Samstag, der 17. Oktober 2009

17.10.2009

Liebe Freunde!

Worte sind Symbole, auch wenn man das immer wieder gerne vergisst. Wie auch Zahlen und Noten Symbole sind. Sie deuten auf die Wirklichkeit hin, sind aber nicht die Wirklichkeit. Es ist wichtig, sich die Interpretationsfreiheit der Worte zurück zu erobern.

Kein Wort hat eine für immer festgeschriebene Bedeutung. Freiheit bedeutete für mich als 14jährigen etwas anderes als nur zehn Jahre später. Und erst heute! Und auch die Worte Liebe, Gott, Demut, Güte, Mitleid, Frieden - alles Worte, die ich mit meinen eigenen Erfahrungen anfüllen musste, im Laufe eines Lebens regelrecht durchwandert habe, die von Jahr zu Jahr eine andere Bedeutung bekommen haben.

Auch gute Gedichte und Lieder erleben sich immer wieder neu aus dem jeweiligen Verständnis des Rezipienten. Das macht sie so lebendig und geradezu notwendig.

Gottfried Benns vielleicht dichtestes und großartigstes Gedicht "Reisen" erschließt sich mir jetzt völlig anders als dem 17jährigen Schüler, der sich begeistert vom Rhythmus und dem melodischen Wohlklang der Worte hat einfangen lassen.

Meinen Sie Zürich zum Beispiel
sei eine tiefere Stadt,
wo man Wunder und Weihen
immer als Inhalt hat?

Meinen Sie, aus Habana,
weiß und hibiskusrot,
bräche ein ewiges Manna
für Ihre Wüstennot?

Bahnhofstraßen und Rueen,
Boulevards, Lidos, Laan -
selbst auf den Fifth Avenueen
fällt Sie die Leere an -

ach, vergeblich das Fahren!
Spät erst erfahren Sie sich:
bleiben und stille bewahren
das sich umgrenzende Ich.

Alle paar Jahre wieder begegnete ich diesen Strophen, in den verschiedensten Situationen, aus unterschiedlichsten Anlässen. Benn selbst schrieb einmal, er habe über viele Jahre an diesem Gedicht gearbeitet. Mich hat es, wie viele seiner Gedichte, ein Leben lang begleitet.

Heute kann ich dieses "Bleiben und stille Bewahren" in meinem tiefsten Inneren nachvollziehen. Es ist meins geworden. Der Satz gehört mir jetzt. Er klingt nicht nur schön und wie "fernes Ahnen": das Symbol ist zur Wirklichkeit in mir geworden.

Normalerweise weigere ich mich mit Fremden über Gott zu sprechen. Obwohl ich persönlich kein Problem mit diesem Symbol habe, weiß ich, dass es vermutlich so viele Deutungen gibt, wie es Menschen gibt. (Einzig die Fundamentalisten aller Coleur glauben sich wohl einig zu sein.) Krishnamurti sagte einmal sinngemäß, zu sagen man sei Christ, oder Hindu, oder Moslem käme schon einer Kriegserklärung gleich. Sieht man sich die Kriege an, die im Namen Gottes geführt werden, leuchtet dieser Satz ein.

Dennoch ist es möglich, sich mit wohlwollenden Menschen im Gespräch auf Gott zu einigen. Aber nur dann, wenn allen bewusst ist, dass es nicht nur eine allgemeingültige Deutung des Wortes gibt ... und wenn allen bewusst ist, dass auch Gott nur ein Wort ist, auf das man durchaus auch verzichten kann, wenn man Gott in sich erfahren hat.

Ich konnte mein Leben lang zum Beispiel mit dem Wort Depression nichts anfangen. Es war bedeutungsleer für mich, weil ich die Schwermut aus meinem Leben verdrängt hatte.

Erst als ich vor 8 Jahren ein Lied über die Schwermut schrieb ("Alles das und mehr"), als die Verse des Liedes über mich kamen, wurde mir bewusst, dass ich immer schon auch ein schwermütiger Mensch gewesen bin. Ich wollte das anscheinend nur nie wahrhaben. Erst seit diesem Moment, als ich das Wort angenommen hatte, in mir zum Leben erweckt hatte, konnte ich ehrlich nachvollziehen, was depressive Menschen erdulden müssen.

Als ich jetzt im September im Senftöpfchen in Köln mit Jo zusammen nach längerer Zeit wieder einmal den "alten Kaiser" spielte, packte mich das Lied auf eine völlig neue Weise. Ursprünglich war es ja - vor 30 Jahren! - entstanden, nachdem ich ein Foto des Diktators Haile Selassi in einer Zeitung gesehen hatte, das ihn einsam und verlassen, völlig verstört und Mitleid erregend in seinem großen Park zeigte. Damals zog das Mitgefühl, das ich wagte im Lied für diesen einsamen Kaiser zu empfinden, den Zorn vieler linker Ideologen auf sich.

Und während ich das Lied mit Jo spielte, je inniger ich mich auf die Musik und unsere Improvisation einließ, je tiefer ich versank in den Klängen, die mir mein genialer Partner zuspielte, umso deutlicher wusste ich plötzlich, dass es gar nicht mehr um Haile Selassi ging, sondern um mich. Um den Abschied des (alternden) Mannes von der Macht, von Präpotenz und Gockelei. An diesem Abend, während des Singens, kam diese Erkenntnis wie ein Paukenschlag in mein Leben und lässt mich seitdem nicht mehr los.

Recht so. Ich halte das Patriarchat, trotz Merkel, ohnehin für das denkbar dümmste Gesellschaftssystem, für das sich die Menschheit entscheiden konnte. Hand in Hand mit dem Irrweg Kapitalismus wird es uns zielsicher vom Erdball wischen, nicht ohne weiterhin, noch am Boden liegend, zu behaupten, es gäbe keine Alternative zu diesem Wahnsinn.

Und ob es Alternativen gibt!

Liebevolles Miteinander statt machtversessenes Gegeneinander, Zusammenarbeit statt Einzelkämpfertum - ach Freunde, was brauch ich euch das noch erzählen. Ihr lebt es ja zum Teil schon, was jene noch nicht einmal ahnen. Man kann es in Tausenden von Büchern nachlesen, sich von Millionen Menschen erzählen lassen - nur bei Anne Will sitzen immer die gleichen Angeber und verleihen fehlgeschlagenen gesellschaftlichen Experimenten höhere Weihen.

Insofern sind unsere jetzigen Regierenden nichts als Totengräber eines verkommenen Systems. (Und keiner sollte glauben, dass Frau Merkel und andere nur weil sie Frauen sind nicht Teil des Patriarchats wären....)

Da schreibt man also - um auf den alten Kaiser zurück zu kommen - ein paar lyrische Impressionen, hat keine Ahnung warum, und Jahrzehnte später ereilen dich die eigenen Worte.

Das Lied erzählt übrigens von einer Tragödie nicht nur aus Sicht des Kaisers. Die Niederlage liegt durchaus auch bei denen, die am Horizont die Schwerter schmieden und sich, wenn sie dann erfolgreich um die Macht gerungen haben werden, fragen lassen müssen, worin sich ihre ach so neue Zeit denn wirklich unterscheiden wird, von der des Alten Kaisers. Und deshalb gibt es nur eine Antwort und die heisst: Abschied von der Macht auf allen Seiten. Throne für alle!

Worte sind Symbole. Wenn ichs nicht ab und zu erzählt hätte, wäre sowieso niemand drauf gekommen, dass es in diesem Lied um Haile Selassi gehen könnte. Viele haben das Lied auch nicht wirklich verstanden, was kein Problem ist, man muss nicht alles sofort verstehen. Man muss eben manchmal warten bis es sich einem erschließt. So wie der Autor eben!

Nun musste ich also 30 Jahre warten, um mein eigenes Lied zu begreifen.

Wieder ein Beweis dafür, dass meine Lieder klüger sind als ich.


Der alte Kaiser

Der alte Kaiser steht im Garten und wirft Schatten.
So überflutet ihn der Mond. Der Kaiser träumt:
In die vergoldeten Paläste strömten Ratten,
und in den Sälen seien wilde Pferde aufgezäumt.

Die ritten Tote, und ein dumpfes Klagen
zerriss die Erde, und der Kaiser flieht
und schreit zum Mond hinauf: Dich muß ich haben.
Und hofft auf einen, der ihn in den Himmel zieht.

Schlaf, Kaiser, schlaf,
denn morgen werden sie kommen.
Du hast ihnen viel zuviel
von ihrem Leben genommen.

Der alte Kaiser steht im Garten und wird älter
und ängstigt sich und hebt verwirrt die Hand.
Die kaiserlichen Nächte werden kälter,
ein harter Atem überfällt das Land.

Schon schmieden sie am Horizont die Schwerter,
der Glanz der fetten Zeiten ist verpufft.
Der Kaiser spürt: er war schon mal begehrter,
und gräbt sich eine Kuhle in die Luft.

Schlaf, Kaiser, schlaf,
denn morgen werden sie kommen.
Du hast ihnen viel zuviel
von ihrem Leben genommen.

Der alte Kaiser steht zum letztenmal im Garten.
Noch ein paar Stunden, und der Kaiser war.
Er läßt die Arme falln, die viel zu zarten,
und wittert und ergibt sich der Gefahr.

Die Tränen der Paläste werden Meere.
Sogar die Ratten fliehen mit der Nacht.
Und mit der neuen Sonne stürmen stolze Heere
die alte Zeit und ringen um die Macht.

Stirb, Kaiser, stirb,
denn heute noch werden sie kommen.
Du hast eben viel zuviel
von ihrem Leben genommen.

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