Margot Käßmann und die Kriegstreiber (Update)

08.01.2010

Liebe Freunde!

(Audio-Version zum Anhören/Download)
Da macht eine Bischöfin mal das einzig richtige und spricht sich gegen den Afghanistankrieg aus - was man eigentlich eher von christlichen Würdenträgern erwarten sollte als albernes Waffensegnen - und schon schreit die vereinigte Kriegstreiberclaque: Skandal! Skandal um Margot!

Margot Käßmann hatte in ihrer Neujahrspredigt in der Dresdner Frauenkirche die Sinnhaftigkeit des Waffeneinsatzes in Afghanistan in Frage gestellt und den Abzug der Bundeswehr gefordert. »Es kann nur darum gehen zu fragen, wie wir einen geordneten Rückzug antreten und wie eine zivile Lösungsstrategie gefunden werden kann«, hatte sie unter anderem gesagt. Führende Politiker von Union und SPD werfen ihr seitdem »Amtsmißbrauch« und »Populismus« vor.

Haben die eigentlich alle den letzten Rest An- und Verstand verloren?

Es ist also scheinbar kein Amtsmissbrauch, von der Kanzel die Menschen aufzufordern, die Parteien mit dem C davor zu wählen, aber es ist ein Amtsmißbrauch wenn eine Christin den Krieg kritisiert.

Ich würde diesen führenden Politikern empfehlen im Zuge dessen gleich mal das neue Testament umzuschreiben. Dann müsste man es nicht immer wieder so haarsträubend dämlich neu interpretieren.

Dass die SPD da mitmischt beim Käßmann-Mobben ist für mich eigentlich verständlich. Die haben so eine schlechtes Gewissen, sich auf dieses kriegerische Abenteuer überhaupt eingelassen zu haben, dass sie jetzt voran marschieren müssen bei der Kriegstreiberei, sonst müssten sie ja an sich und ihrer Lauterkeit zweifeln und verzweifeln.

Die wehrpolitische Sprecherin der FDP (klingt irgendwie lustig, fast absurd), also die WEHRPOLITISCHE SPRECHERIN DER FDP, eine gewisse Frau Hoff, meint, Frau Käßmann könne sich selbstverständlich äußern, aber dann will sie die Bischöfin gleich an die Front schicken. (Erinnert ein bisschen an das gute alte „Geh doch nach drüben“.)

Mit ihrer Dresdner Äußerung in „guter, alter Friedenstradition“ sei sie „etwas zu kurz gesprungen“. Kann man dieser Frau Hoff nicht einen richtigen, äußerungsresistenten Beruf anbieten?

„Nach dem Krieg sollte man alle Kriegstreiber von Invaliden öffentlich auspeitschen lassen.“ schreibt Karl Kraus. Es geht auch gewaltfrei:
Als Strafe würde mir genügen, den gebündelten Schwachsinn der wehrpolitischen SprecherInnen der Kriegsparteien öffentlich von ihren Verfassern vortragen zu lassen.

Nun muss Frau Käßmann zum Rapport zu Minister Guttenberg.

Zum Freiherrn also! Es gibt derzeit auch kluge Menschen, denen der Gutti plötzlich leid tut. Wo er doch so gute Manieren hat und jetzt wird überall auf ihn eingehackt. Wo er doch bei dem mörderischen Angriff in Kundus gar nicht dabei war. Wo er doch so eloquent ist und überhaupt die letzte Rettung der CDU/CSU, ja der deutschen Politik überhaupt. Und jetzt singt der Wecker auch noch böse Guttilieder!!

Freunde - ich hab nichts gegen den von und zu persönlich. Aber ich mag halt das Amt nicht, das er ausübt.

Und Sprüche wie: »Entscheidend ist, dass unsere Soldaten den breiten Rückhalt in der Bevölkerung spüren. Grundsätzlich bin ich sehr dankbar dafür, dass beide Kirchen auch in Afghanistan selbst mit der Militärseelsorge zur Unterstützung unserer Soldaten beitragen. Ich bin mir sicher, dass Frau Käßmann das sicherlich nicht herabgewürdigt sehen will.« - da spricht nun mal der geborene Kriegsminister und Militarist.

Und bei aller Begeisterung für weltumfassende Liebe - so viel meditier ich nun auch wieder nicht, dass meine überbordende Liebe auch noch den Kriegsminister miteinschlösse....


P.S.: Folgende Meldung zum Thema:
    "US-Präsident und Friedensnobelpreisträger Barack Obama hat für den Krieg in Afghanistan und im Irak 128,3 Milliarden US-Dollar bewilligt."
"2,7 Milliarden Dollar bewilligten die Senatoren für Bildung- und humanitäre Projekte des Pentagon, darunter für die Finanzierung des Museums des Zweiten Weltkrieges.“

UPDATE 12. Januar:
Heute auf ARD Tageschau.de:
Die Bischöfin gibt sich inzwischen diplomatischer. In Berlin zeigte sie sich deutlich gemäßigt. Die Evangelische Kirche und auch sie ganz persönlich schätzten die Arbeit der Soldaten. Sie habe nur zum Nachdenken über Krieg und Gewalt anregen wollen. Guttenbergs Einladung nach Afghanistan hat Käßmann angenommen. "Ich möchte dort vor den Soldaten predigen", sagte sie. Die Zeichen stehen also auf Entspannung.
Für Guttenberg ist das eine gute Nachricht. Denn er braucht für das unpopuläre Afghanistan-Engagement Deutschlands jede Unterstützung, die er kriegen kann. Einen offenen Konflikt könne er sich deshalb mit keiner der großen Kirchen leisten, raunt ein General in Neuburg. Denn sollten die Geistlichen den Afghanistan-Einsatz moralisch verteufeln, würde die ohnehin ziemlich geringe gesellschaftliche Akzeptanz für die Mission am Hindukusch noch weiter schwinden. Ein Offizier aus Guttenbergs Stab formuliert es so: "Dann hätten wir ein wirklich großes Problem."
           - Was gibts da noch zu sagen? Liebe große Kirchen, seid so gut und stellt euch jetzt mal auf die Hinterbeine! Verteufelt Krieg endlich moralisch, damit die gesellschaftliche Akzeptanz für die „Mission“ am Hindukusch endlich ganz verschwindet. Macht den Offizieren aus Guttenbergs Stab bitte ein wirklich großes Problem!!
Und sehr verehrte Frau Kässmann - machen Sie doch bitte keinen Rückzieher. Wir haben grade begonnen Sie richtig zu mögen.
Übrigens sollte man sich die Sprache der Militärs ganz genau ansehen und sich ernste Gedanken machen über das Wort Mission.
Laut Nachschlagewerk ist eine Mission die Verbreitung einer religiösen Lehre unter Andersgläubigen, speziell die Verbreitung der christlichen Lehre. Sollte das der eigentliche Auftrag am Hindukusch sein, dürfte sich meine Bitte an die großen Kirchen erledigt haben....

PPS.:
Trotzdem wollen wir voll Zuversicht und Mut ins neue Jahr gehen. Und wie könnte man das besser, als mit einem Gedicht vom Meister aller Meister:


Zum neuen Jahr (Johann Wolfgang Goethe)

Zwischen dem Alten,
Zwischen dem Neuen
Hier und zu freuen,
Schenkt uns das Glück,
Und das Vergangne
Heißt Vertrauen
Vorwärts schauen,
Schauen zurück.

Stunden der Plage,
Leider, sie scheiden
Treue von Leiden,
Liebe von Lust;
Bessere Tage
Sammeln uns wieder,
Heitere Lieder
Stärken die Brust.

Leiden und Freuden,
Jener verschwundnen,
Sind die Verbundnen
Fröhlich gedenk.

O des Geschickes
Seltsame Windung!
Alte Verbindung,
Neues Geschenk!

Dankt es dem regen
Wogenden Glücke!
Dankt dem Geschicke
Männiglich Gut;
Freut euch des Wechsels
Heiterer Triebe,
Offener Liebe,
Heimlicher Glut!

Andere schauen
Deckende Falten
Über dem Alten
Traurig und scheu;
Aber uns leuchtet
Freundliche Treue;
Sehet, das Neue
Findet uns neu.

So wie im Tanze
Bald sich verschwindet,
Wieder sich findet
Liebendes Paar:

So durch des Lebens
Wirrende Beugung
führe die Neigung
Uns in das Jahr.

Euer Konstantin

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