Kulturelle Globalisierung (mit Video-Link)

10.11.2009

Liebe Freunde!

Mit Freude hab ich eure Gästebucheintragungen zu den vorangegangenen Notizen gelesen und euer Interesse an diesem Thema verfolgt. Da ist ja eine richtige kleine Kulturdebatte ausgebrochen. Wunderbar!

Natürlich geht es nicht nur um „ Hochkultur“, sondern um lebendige Musik überhaupt. Und natürlich liegt mir nicht an irgendeiner Wertung gegenüber anderen Kulturen. Eine fantastische Errungenschaft der kulturellen Globalisierung - nicht der globalisierten Wirtschaftsinteressen! - ist ja gerade, dass wir in den letzten Jahren so viel Musik wie noch nie zuvor aus anderen Kulturkreisen erfahren und erleben durften. Unvergessen sind für mich meine Konzerte mit afrikanischen, südamerikanischen, jüdischen, irakischen, türkischen und afghanischen Musikern - ein bleibender Quell der Inspiration.

Sie haben mir die Ohren geöffnet für die Feinheiten und Schönheiten ungewohnter Klänge und Gedankenwelten.

Die spirituelle Kraft mancher indischer und persischer Musiker zum Beispiel, die Idee das Musizieren immer auch als eine Art Gebet zu betrachten, hat mir einen völlig neuen Zugang zum Verständnis der Kunst eröffnet.

Hakim Ludin bei Konstantins 60. Geburtstag:
Eine unerhört spannende Version von "All die Unerhörten Klänge"

Trotzdem will ich und werde ich meine Wurzeln nicht verleugnen und das ist ja gerade das reizvolle an dieser kulturellen Vernetzung, dass man das eigene behält und sich dem Neuen öffnet und sich dadurch andere Ebenen der Kunst und des Bewußtseins erschließen kann.

Eine meiner Lieblings-CDs ist „ Mozart in Ägypten“ - eine gelungene Fusion mozartscher sinfonischer Klänge mit Sängern und Instrumentalisten der arabischen Welt.

Nicht nachvollziehen werde ich aber jemals, dass es überhaupt keine Wertung in der Kunst geben dürfe und alles was gut gemeint sei, auch gut sei. Diesen Quatsch habe ich schon in den 70ern abgelehnt, und als Musiker, der sich auch etwas der musikalischen Bildung unserer Kinder verschrieben hat, kann ich dem schon gleich gar nicht zustimmen.

Es gibt gute Musik und schlechte Musik, so wie es gute und schlechte Literatur gibt. Nie werde ich den knappen Satz Charly Marianos vergessen, auf meine Frage hin, ob er denn ein Problem damit habe, dass ich kein Jazz-Musiker sei:
„I don’t care about Jazz. I care about good music!“ („Mir ist Jazz nicht so wichtig. Wichtig ist mir gute Musik.“)

Nur - um das beurteilen zu können, braucht man eben ein paar Grundlagen.

Wie sollen unsere Kinder unterscheiden lernen, ob das was ihnen von der Musikindustrie um die Ohren geschlagen wird Qualität hat, wenn sie keine Beispiele zur Verfügung haben, wenn sie nicht unterscheiden können, weil ihnen der Zugang zu anderen musikalischen Erlebniswelten verschlossen wird?

Ich werde mich ganz sicher nicht als oberster Schiedsrichter in musikalischen Qualitätsfragen aufspielen. Aber um Qualität überhaupt beurteilen zu können, sollte man ein Basiswissen haben. Dann lässt es sich trefflich streiten.

Klar ließe sich einwenden, warum überhaupt Kunst? Man kann auch trefflich sein Leben auf einer Berghütte ohne Musik verbringen. Dann hat man immerhin die Chance, der Musik im Inneren zu lauschen, den ewigen Klängen der eigenen Seele.

Nun sind aber die Berghütten knapp geworden und statt dessen prügelt man auf uns wo wir gehen und stehen, in Einkaufszentren und Fußgängerzonen, Restaurants und Flughäfen mit Musik unzweifelhaft sehr geringer Qualität ein.

Es gibt, glaube ich , viele Gründe sie sogenannte Klassische Musik aus dem musealen Bereich wieder ins lebendige Leben zu befördern. Einmal im Jahr versuche ich, zusammen mit dem wunderbaren Bayerischen Rundfunkorchester Kindern die Schönheit des Orchesterklanges zu vermitteln.

Da sind vielleicht Kinder dabei, die noch nie zuvor eine Harfe gesehen und gehört haben, eine Pikkoloflöte, ein Fagott.

Ich bin mir sicher, dieses Erlebnis wird sie für ihr Leben bereichern.

Die Chance im Musikunterricht, wenigstens im Musikunterricht, Grundlagen der Musik, die Vielfalt der Instrumente, die Schönheit Klassischer Musik kennen zu lernen um dann eigene Wege zu gehen, sich selbst auszusuchen welche Richtung man einschlagen will, diese Chance darf nicht weggekürzt werden.

Ich denke, der Aufschrei wäre zu recht groß, wenn man beginnen würde den Deutschunterricht auf das erlernen Grammatikalischer Grundlagen und der Rechtschreibung zu beschränken. Man kann sich ja gerne von Goethe zu Schätzing wenden. Aber man sollte Goethe vielleicht vorher einmal gelesen habe.

Wie sagte mir mal Hakim Ludin: wer miteinander musiziert schießt nicht aufeinander.

Dahingehend würde ich gerne meinen Beitrag verstanden wissen: kein Geld mehr für Waffen und dafür viele Theater, Orchester, Chöre, Bands und miteinander musizierende Menschen.

Bis auf weiteres, denn diese Debatte wollen wir weiterführen

Euer Konstantin

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