Freitag, der 16. Oktober 2009

16.10.2009

Liebe Freunde!

(...) Ich will diese Premiere, diese ersten Video-Notizen, gleich mal mit einem Grundwiderspruch beginnen.

Es kann nämlich nicht gut sein, wenn man friert, und es stimmt schon: der Technik, die unser Alltagsleben immer mehr durchdringt, haftet etwas Unterkühltes, etwas ganz entschieden

Unromantisches an. Brieftauben sind doch eindeutig romantischer gewesen als ein Postwagon der Eisenbahn, ein radelnder Briefträger romantischer als ein Auto fahrender, aber dieser immer noch romantischer als eine Email oder SMS und bitteschön: ohne Frage kann alles das wohl nicht mithalten mit dem romantischen Hochgefühl das ein Liebesbrief hinterlässt, den ein reitender Bote über feindliche Grenzen geschmuggelt hat... oder aus Gefängnismauern.

Glaubt mir: wenn ich die Wahl und die Mittel hätte - ich würde jede meiner Notizen durch einen berittenen Boten zu Euch nach Hause bringen lassen, ehrlich! Da kämen sie dann an bei Euch, als goldene Bullen mit Siegel und Schnur, verfasst mit geheimer Tinte auf Pergament.

Aber im Ernst: es ist ein Wesensmerkmal romantischer Visionäre, dass sie immer auch ein schwer integrierbares Faible für die Technik hatten. Nehmen wir Ludwig den II. - als Musicalkomponist erlaube ich mir ihn aus dem Kontext der Geschichte in die poetische Ebene der Legende zu erhöhen - der Kini also ließ sich zu einer Zeit, als in New York die ersten Wolkenkratzer hochgezogen wurden, Schlösser aus alten Zeiten und neuen Träumereien erbauen - und war dennoch voller Begeisterung für die technischen Möglichkeiten, seine Phantasien Realität werden zu lassen. Meine Begeisterung für technische Neuerungen hat sich ursprünglich aus den technischen Notwendigkeiten der Filmvertonung ergeben. Und ich geb es offen zu: ich gehöre zu den Kindsköpfen die sich begeistert in Gravisstores und Appleshops rumtreiben und über neue i - phone Apps ins Schwärmen geraten.

Der Altersgruppe, die sich pausenlos im Netz tummelt bin ich sicherlich entwachsen, und manches ist mir auch immer noch sehr fremd - aber trotzdem: ich finde spannend was da passiert und auch welche politischen Möglichkeiten sich daraus ergeben können.

Wie bitte sollen wir der Medienmeinungsmache trotzen, wie anders eine wirksame Gegenöffentlichkeit schaffen, wie sie schon Ende des letzten Jahrhunderts Ignazio Ramonet in Porto Allegre gefordert hat, wenn nicht über weltweite unzensierte Kommunikation.

Im Iran haben wir gerade gesehen, wie eine neue Generation von Aktivisten sich mit Hilfe des Internets organisiert und ein brutales Regime effektiv unter Druck setzen kann. Und mit Hinter-den-Schlagzeilen versuche ich seit fast 10 Jahren Artikel zu vernetzen, die der allgemeinen Verblödung entgegenwirken.

Im Rahmen der Weitergestaltung meiner Website versuche ich nun mit ein paar Neuerungen zu spielen. Zum Beispiel damit, dass ihr meine Notizen nicht nur lesen, sondern ab und zu auch sehen und hören könnt.

Übrigens nicht vergessen: am 16.Oktober ist Wüstenrottag - ach Quatsch - natürlich der Geburtstag von Oscar Wilde: Eine Landkarte, auf der Utopia nicht zu finden ist, verdient keinen Blick.

Konstantin Wecker

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