Zärtlichkeit und Wut

16.01.2011

Liebe Freunde!

Höchst amüsiert hab ich einige eurer Reaktionen auf meinen Auftritt als Polizist in einem gut gemachten, aber zweifellos nicht gesellschaftskritischen Fernsehfilm gelesen. Das erinnert mich an die Reaktionen, die ein geschätzter Kollege erleben musste, der in einer Serie seine Frau betrog. Beim Einkaufen wurde er als Betrüger beschimpft, so wie sich Herr Wussow alias Doktor Brinkmann aus der Schwarzwaldklinik seinerzeit schon bald vor Patienten nicht mehr retten konnte.

Also: ich bin Schauspieler und es macht mir einen Riesenspaß in andere Rollen zu schlüpfen. Aber ich bin’s dann nicht! Ich will das besser gleich klarstellen, weil: im Sommer kommt ein Kinofilm heraus, in dem ich einen SS-Mann spiele ... Der Film „Wunderkinder“ ist übrigens sehr sehenswert und auch politisch relevant, aber ich würde doch gerne vermeiden, einen Sommer lang als Nazischwein beschimpft zu werden. (Übrigens werde ich auch dieses Jahr – am 19. Februar! – wieder in Dresden sein und die Anti-Nazi-Blockaden unterstützen.)

Liebe Kritiker und - wie in einem Fall auf facebook - restlos Desillusionierte: lasst mal die Kirche beim Dorf. Man kriegt mich nicht dazu, einseitig und perfekt zu sein, ausschließlich die Fahne der Revolution zu schwingen und auch nur irgendwie linientreu zu werden. Mit meinen Widersprüchen müsst Ihr leben – ich muss es ja auch und lebe noch, immerhin.

Schon in den 70ern hab ich mich gewehrt gegen ideologische Zwänge und den Wahn, ein ganzes Leben der „guten“ Sache zu widmen. Ja, ich habe es gewagt auch mal Kaffee von Tchibo und nicht ausschließlich aus Nicaragua zu trinken, und ich hab mich - horribile dictu - kurzhaarig auf der Drückerbank gequält, statt leptosom mit langem Haar durch die Uni zu schleichen.

Ich werde nie vergessen, wie ich meinen wunderbaren künstlerischen und sensiblen Vater einmal, als ich gerade in der Pubertät war, gerügt habe für sein gepflegtes Aussehen und seine kurzen Haare: „Du siehst gar nicht wie ein Künstler aus, Papa, das ist ja peinlich.“

Er antwortete sehr ruhig: „ Konstantin, die wie Künstler aussehen, sind meistens keine.“

Ja, und die wie Revoluzzer aussehen sind mir auch erst mal eher suspekt, so wie alle, die ihr Leben in eine feste, meist von irgendeiner Ideologie geprägte Norm pressen.

Natürlich gibt es Grundsätze, vor allem, wenn es um Gerechtigkeit geht und Mitgefühl, um Herzlichkeit und um ein liebevolles Miteinander, mit denen man sich immer auseinandersetzen sollte, ja, denen man treu bleiben muss.
Aber selbst da gestattet uns das Leben Abweichungen und Irrwege. wer nicht genießt wird nun mal ungenießbar.
Ich freu mich richtig, wenn „Klarer Fall für Bär“ fortgesetzt wird, zumal mein Partner Hans Sigl nicht nur ein toller Schauspieler, sondern auch ein richtig kluger und politisch bewusster Kopf ist, mit dem sich trefflich plaudern lässt. Und ich lass mir auch weiter den Spaß nicht nehmen, als Schauspieler - am liebsten natürlich auch in sehr guten, aber die sind selten! - und wenns sein soll in weniger geglückten Filmen mitzuspielen.

Und ich hab mich sehr gefreut über all die positiven Kommentare und Bemerkungen.

Vielleicht erhellt diese Zeilen eines der vielen neuen Lieder, die ich in den letzten Tagen geschrieben habe. Ich hab den Text noch nicht vertont, und vielleicht wird er sich auch noch ein- oder zweimal ändern , vielleicht kommt er gar nicht auf die neue CD -- aber vorab mal eine kleine Kostprobe:

Zärtlichkeit und Wut

Mit dem Alter und der Plage
stellt sich irgendwann die Frage:
Ist es besser zu erkalten
und lässt alles schön beim Alten?

Soll man sich die Wunden lecken,
legt sich in gemachte Betten,
statt die Kissen mit Gefühlen
alten Trotzes aufzuwühlen?

Oder kann man immer weiter
wachsam sein und dennoch heiter?
Soll man weiter revoluzzen
oder doch Laternen putzen?

Kann man wütend sein und weise,
laut sein und im Lauten leise,
macht gerechter Zorn nicht müde,
ist vielleicht nur Attitüde?

Eines fügt sich doch zum Andern,
nichts besteht für sich allein.
flüsse, die getrennt mäandern,
leiben sich dem Meere ein.

Gut poliert erscheint das Schlechte
oft in einem Strahlenkranz.
Sei ein Heiliger und Sünder,
gib dir alles! Werde ganz!

Hab mich niemals an Gesetze,
Dogmen oder Glaubenssätze,
Führer, höhere Gewalten
ohne Widerspruch gehalten.

Und mich führn auf meiner Reise
zum Verstehen viele Gleise.
zwischen Zärtlichkeit und Wut
tut das Leben richtig gut.

Menschen müssen sich verändern,
um sich selber treu zu sein.
nur das Wechseln von Gewändern
kann kein wahrer Wandel sein.

Mancher sagt, nur Meditieren,
essen was zum Boden fiel,
sich im Ganzen zu verlieren
sei das wahre Lebensziel.

Andre ritzen ihren Armen
Hass und Rache blutig ein.
Sie sind viel zu schwer verwundet,
um im Herzen ganz zu sein.

Andre wiederum marschieren,
Fahnen werden stolz gehisst.
Und auch sie werden verlieren,
weil kein Sieg beständig ist.

Eines fügt sich doch zum Andern,
nichts besteht für sich allein.
Flüsse, die getrennt mäandern,
leiben sich dem Meere ein.

Gut poliert erscheint das Schlechte
oft in einem Strahlenkranz.
Sei ein Heiliger und Sünder,
gib dir alles! Werde ganz!

Hoch gestiegen, tief gefallen,
zwischen Geistesblitz und Lallen
bin ich auf dem Weg zum Lieben
meinem Innern treu geblieben.

Denn mich führn auf meiner Reise
zum Verstehen viele Gleise.
Zwischen Zärtlichkeit und Wut
fasse ich zum Leben Mut.

Euer Konstantin

zurück