L’homme révolté

02.04.2011

Als sich 1952 Jean-Paul Sartre von Albert Camus distanzierte und ihm indirekt Verrat am Kommunismus und Rückfall in die Bourgeoisie vorwarf, schlug ich mich - einige Jahre später natürlich - auf die Seite Camus´.

Er war der Dichter, der Menschenfreund, der Empörte, der Mann, der die gewaltfreie Revolte von der letztlich gewalttätigen Revolution zu trennen wusste, dem immer bewusst war, dass man die Welt nicht restlos ändern kann, aber es immer wieder versuchen sollte, der L’homme révolté: „Ich empöre mich, also sind wir!“

Der oft zitierte Satz Camus´ aus seiner Rede bei den Dominikanern wäre Sartre nie so über die Lippen gekommen:
„Wir können es vielleicht nicht verhindern, dass diese Schöpfung eine Welt ist, in der Kinder gemartert werden. aber wir können die Zahl der gemarterten Kinder verringern. Und wenn Sie uns dabei nicht helfen, wer sollte uns dann helfen?“

Sartre mag, wie Heinz Robert Schlette schreibt, Camus an Strenge der philosophischen Reflexion eindeutig übertreffen, aber „wir haben kein Recht, Camus unter Preis zu verkaufen, ihn als bloßen Schriftsteller zu verkaufen, dessen Denken hinter seiner Poesie, seiner literarischen Fähigkeit zurückbleibt.“

Ich fand es oft ganz schön anstrengend Sartres philosophischen Reflexionen zu folgen und was mich von Anfang an an Camus begeisterte war, neben seiner Warmherzigkeit und - warum soll man sowas nicht auch mal sagen dürfen - neben seinem guten Aussehen, seine Lebensgeschichte, die ihn dazu berechtigte zu sagen, er habe die Freiheit nicht bei Marx kennen gelernt, sondern im Elend.

Das gilt auch für Stéphane Hessel, dessen kleine Streitschrift „Empört euch“ ohne die Biographie dieses großen, aufrechten alten Mannes nicht annähernd so aufwühlend und berührend wäre, ja wahrscheinlich sogar in der Flut der Neuerscheinungen übersehen worden wäre.

Der französische Widerstand, die Empörung der Franzosen, hat eine völlig andere Tradition als die Empörung der Deutschen, die schon Büchner als ziemlich unfähig zur Revolution bezeichnete.

Und dennoch: Es gab und gibt einen Aufstand in Deutschland, es gibt sie wieder, die BürgerInnen, die sich ihrer demokratischen Möglichkeiten und Pflichten besinnen, die sich informieren und aufmucken.

Seltsam, dass uns einige Zeitungen mantraartig einzureden versuchen, dass sich andere Länder über unsere Sorge um die Atomkraftwerke lustig machen. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Wenn ja, dann können diese anderen eben auch mal was von uns lernen.

Ich war noch nie Mitglied einer Partei, obwohl ich mich auch schon streckenweise für Parteien stark gemacht habe. meistens wenn eine Politikerin oder ein Politiker vor Ort war, die ich persönlich kannte, denen vertrauen zu können ich gehofft hatte.

Ich bleibe in meinem Herzen ein alter Anarcho, und nicht umsonst bin ich in meinem unglaublich konservativen, ehrwürdigen Gymnasium immer strengstens gezüchtigt worden, wenn ich Sätze Stirners und Bakunins auf die Schulbank kritzelte.

Ich habe damals nicht viel verstanden von Politik, aber ich hatte eine große Sehnsucht nach Freiheit und ein übergroßes Vertrauen, dass der Mensch fähig dazu sei, sich selbst zu bestimmen, wie Stirner es nannte „der Eigner seiner selbst zu sein“. (15 Jahre später führte diese Lektüre dann wohl zu dem Satz „denn mein Ego ist mir heilig“ meines Liedes „Genug ist nicht genug“.)

Nun, was ich sagen wollte: Ich bin niemals einer Fahne oder gar einer Uniform hinterhergelaufen und ebenso habe ich mir die Freiheit gegönnt, auch beim Wählen unparteiisch zu bleiben.

Die Grünen waren für mich seinerzeit durch meine Liebe zu Petra Kelly geprägt, wenn ich mich für die SPD entschied, dann war sicher Willy Brandt nicht unschuldig daran, aber auch später einige andere aufrechte Politiker, die allerdings manchmal beim Aufstieg zur Macht ein Abstieg des Charakters begleitete.

Aber nach wie vor gibt es SPD PolitikerInnen, die in ihrem Heimatort fast wie Che Guevara bekämpft werden und denen ich herzlich verbunden bin, für die ich mich auch jederzeit einsetzen würde.

Und auch wenn ich den Grünen ihren Verrat am Pazifismus nicht verzeihen kann - ich könnte mich durchaus partiell überzeugen lassen, sie zu wählen, zum Beispiel wenn es notwendig ist einen verbohrten Ideologen wie Mappus von der Macht zu verabschieden.

Auch die von der bürgerlichen Presse so gerne als Schmuddelkinder behandelten Linken haben einige Politiker die mir gut gefallen, allen voran der in der deutschen Medienlandschaft meistverpönte, geradezu widerlich geschmähte Oskar Lafontaine.

Aber auch die Linken sind nicht die Partei, denen ich wie meinem glücklosen Fußballverein TSV 1860 München ewige Treue geschworen habe.

Viel wichtiger als blinde ideologische Treue ist Beweglichkeit. und die wiederum schafft Bewegung.

Beim ersten erfolgreichen Volksentscheid in der Geschichte Berlins haben knapp 666.000 Berliner für die Offenlegung sämtlicher Verträge zur Teilprivatisierung der Wasserwerke gestimmt. Hätte ich mich da jetzt nicht engagieren sollen, weil es gegen eine rot- rote Regierung ging?

Auch auf die Grünen kommt nun eine wirkliche Bewährungsprobe zu.

Kann es ihnen überhaupt gelingen das korrupte Bauprojekt Stuttgart 21 zu verhindern? Lassen wir uns überraschen.

Winfried Kretschmann sagt man nach, er würde sich für Schwarz-Grün begeistern. Trotzdem ist mir der Mann sympathisch. Und ohne ihn wären vermutlich diese unerträglichen Finanzmauschler von der CDU nicht vom Sockel geholt worden.

Ja, ich teile die Ansicht meines Redakteurs von www.hinter-den-schlagzeilen.de , Roland Rottenfußer, dass vielen grünen Wählern die Sorge um ihr eigenes Wohlergehen im Falle einer atomaren Katastrophe bedeutend näher ist als die Wut über die Ungerechtigkeit gegenüber Hartz IV Empfängern, näher als die Empörung über eine Politik, die um die Wirtschaft weiter anzukurbeln ohne große Diskussionen Milliarden an gewissenlose Banker verteilt und sich um fünf Euro mehr für Arbeitslose monatelang streitet.

Auch wenn ich das alles nicht so ganz nachvollziehen kann, es ist gut dass sich die Menschen überhaupt empören und ich sage ganz bewusst: Zuerst mal ist mir auch egal aus welchen Gründen.

(Bei den Nazis ist das ganz anders. Die versuchen, sich auch immer mit einzumischen, sobald irgendwo demonstriert wird, aber ihre unlauteren Beweggründe kennen wir zur Genüge. Wir wollen und werden sie nie im Boot haben. Da bin ich schlicht und einfach und aus guten Gründen intolerant.)

Noch einmal Camus: „Platon hatte recht gegen Moses und Nietzsche. Der Dialog auf menschlicher Ebene kostet weniger als das Evangelium der totalitären Religionen, das - ein Monolog - von der Höhe des einsamen Berges herab diktiert wird, auf der Bühne wie in der Stadt kommt der Monolog unmittelbar vor dem Tode.“

Was für eine kluge Erkenntnis. Alle Monologe straffer ideologischer Wahrheiten kamen und kommen kurz vor dem Tod. Ja, sie bringen letztendlich den Tod, weil sie starr sind in einem Universum, das ständig in Bewegung ist.

Und die ideologische Brille lässt uns zu vieles ausklammern von all der Buntheit, die das Leben bestimmt.

Eine gute Freundin, Mitglied des Bundestages in der SPD, sprach vor ein paar Tagen mit mir über Frau Merkel, die als Physikerin sehr wohl die Farce der angeblichen sicheren Endlagerung verstrahlter Brennstäbe durchschauen müsste und erinnerte mich an einen geradezu ungeheuerlichen Ausspruch unserer Bundeskanzlerin, als sie sich 1995 als Umweltministerin zu Castortransporten äußerte:
„Wenn Sie einen Kuchen backen geht auch nicht immer alles nach Rezept. Da fällt schon mal ein Mehlstäubchen daneben. Na und? Der Kuchen schmeckt trotzdem köstlich.“

Ihrer Meinung nach kam diese - um es milde auszudrücken - Trübung der Wahrnehmung der Physikerin Merkel ausschließlich durch ihre starre ideologische Prägung, die einfach jeden Gegner der Atomkraft nach links verordnete und damit zum Feind stempelte.

Wir müssen lernen diese Brillen abzusetzen, gegensätzliche Meinungen zuzulassen, vielleicht sogar streckenweise mit den politischen Gegnern zu paktieren, wenn es um eine notwendige gesellschaftliche Veränderung geht.

Vor allem müssen wir uns informieren und das geht nur wenn wir bereit sind auch mal das Weltbild der anderen zuzulassen.

Nur so werden wir entdecken, was es aufzudecken gilt, nur so lernen wir, uns nicht nur zu empören, sondern dieser Empörung auch Handlungen folgen zu lassen.

Bei meinen Konzerten lese ich gerne einen Absatz aus dem Buch des 93jährigen Stephane Hessel vor:
„Ich sage den Jungen: Wenn ihr sucht, werdet ihr finden. „Ohne mich“ ist das Schlimmste was man sich und der Welt antun kann. Den „Ohne mich“ Typen ist eines der konstitutiven Merkmale des Menschen abhanden gekommen: die Fähigkeit zur Empörung und damit zum Engagement.“

Wie es aussieht, haben viele Deutsche sich wieder aufgerafft die letzten zwanzig Jahre einer geradezu gespenstisch gelähmten „Ohne mich“ Republik Geschichte sein zu lassen.

Auch die dem Nazivokabular entlehnte „Gutmensch“ Beleidigung zieht nicht mehr so recht und vielen ist es mittlerweile einfach egal als uncool zu gelten. Sie engagieren sich wieder! Die neoliberalen Think Tanks haben zwanzig Jahre lang fast die gesamte Medienlandschaft unterwandern können, aber auch in diesen Jahren gab es einige, die sich trotz der Gehirnwäsche einen klaren Kopf bewahrt haben. Ich habe das Glück mit einigen von diesen Menschen befreundet zu sein und man möge es uns nachsehen, wenn wir eine tiefe Befriedigung darüber empfinden, dass der Einsatz für eine Welt ohne Atomkraft, für den man sich zwischenzeitlich regelrecht auslachen lassen musste, wieder ein großes und wichtiges Thema geworden ist. Dass dafür so viele Menschen in Japan sterben mussten ist eine entsetzliche Tragödie. aber sie darf uns doch nicht daran hindern, alles dafür zu tun, dass das nie mehr wieder passiert.

Wenn man uns sagt wir würden aus den Toten Japans unseren politischen Profit ziehen ist das eine leicht zu durchschauende Polemik derer, die sich immer noch nicht, auch jetzt noch nicht trennen wollen von ihren finanziellen Vorteilen die ihnen Atomkraft bringt.

Um es noch einmal und immer wieder zu sagen, auch wenn man uns in diversen Talkshows etwas anderes einreden will:
Atomkraft ist nicht notwendig und selbst wenn man in Deutschland alle AKWs auf einen Schlag abschalten würde, hätten wir genügend Strom.

Wir produzieren gut 30 Prozent Überschuss, und ungefähr 30 Prozent unseres Energiebedarfs beziehen wir aus der Atomkraft!

Also wollen wir uns weiter empören, so lange bis der letzte Sprücheklopfer aufhört Lügen zu verbreiten.

Und - um bei Camus zu bleiben - wenn wir auch nicht eine gerechte, heile und friedliche Welt erschaffen können, wir können versuchen dafür zu kämpfen. Und wer wenn nicht ihr?

Wer wenn nicht wir

Konstantin Wecker

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