Über den Begriff der Naivität (für Arno Gruen)

02.12.2009

Liebe Freunde!

Ich will heute einmal über den Begriff der Naivität schreiben und durchaus aus gegebenem Anlass. Denn zur Zeit haben die "Nüchterne Realisten" mal wieder Hochkonjunktur. Gerade in der Berichterstattung über die Proteste der Studierenden kann man täglich Aufrufe lesen, die Jugend habe sich, Protest schön und gut, doch bittesehr der Realität zu stellen. Diese Realität heißt dann immer: es ist kein Geld da (Banker leben in einer anderen Realität).

Ich selber bin gewohnt, dass ich immer wieder als naiv hingestellt werde, weil ich, zum Beispiel, für eine Welt ohne Kriege eintrete. Gerade meine Irak-Reise 2003 wird stets als Beweis für meine grenzenlose Naivität angeführt.

Dabei muss man sich doch eher fragen, wie naiv die Vorstellung der "Realisten" war, mit diesem grauenvollen Irakkrieg einem geschundenen Land Demokratie zu bringen. Ähnlich naiv wie der Glaube, in Afghanistan Menschenrechte herbeibomben zu können.

Oder andersherum: wenn alles das nicht naiv gewesen ist, dann muss man doch folgern, dass wir bewusst über die wahren Ziele des Krieges getäuscht worden sind. Dass es nie um Menschenrechte ging, sondern immer nur um wirtschaftliche Interessen.

Was aber heißt es überhaupt, naiv zu sein?

Die gängige Definition von Naivität leitet sich vom französischen Adjektiv "naif" her, was soviel sagt wie kindlich, ursprünglich, einfältig, harmlos oder töricht. Im Deutschen Sprachgebrauch: "werden Menschen als naiv bezeichnet, denen die notwendige Einsicht in ihre Handlungen fehlt, und die über einen begrenzten geistigen Horizont verfügen. Oft gilt "naiv" als Synonym für leichtgläubig, leicht verführbar oder unwissend."

Nach dieser Definition, das ist klar, will natürlich niemand in den Verdacht kommen, naiv zu sein, also einfältig, harmlos, töricht, leichtgläubig, verführbar und unwissend! Aber diese Definition des Begriffs ist selbst schon Ausdruck einer pseudorealistischen, in Wirklichkeit rein zynischen Weltsicht. Und mir scheint der Hinweis angebracht, dass der Begriff auch im Deutschen einmal eine ganz andere Deutung erfahren hat.

Friedrich Schiller zum Beispiel schrieb einen Aufsatz "Über naive und sentimentalische Dichtung". Für ihn ist das Naive das Ursprüngliche, das nach eigenen Gesetzen und innerer Notwendigkeit in sich selbst Ruhende. Für Schiller ist das Naive naturhaft, intakt und zutiefst wahrhaftig. Den ewigen, schon zu seiner Zeit ihr ätzendes Unwesen treibenden Zynikern schreibt Schiller ins Stammbuch:
"Sobald wir aber Ursache haben, zu glauben, dass die kindische Einfalt zugleich eine kindliche sei, dass folglich nicht Unverstand, nicht Unvermögen, sondern eine höhere (praktische) Stärke, ein Herz voller Unschuld und Wahrheit, die Quelle davon sei, (...) so ist jener Triumph des Verstandes vorbei, und der Spott über die Einfältigkeit geht in Bewunderung der Einfachheit über. Wir fühlen uns genötigt, den Gegenstand zu achten, über den wir vorher gelächelt haben, und, indem wir zugleich einen Blick in uns selbst werfen, uns zu beklagen, dass wir demselben nicht ähnlich sind."

Sicherlich war es dieser Begriff der Naivität, den mein Vater ein Leben lang im Herzen und in die Welt getragen hat. Kurz vor seinem Tod winkte mich mein Vater ganz nah zu sich heran, blickte mich lange mit seinen großen, dunklen Augen an und flüsterte mir zu:

"Sag mal, Konstantin, wie kann man eigentlich diese Welt überstehen ohne naiv zu sein?"

Diese Art von Naivität, ein Aufgehobensein im Ursprünglichen, eine lebendige Brücke zur Weltsicht eines Kindes, zum Einssein der Natur, die will ich mir gerne und den zynischen Realisten zum Trotz ans Revers heften lassen.

"Das Mitgefühl ist die in uns eingebaute Schranke zum Unmenschlichen."

Diesen bemerkenswerten Satz schreibt Arno Gruen, einer der wichtigsten Psychologen der Gegenwart, in seinem bahnbrechenden Buch "Der Verlust des Mitgefühls. Über die Politik der Gleichgültigkeit".
Zum Glück gibt es auch heute noch Leute wie Arno Gruen, diesen großen liebenswürdigen Weltweisen und Lehrer des Mitgefühls, dem ich an dieser Stelle meine herzlich naiven Grüße übersende. "Es geht ums Tun, und nicht ums Siegen!" Du aber hast ungezählte Herzen erreicht, lieber Arno.

PS: Übrigens ist das wunderbare Buch "Der Verlust des Mitgefühls" als Taschenbuchausgabe im Handel erhältlich
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Konstantin Wecker

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