Das Beben unserer Zeit!

18.01.2010

Liebe Freunde!

Heute erst überwinde ich meine Sprachlosigkeit angesichts der Katastrophe von Port-au-Prince. Anfangs wie betäubt, kann ich nur langsam Worte finden für das Unbeschreibbare. Ich muss auch gestehen, dass ich tagelang mit meinem Gott gehadert habe. Warum, so kann ich nicht umhin zu fragen, warum trifft es einmal wieder die Ärmsten der Armen? Warum treffen diese Naturkatastrophen immer die, die sowieso schon gestraft sind? Opfer einer ungerechten Welt, Opfer von Jahrhunderten kolonialer Unterdrückung, Opfer von gnadenloser Ausbeutung durch den Westen?

Mir fiel dann ein, dass mein geliebter Meister Goethe sich anlässlich des Erdbebens von Lissabon im Jahre 1755 ganz ähnliche Gedanken gemacht hat. In "Dichtung und Wahrheit" schreibt er:

"Am ersten November 1755 ereignete sich das Erdbeben von Lissabon, und verbreitete über die in Frieden und Ruhe schon eingewohnte Welt einen ungeheuren Schrecken. (...) Die Erde bebt und schwankt, das Meer braust auf, die Schiffe schlagen zusammen, die Häuser stürzen ein, Kirchen und Türme darüber her, der königliche Palast zum Teil wird vom Meere verschlungen, die geborstene Erde scheint Flammen zu speien: (...) Der Knabe, der alles dieses wiederholt vernehmen musste, war nicht wenig betroffen. Gott, der Schöpfer und Erhalter des Himmels und der Erden, den ihm die Erklärung des ersten Glaubens-Artikels so weise und gnädig vorstellte, hatte sich, indem er die Gerechten mit den Ungerechten gleichem Verderben preisgab, keineswegs väterlich bewiesen."

Während ich mich also unter Schock und Trauer durch meine eigene, kleine Theodizee-Debatte arbeitete, hatten andere, von solcherlei weinerlichen Philosophismen weniger gehemmte Zeitgenossen, längst die großen Linien einer internationalen Intervention vorgezeichnet. Der US-amerikanische Think-Tank "The Heritage Foundation" veröffentlichte bereits drei Stunden nach dem Erdbeben eine Empfehlung an die US-Regierung, wie die Katastrophen unter geostrategischen Gesichtspunkten genutzt werden kann, wie man den Einfluss der USA ausbauen, wirtschaftliche und politische "Reformen" durchsetzen und das amerikanische Image verbessern könnte. Selbstlose Hilfe klingt anders...

Die globalisierungskritische Autorin Naomi Klein löste daraufhin sofort Alarm aus und veröffentlichte das Memo der "Heritage Foundation" im Internet. Denn genau diese Methode, Katastrophen für den neoliberalen Umbau von Gesellschaften zu nutzen, hat sie in ihrem Buch "Die Schock-Doktrin" als Wesensmerkmal des "Desaster-Kapitalismus" nachgewiesen.

Und so ist das Beben von Haiti das Beben unserer Zeit. Alles Großartige und Edle scheint auf im selbstlosen Einsatz derer, die wirklich helfen, die im Schutt nach Überlebenden suchen, die inmitten dieses Desasters kühlen Kopf bewahren und handeln, helfen, retten. Die Welle der Solidarität die durch die Welt geht, die wirkliche Hilfsbereitschaft, ja, auch die Welle der Spenden, alles das macht Mut und gibt Hoffnung im Angesichte der Hoffnungslosigkeit.

Und dann die Gegenseite. Kühle Berechnung, der millionenfache Überlebenskampf einer mittellos der Katastrophe ausgelieferten Bevölkerung als Austragungsort von Machtpoker und Großmachtgerangel. Und vielleicht noch schlimmer als das: schiere saturierte Gefühllosigkeit, unbeeindruckt von 100.000 ausgelöschten Leben: Heute erreichte mich ein Artikel aus dem Guardian über meinen Facebook-Account: ein Luxusliner hat vor Haiti geankert, um die betuchten Passagiere auch in diesem Jahr an einem faktisch von den Haitianern enteigneten Privatstrand urlauben zu lassen, 60 Kilometer vom Epizentrum des Bebens entfernt.


PS:

Wer spenden will und dabei sicher gehen, dass das Geld nicht irgendwelche Machenschaften mitfinanziert, sondern wirklich im Sinne der Haitianer eingesetzt wird um zu helfen, ist mit dieser Organisation gut beraten:

www.haitiaction.net/About/HERF/HERF.html



PPS:

Einen sehr erhellenden Artikel über die politischen, sozialen und gesellschaftlichen Faktoren rund um die Situation in Haiti haben wir auf Hinter-den-Schlagzeilen veröffentlicht:

hinter-den-schlagzeilen.de

Euer Konstantin

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