderbaren.

Euer Konstantin

zurück