Ägypten und wir!

08.02.2011

Liebe Freunde!

Zum zweiten Mal erlebe ich nun mit aller Vehemenz, wie plötzlich Geschichte passiert.

Über Nacht wird eine Vorstellung von der Welt, die auf ewig in Stein gemeisselt scheint, umgewälzt, Ideengebäude stürzen ein und man kann nur noch kopfschüttelnd erkennen, dass man wieder mal nicht offen genug war, um das Unerwartete in seinem Denken zuzulassen.

Der Mauerfall und die Ereignisse in Tunis und Ägypten haben mir gezeigt, dass es sehr wohl möglich ist, die Welt zu verwandeln und Utopien zu leben. Auch wenn es hinterher nicht immer wunschgemäss weitergeht: der Keim gewaltfreier Veränderung ist gepflanzt und es zeigt sich, dass „das Volk“ sehr viel klüger ist und menschlicher zu handeln vermag, als es ihm seine Regierungsvertreter zutrauen.

Sicher - viele werden wieder die alten eingetrampelten Pfade patriarchaler Macht einschlagen - aber was in Berlin passiert ist und was zur Zeit am Tahrirplatz geschieht wird sich für immer in das Gedächtnis der Menschheit einprägen.

Der Marburger Arabist Atef Botros sagt: „Wer diesen historischen Moment jetzt nicht versteht, der wird etwas verpassen. Die jungen Menschen werden auf die Straße gehen und ihr Schicksal selbst in ihre Hand nehmen - auch ohne die Unterstützung des Westens (…) aber jede Demonstration, jede Unterstützung, jedes gerechte Wort, das ein Prominenter oder Intellektueller im Westen sagt, wird dort gehört. Man muss ja nicht Mehl oder Brot schicken - es reicht eine mentale Unterstützung. Die brauchen sie. Und es kommt leider noch nicht genug.“

Diese Revolution im Mittleren Osten muss alle, die ihr Herz nicht nur als Bypass-Parkplatz mit sich herumtragen, elektrisiert haben! Diese unerhörte Geschichte, wie die verzweifelte Selbstverbrennung eines jungen Menschen in Tunesien eine Revolution in Gang setzte. Diese Bilder vom Tahrir Platz in Kairo! Erst war es eine todesmutige Massendemonstration am "Tag der Polizei". In einem Staat, der für seine Folterknäste berühmt ist! Dann wurde es zu einem Festival. Das wurde mit SA-Methoden überfallen, blieb - wie ich dann doch erwähnt haben möchte: zwei Stunden lang stoisch gewaltfrei, bis die Jugend begann, den Platz zu verteidigen und damit obsiegte. Dann wieder Massendemonstrationen. Wer sich da nicht mitfreut hat noch nie wirklich an Demokratie geglaubt.

Diese Begeisterung allerdings wird nicht überall geteilt, wie es scheint. Der Westen sagt: "Geordneter Übergang" und "Stabilität" - und meint damit nichts weiter als die Sicherung der eigenen Interessen. Und konkret bedeutet das, soviel vom alten Folterregime über die Zeit zu retten, wie nur geht.

Denn "die Ägypter" sind - wie der Araber als solcher - angeblich noch nicht reif für die Demokratie. Warum? Weil die keine Parteien haben, sagt man uns. Soso. Wir haben ja welche. Und ich finde: was seit 14 Tagen in Ägypten passiert, hat tausend mal mehr mit Demokratie zu tun, als wenn wir alle vier Jahre ein Kreuz machen dürfen, das am Ende auch nichts Grundlegendes verändert.

Überhaupt diese Verlogenheit des Westens! Auf den Patronenhülsen und Tränengaskartuschen, die in Kairo verschossen wurden, steht eingestanzt "Made in USA". Die Wasserwerfer und Panzer kommen aus Deutschland. Und dieser neue Hoffnungsträger des Westens, Vizepremier Suleiman, wurde in Folterschulen der USA ausgebildet und war zuvor Geheimdienstchef in einem Land, das legendär dafür ist, dass man hier Leute besonders elegant "verschwinden lassen" kann.

Und El Baradei? Der zum Beispiel hat die Lüge von den Massenvernichtungswaffen im Irak mitgetragen. Sieht so der Neuanfang aus?

Nur noch drollig ist derweil die deutsche Außenpolitik - oder das, was heutzutage davon übrig ist. Mein Gott, das waren Zeiten, als Willy Brandt die Ostpolitik in Gang setzte! Heute ist Westerwelle mal "besorgt", dann "beunruhigt", dann ruft er "zur Besonnenheit" auf. Ich bin mir sicher, diese "Breaking News" verbreiten sich im Mittleren Osten wie ein Lauffeuer.

Das einzige was ausbleibt, ist die klare Ansage, dass ein Herrscher, der Schlägerbanden auf seine eigene Bevölkerung hetzt, gestürzt werden muss. Unsere Regierung , die sonst so gern den Mund voll nimmt mit Menschenrechten, hat nicht den Mumm, sich nun eindeutig gegen ihren eigenen Folterknecht zu stellen. Irgendwie kommt da in mir der Verdacht auf, dass es einigen gar nicht so sympathisch ist, wenn das Volk sich wirklich um die Demokratie kümmert. Ich freue mich über diese Bewegung, die uns dazu zwingen wird, endlich auf Augenhöhe mit den Menschen der arabischen Welt zu sprechen und unsere Arroganz, die wir seit der Kolonialzeit nicht verloren haben, ganz schnell an den Nagel zu hängen. Und diese Freude wird geteilt von Millionen, ja, wahrscheinlich von Milliarden Menschen weltweit, die von den Bildern elektrisiert sind und sich vielleicht denken, dass die Idee einer Massenbewegung gegen die gnadenlose Bereicherung einer korrupten Clique gar nicht so sonderlich … ägyptisch anmutet.

Ich kann nur sagen: empört Euch! Und das sage ich nicht nur, sondern das werde ich, soviel schon mal vorneweg, demnächst auch in einem neuen Lied singen!

PS: Eine kleine Geschichte von Prinz Chaos, der auf youtube einen tollen Ägyptensong namens "Liberation Square" rausgehauen hat, will ich Euch nicht vorenthalten. Der hat im Zug zu drei Bundeswehrlern gesagt: "Entschuldigung, ich hätte da mal eine Bitte. Also: wenn es bei uns mal sein sollte wie in Ägypten, dann schiesst Ihr bitte auch nicht auf uns…"

PPS: Zur Zeit singe ich weder den „Alten Kaiser“ in meinen Konzerten. Es ist schon erstaunlich wie aktuell ein Lied plötzlich wieder sein kann, das ich vor 30 Jahren geschrieben habe. Damals meinte ich Haile Selassie, den äthiopischen Kaiser….

Euer Konstantin

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