Dienstag, 6. Oktober 2009

06.10.2009

Liebe Freunde!

(Zur Bundestagswahl, Teil 2)

Wovor mir wirklich graut, das wäre, wenn sich diese Merkelei zu einer Neuauflage der Kohl-Ära auswächst. Diese Einschläferung im Wahlkampf hat mich doch sehr daran erinnert, wie 16 Jahre lang das geistige Niveau gezielt nach unten gefahren und jedes Problem ausgesessen wurde.Nun war dieser Kulturverfall unter Kohl schlimm genug, aber da konnte man immer noch von den geistigen Restbeständen der 68er-Bewegung runterbeissen, da war also ein gewisses intellektuelles Polster vorhanden. Heute kommen wir auf dem kulturellen Zahnfleisch daher. Wohin uns auf dem jetzigen Stand des Geisteslebens eine weitere Einlullung und Verblödung führen würde, das will ich mir nicht ausmalen.

Deshalb wird es in diesem zweiten Teil meiner Anmerkungen zur Bundestagswahl nicht um das gehen, was man sich normalerweise unter Politik vorstellt. Drei-Buchstaben-Kürzel irgendwelcher Parteien werden nicht vorkommen. Das ist quasi meine Rache. Kultur kam ja im Wahlkampf auch nicht vor.

Und zwar kam Kultur wirklich überhaupt gar nicht vor.

Nix.

Null.

Fehlanzeigen.

Die große Abwesenheit.

Nicht einmal, wie die Bildung, als ein Programmpunkt, den man im Wahlkampf aufbläst, um hinterher wieder die Luft rauszulassen, kam die Kultur vor. Das Wort Kultur war nicht vorhanden. Auch nicht im Wahlkampf der Linkspartei übrigens. Bildungsabbau, ja, das wird thematisiert. Sozialabbau, sowieso. Und ich bin ja der Erste, der da ungefragt in Solidarität ausbricht. Aber was ist mit dem Kulturabbau?

Mit Kultur meine ich natürlich nicht nur die Kultur, die brav von Deutsche Bank bis Audi gesponsert wird, schöne Musik, herrliche Musik zum Teil - aber eben Musik die nicht weh tut, die nicht nach der Herkunft des Geldes fragt, mit der sie möglich gemacht wurde - nicht mehr danach fragt, muss man sagen, denn vor Jahrhunderten tat auch die klassische Musik den Herrschenden weh. So sehr ich die klassische Musik liebe, zum Teil vergöttere, aber das kann und darf nicht alles sein. Und ich erwarte von einer demokratischen Gesellschaft, dass Gelder freigemacht werden auch und gerade für eine Kultur des Widerstands gegen ebenjene selbstgefälligen Sponsoren, die sich mit geistigem Gut schmücken um weiterhin ihre geistlosen Geschäfte verrichten zu können.

Aber selbst und gerade in Berlin, unter Wowereit und Rot-Rot, wird ein atemberaubender Vernichtungsfeldzug gegen alternative Kultur veranstaltet. Den Palast der Republik hat man abgerissen, weil man es nicht ertragen konnte, dass in Berlin Mitte ein solches Prunkstück der DDR-Architektur stehen bleibt. Schon das ein Skandal, eine Denkmalschändung ohnegleichen. Aber was ja in der öffentlichen Debatte gar nicht richtig vorkam: dieser Palast der Republik war in erster Linie ein Kulturzentrum! Und zwar ein Kulturzentrum für normale Leute mit normalem Einkommen, und das wird beim neugebauten Stadtschloss sicher nicht so sein.

Das Kulturzentrum Tacheles, das Berlin auf seinen Tourismusseiten stolz der Welt
präsentiert, soll derweil privatisiert werden. Geplant ist, stattdessen ein
Hotel für die Gäste und Mitarbeiter des Bundesrates hinzusetzen.

Im thüringischen Suhl wurde erst das Orchester abgeschafft. Jetzt wird noch das ehemalige Haus der Kultur, jetziges Haus Philharmonie, abgerissen. Die IHK will sich dort ein Haus der Wirtschaft bauen. In Suhl! Einer Stadt, in der keine nennenswerte Wirtschaft mehr übrig ist, seit die Treuhand damit fertig ist. Der ehemalige französische Kulturminister Jacques Lang hat einmal gesagt:

"Kultur ist die Nahrung der Seele". Und in dieser Hinsicht wird gerade da gehungert, wo die Kühlschränke noch voll sind. Die sogenannte erste Welt mag erstklassige Autos und Waffen bauen, aber geistig und kulturell erleben wir eine beispiellose Verelendung und Verwahrlosung.

Und nehmen wir das nicht zu leicht: Empfindsamkeit ist die Voraussetzung, dass Solidarität überhaupt entstehen kann. Kultur befähigt uns, uns selbst im anderen zu erkennen.

Was ist zu tun?

Poetisierung ist das Gebot der Stunde, und Solidarisierung. Die Rückeroberung der Herzlichkeit in einer Gesellschaft der Herzlosen, der Einzug der Poesie in eine Welt der Menschen als Ware.

Aufstand ist nötig, kein Aufstand der Anständigen. Sondern der Unanständigen, Anstößigen, Unangepassten, derer, die sich informieren statt sich einlullen zu lassen, Zusammenballung der Kräfte des Unmuts, Vergeistigung einer geistlosen Gesellschaft.

Euer Konstantin Wecker

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