Freitag, der 6. November 2009

06.11.2009

Liebe Freunde!

In der herbstlichen Schönheit der Toscana gut geborgen, will ich heute die Überlegungen zur Kulturpolitik fortsetzen, und dabei eines zu Anfang klären. Es ist nämlich nicht so, dass ich in ein grundsätzliches Lamento über die kulturellen Zustände unserer Zeit auszubrechen gedenke. Mein Vater hat mir schon sehr früh seine Haltung vermittelt, dass die Fähigkeit, sich für andere Künstler zu begeistern und deren Werke und Leistungen enthusiastisch anzuerkennen, essentiell für jeden ist, der selber Kunst machen möchte.

Im Libretto zu Mozarts Musikkomödie "Der Schauspieldirektor" von 1786 sagt dazu Monsieur Vogelsang:

Kein Künstler muss den andern tadeln,
er setzt die Kunst zu sehr herab.

Und weiter heisst es:

Künstler müssen freilich streben,
stets des Vorzugs wert zu sein,
doch sich selbst den Vorzug geben,
über andre sich erheben,
macht den größten Künstler klein.

In diesem Geiste möchte ich klarstellen, dass ich das derzeitige Hauptproblem weniger auf Seiten der Künstler sehe. Da gibt es viele, auch viele junge Künstler, die Großes und Neues schaffen. Und auch wenn mir selber vieles natürlich fremd ist, würde ich zum Beispiel elektronischer Musik nie die Möglichkeit absprechen, eines Tages klassische Höhen zu erreichen. Ich erlaube mir zwar schon den Hinweis, dass diese Höhen aktuell bei weitem nicht erreicht sind. Aber das Wunderkind Mozart war ja eben auch kein Zufall, sondern nur als Ergebnis eines Jahrhunderte überspannenden Entwicklungsprozesses möglich. Mozarts scheinbar rein spontane Genialität war Produkt eines sehr fruchtbaren Erbes, zu welchem der kleine Wolferl als Sohn eines Berufsmusikers von Kindesbeinen an Zugang hatte.

Und genau da bin ich beim Kernpunkt meiner großen Sorge. Es ist die Frage nach den Zugängen, nach den Ein- und Ausschlussmechanismen die Kultur heute umgeben.

Und da stelle ich zum Beispiel fest, dass selbst eine gymnasiale Schullaufbahn heutzutage keinerlei Gewähr dafür bietet, unseren Kindern auch nur minimales Wissen über Musikgeschichte und -theorie mit auf den Weg zu geben. Die Fremdheit, die viele sich als "Otto Normalverbraucher" definierende Menschen zur sogenannten Hochkultur empfinden, wird in aller Regel nicht überwunden, indem unsere Kinder behutsam an zum Beispiel klassische Musik herangeführt und liebevoll mit ihren Schönheiten bekannt gemacht werden. Vielmehr ist der Musikunterricht ein schulisches Stiefkind.

Das wiederum liegt weniger an lustlosen Musiklehrern, als vielmehr an einer Bildungspolitik, in der die Erziehung zum "Schönen, Wahren und Guten", wie es in der Bayerischen Verfassung so schön heißt, keine erkennbare Rolle mehr spielt, sondern mangelnder wirtschaftlicher Vernutzbarkeit wegen radikal zurückgefahren wird.

Jetzt mag man sagen: na und? Man kann ja trotzdem auch ein glücklicher Mensch sein und Puccini für ein italienisches Milchschaumgetränk halten, was soll`s? Aber mit dieser Haltung können wir die allgemeine Schulpflicht auch ganz abschaffen, mit dieser Haltung ist auch massenhafter Analphabetismus kein Problem.

Glücklich mag man auch ohne Puccini sein können - ich selber kann das nicht beurteilen und will mir ein Leben ohne Puccini ehrlich gesagt so genau auch gar nicht vorstellen. Aber Puccini, Mozart und Bach sind nun einmal in der Welt und deswegen stellt sich die Frage ganz anders. Sie stellt sich nämlich so, ob wir uns des heute weithin ungeahnten Geschenks, das diese Musik bedeutet, würdig erweisen. Ob wir erkennen, welche geistigen Wachstumsmöglichkeiten ein Bach, welche Befähigung zu Lieben uns ein Puccini anbietet. Es geht, mit einem Satz, darum, ob wir als Gesellschaft noch irgendein Interesse an unserer eigenen Weiterentwicklung als sensible und vieldimensionale Wesen zu zeigen gedenken. Wenn wir dieses Interesse ernsthaft haben sollten, dann müssten wir in allernächster Zeit entschiedene Maßnahmen ergreifen, die Weitergabe dieses fantastischen Erbes an die nach uns kommende Menschheit gesellschaftlich zu organisieren. Im andern Fall brechen uns ganze bunte Welten weg - unwiederbringlich.

Kulturkahlschlag droht!!

ein Zeit Artikel dazu

Solidarität mit den Wiener BesetzungsKünstlerInnen:
Liebe BesetzerInnen der Akademie der bildenden Künste!

Ich möchte Euch meine Begeisterung darüber mitteilen, dass Ihr angefangen habt, Euch zu wehren - und dass es gerade Studierende der Künste sind, die damit angefangen haben, freut mich ganz besonders! Bildung ist in aller Munde, wenn grad Wahlkampf ist. Kunst und Kultur kommen nicht einmal mehr in Wahlkämpfen vor. Am Ende besteht in beiden Fällen keinerlei offizielles Interesse, für gute Rahmenbedingungen nennenswerte Ressources bereitzustellen. Und überall wuchert wie ein Nervengift das Konkurrenzprinzip.

Wer, wenn nicht wir Künstler, könnte an der Duldsamkeit der Menschen rütteln? Ich wünsche Euch Kraft und Durchhaltevermögen. Am 27. November spiele ich in Wien ein Konzert, und wenn Ihr bis dahin noch auf dem Posten seid, würde ich gerne am Vormittag bei Euch vorbeischauen.

Solidarität und meinen Respekt, Ihr Besetzungskünstler!

Euer Konstantin Wecker

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