Montag, der 15. Juni 2009

15.06.2009

Liebe Freunde!

Gestern hab ich beim allnächtlichen Hesse-Schmökern einen Brief entdeckt, den der reife Meister im Jahre 1957 an Ernst Morgenthaler geschrieben hat. Ich möchte Euch ein paar Zeilen daraus zitieren:

"Zu den Widersprüchen des Lebens, dessen tragischer Aspekt so oft und so leicht vom Komischen überspielt wird, gehört es ja auch, dass wir Künstler mit der einen Hälfte unserer Seele in nichts so verliebt und von nichts so entzückt sind wie vom Augenblick, vom Kurzlebigen, vom blitzschnell Wechselnden der Gebärden des Lebens, und in der anderen Seelenhälfte diese tiefe Sehnsucht nach Dauer, nach Statik, nach Ewigkeit tragen und hegen müssen, diese Sehnsucht, die uns immer wieder dazu treibt, das Unmögliche anzustreben: die Vergeistigung und Verewigung des Vergänglichen, das Kristallisieren des Flüssigen und Wandelbaren, das Festhalten des Augenblicks. Was der Weise im kontemplativen Verzicht auf jedes Tun zu erreichen sucht: die Aufhebung der Zeit, das streben wir Künstler auf dem umgekehrten Wege an: durch höchste Aktivität im Dienst des Festhaltens und Verewigens."

Warum ich das zitiere? Nun, es beruhigt mich und hat mir etwas von meinem verloren gegangenen Seelenfrieden zurückgegeben. Hab ich mich doch in den letzten Jahren immer etwas schuldig gefühlt, wenn mir mitten in der Kontemplation eine Melodie oder eine Zeile so vehement durch den Kopf schoss, dass ich nicht anders konnte als aufzuspringen und ihr nachzugeben, alle Weisheit hinter mir lassend, alle Disziplin und Askese vergessend, nur diesem Moment der Eingebung folgend, wie sinnlos sie oft auch gewesen sein mochte.

Wie oft hab ich doch insgeheim die perfekt Meditierenden beneidet, um ihre unbeirrbare Körperhaltung, ihren perfekten Lotussitz (ich müsste mir die Beine brechen um diese Haltung auch nur drei Sekunden lang einzunehmen), ihr tiefes Versunkensein in die Stille der inneren Wirklichkeit.

Obwohl: in das Herz solcher Meditationsprofis sehen konnte ich natürlich auch nie und wer weiß, vielleicht wär ich da so abgrundtiefen und unruhigen Abgründen und Seelennöten begegnet, dass es durchaus besser war, sie nur von außen zu bewundern.

Meine körperliche meditationstechnische Unzulänglichkeit hat mich dann auch weiters davon abgehalten, in Gemeinschaft auch noch so freundlicher Leute zu meditieren. Zwar versichern mir Leute, die viel in Asien unterwegs sind, dass diese Fixierung auf den perfekten Doppellotus ein ausgesprochen westlicher Tick ist, und dass es bei der Meditation lediglich auf eine Haltung ankommt, die das Stillhalten über längere Zeiträume ermöglicht und dem freien Fliessen der Kräfte keinen Widerstand entgegensetzt. Ich hab mich trotzdem einfach geschämt nur auf einem Stuhl zu sitzen, während die meisten anderen gymnastische Höchstleistungen vollbringen.

So recht wollte ich mich andererseits nie damit abfinden, dass ich nicht doch zum großen Mystiker geboren bin, zur männlichen Theresa von Avila, der Gottes innere Burg durch asketische Übungen zu erobern sucht.

Allein schon die paar Zigaretten am Tag, auf die ich einfach nicht verzichten will, legen mir einen dicken Knüppel in den Weg zur Erleuchtung.

Aber so flappsig das klingen mag: wichtig sind sie mir schon, diese Augenblicke kostbaren Innehaltens, wenn wie mit einem Schalter die Zeit angehalten wird und man die Möglichkeit bekommt, Gott hinter allem Getöse und Gegockel der Welt, befreit von seinen Zuhältern und PR-Managern, in der Stille zu entdecken.

Und auch weiß ich schon lange, dass in Momenten der Kreativität, zum Beispiel beim Improvisieren während eines Konzertes, getragen von der Liebe und zärlichen Energie des Publikums, Momente vollendeter Schönheit möglich sind: tiefe Einblicke in den "Weltengrund", heilige Momente ohne Eitelkeit und ohne irgendetwas zu erwarten.

Aber ich dachte mir immer insgeheim, künstlerische Aktivität sei vielleicht nur zweite Wahl auf dem Weg in den Olymp der Weisheit.

Und nur selten ist die Einheit zwischen Werk und Mensch so offensichtlich und stimmig wie bei Hesse.

Und jetzt erlaubt mir dieser großartige Mensch aktiv zu sein und dennoch kontemplativ.

Musik zu machen, mich über Applaus zu freuen und dennoch auf dem richtigen Weg zu sein.

Unter uns gesagt, trotz aller Sehnsucht und aller bislang kläglich gescheiterten Versuche: den mönchischen Weg der schweigsamen Kontemplation hätte ich wohl auch ohne Hesse nicht durchgehalten.

Aber jetzt hab ich halt ein besseres Gewissen beim weiterhin lustvollen Leben.

Alles natürlich im "Dienst des Festhaltens und Verewigens" der flüchtigen Augenblicke.

So gern wir einen Weg gehen würden, den uns andere vorleben - uns bleibt nur, den eigenen zu suchen und zu gehen.

Und sich dabei von den Meistern ermutigen zu lassen, ist auch nichts Verkehrtes. Denn die guten Leute brauchen auch ab und zu mal Aufmunterung von einem guten Leut!

Sagt nicht Buddha, es gebe soviel Wege zur Erleuchtung wie es Menschen gibt?

Lasst uns den Weg finden, der uns bestimmt ist.

Er ist der einzige, der uns zur Verfügung steht.

zurück