Meine Eindrücke von Dresden (Update)

16.02.2010

Liebe Freunde!

Ich hab in Dresden zwar im Gedenken an die weiße Rose gesungen, dass es ums Tun und nicht ums Siegen geht, und ich habe mich auch immer wieder ausgiebig mit der Kunst des Scheiterns auseinandergesetzt - aber manchmal ist es schon auch außerordentlich erfreulich erfolgreich zu sein. Und wir waren erfolgreich in Dresden, auf der ganzen Linie! Saukalt wars, aber wunderbar für uns und eine krachende Niederlage für die Nazis!

Was wir uns vorgenommen haben, haben wir erreicht. Der Zug der Nazis durch die Stadt ist gestoppt worden. Und das auf eine ungeheuer kraftvolle, souveräne Art und Weise. Es war eigentlich zu jedem Zeitpunkt klar, dass an ein Durchkommen der Nazis an diesem Tag nicht zu denken war. Vier Blockaden waren massenhaft und bunt besetzt und fest entschlossen, unter keinen Umständen zu weichen. Dabei war die Stimmung gut, friedlich und solidarisch. Am Ende dieses kalten, aber herzerwärmenden Wintertages konnte "die Polizei die Sicherheit der Rechtsextremen nicht mehr gewährleisten!" und sagte den Marsch ab. ("Offenbar können Nazis in Deutschland nur demonstrieren, wenn die Polizei ihre Sicherheit gewährleisten kann")

So gut und wichtig es übrigens gewesen ist, dass sich so viele Dresdner zu einer Menschenkette in der Altstadt eingefunden haben: den Marsch der Schande, der ja in der Neustadt stattfinden sollte, haben ganz bestimmt nicht die Frau Oberbürgermeisterin und ihr Ministerpräsident verhindert, wie das streckenweise kolportiert wurde, sondern das Bündnis "Dresden - Nazifrei" und die zahllosen AktivistInnen und DemonstrantInnen, die bereit waren, sich mit ihrer Blockade den Anweisungen der Staatsanwaltschaft zu widersetzen.

Der Wiener Standard schreibt:
"Sie glauben ja wohl nicht, dass ich mich da einreihen werde, nur damit es schöne Fotos in der Altstadt gibt", sagt Johannes Lichdi, Landtagsabgeordneter der Dresdner Grünen. Er meint damit die Menschenkette, die am Samstag rund um die Altstadt gebildet wurde. Im Gedenken an die Opfer des Luftangriffs und im Protest gegen Rechts riefen Parteien, Kirchen und andere Organisationen zu dieser Kundgebung auf, die ein voller Erfolg wurde. 10.000 Menschen - darunter auch die Grüne Parteivorsitzende Claudia Roth - beteiligten sich. Nur: Zu umringen hatten sie außer einigen barocken Gebäuden nichts....."

Und im Freitag ist völlig zu Recht zu lesen:
Eines gleich vorweg: Erstmals ist es in Dresden gelungen, einen Naziaufmarsch zu unterbinden. Dies ist aber weder der Menschenkette der Oberbürgermeisterin zu verdanken, noch dem neuen Sächsischen Versammlungsgesetz. Es ist das Verdienst der Akteure des überparteilichen Bündnisses "Dresden Nazifrei" und all jener, die trotz aller Behinderungen im Vorfeld und auch noch am heutigen Tage dem Aufruf gefolgt sind.

Nazis stoppt man eben nicht mit Alibi-Veranstaltungen. Und unbeugsamer Widerstand gegen die Feinde der Demokratie, auch und gerade angesichts eines mehr als fragwürdig agierenden Staatsapparates, ist und bleibt eine der vornehmlichsten Bürgerpflichten in einer Demokratie. Dieser 13. Februar hat uns allen gezeigt, was möglich ist, wenn wir entschlossen an unseren Idealen fest- und zusammenhalten. Das war nicht der regierungsfreundliche, weichgespülte Aufstand der Anständigen. Angeführt von Wirtschaftsbossen und Promis, die sich nie auf einer Demo das Designerbeinkleid beschmutzen lassen würden. Nein, das war ein Aufstand der Unanständigen und Ungehorsamen. Recht so!

Die Nazis haben wir mit dieser erfolgreichen Blockade wohl fürs erste vom Herrenmenschensockel heruntergeholt. Es wird auch Zeit, dass wir diese braunen Umtriebe endlich in den Griff kriegen, und um das Netzwerk faschistischer Gewalt lahm zu legen, braucht es noch mehr solcher Aktionen. 130 Leute sind seit der Wiedervereinigung von Neonazis ermordet worden. Ganze Landstriche gibt es, in denen faschistische Jugendkultur dominiert und der braune Terror allen anderen die Hälse schnürt. Ich denke, am Samstag haben wir diesen Würgegriff der Angst ein stückweit lösen können, gerade in der Hauptstadt Sachsens ist das besonders wichtig!
Ich danke allen für ihr Engagement und auch den vielen, die uns - weil sie selber nicht dabei sein konnten - über facebook und in Mails und Briefen Mut zugesprochen haben. Ich hoffe, Dresden das war erst der Anfang einer solidarischen Bewegung für eine gerechtere, menschlichere und zärtlichere Gesellschaft.


PS:
Eine sehr gute Rolle haben in Dresden viele Basisaktivisten und Abgeordnete der Linkspartei gespielt, übrigens flügelübergreifend. Und Prinz Chaos hat diesbezüglich auf der Dresdner Kundgebung ein Lied gesungen, die Adaption einer alten Parteihymne, von der ich nicht gedacht hätte, dass sie noch zu retten sein könnte ... deren erste Strophe und Refrain ich uns allen ans Herz lege:

Du bist nicht alles im Leben
Sonne & Wind, die brauchten Dich nie!
Wir wollen Netzwerke weben
Wir sind kein Abstimmungsvieh!
Unsere Partei soll nicht hassen,
was weich, sensibel und warm
Tochter, nicht Mutter der Massen
Räuber nicht und kein Gendarm.

So ne Partei, so ne Partei
Die wär gar nicht schlecht
Nur, Genossen: es bleibt schon dabei
Keine Mehrheit, kein Vorstand,
wer hat da immer Recht?
Vetternwirtschaft und Pöstchenschieberei!
Keine taktische Lüge ist Mittel zum Zweck
Wer so arbeitet der, gehört ganz einfach weg!
Aber mit Rebellen gefüllt,
stylisch und ausgechillt!
So ne Partei! So ne Partei! So ne Partei!

PPS: ...weil Nachfragen kamen, auf welche Parteihymne sich Prinz Chaos II. bezieht - hier ein youtube-Link, der zeigt, in welche quasireligiösen Hochgefühle - und in welche pseudokulturellen Niederungen! - der Stalinismus der 50er Jahre abtauchen konnte...

Euer Konstantin

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