Dienstag, der 28. Juli 2009

28.07.2009

Liebe Freunde!

Nach dem wahrhaft stürmischen und herzerwärmenden Konzert in Weitersroda habe ich nach langen und erfrischenden Gesprächen mit meinem Freund Prinz Chaos dem Zweiten diesen Text verfasst:

Es geht ums Tun!

Wir leben in stürmischen Zeiten. Eine Welt geht vor unser aller Augen unter. Aber sind auch die Menschen stürmisch? Ein Plädoyer für utopische Tendenzkunst.

Mit Albert Einstein ist, um sich in einer Schafsherde wohlzufühlen, vor allen Dingen erforderlich, dass man Schaf ist. Auch als Ochse ungeeignet, ist meine beharrliche Weigerung, mich vor irgendeinen parteipolitischen oder institutionellen Karren spannen zu lassen, bekannt.

Es gab zwei Ausnahmen hiervor. Die Grünen in den 80er Jahren - geprägt von meiner Liebe und Bewunderung für Petra Kelly - und die Gründung der Linkspartei. Beide Fälle waren letztlich punktueller Natur, eine konkrete Intervention an einem als kritisch für die Zukunft empfundenen Punkt der politischen Entwicklung.

Beide Male war mein Einsatz stark motiviert durch meine Vertrauensbasis zu Leuten, die ich gut kannte und gut fand.

Trotzdem folgte auf mein öffentliches Eintreten jedes Mal auch recht schnell der Abgang von dieser parteipolitischen Bühne. Ich habe meine eigenen Bühnen, da fühle ich mich wohl und da gehöre ich hin. Als Parteibarde bin ich schon aufgrund meiner Unfähigkeit, irgendeiner anderen als meiner eigenen Linie zu folgen, völlig ungeeignet.

Ich bin Romantiker. Linksromantiker, sicherlich, aber Romantiker. Das Gerade und Geordnete in allen Ehren, aber ich will nicht marschieren, sondern schlendern, lustwandeln, wandern und schwärmen.

Außerdem bin ich ein freier Mensch und lege wirklich großen Wert darauf, das auch zu bleiben.

Trotzdem jetzt dieses Plädoyer für Tendenzkunst. Während nämlich die Gefahr einer Vereinahmung durch Dritte für den politischen Künstler immer virulent sein wird, ist unser aktuelles Problem etwas ganz anderes: der eklatante Mangel an politisch engagierter Kunst nämlich!

Dieser Mangel ist schon seit langem riesengroß. Der unbeugsame Oskar Maria Graf hat vor fast 60 Jahren davon gesprochen, dass er zeitlebens ein "engagierter Künstler" sein wird, weil er es als Verpflichtung empfindet, die ihm sein Talent auferlegt hat. Das darf kein Dogma sein und ein Künstler hat durchaus auch die Berechtigung sich in einem Elfenbeinturm zu verbarrikadieren. Ich sehe das nicht so verbissen. Aber wenn wir nur noch Elfenbeintürme haben, verlieren die auch ihren Reiz. Und viele Kollegen, die sich dorthin zurückgezogen haben, haben sich - vielleicht sogar ohne es zu wollen - von der neoliberalen Propaganda einkaufen lassen. Was Besseres konnte den Zuhältern des Kapitals gar nicht passieren, als dass die Künstler aufhören sich einzumischen und die Finger auf Wunden zu legen.

Mir geht übrigens für diese ewige Fragerei, ob Kunst politisch sein soll oder darf oder eigentlich sein müsste, inzwischen immer mehr das Verständnis ab. Wer bitte soll denn die Stimme der seitlich Umgeknickten, der Hartz 4 Empfänger, der Unangepassten, der Spinner und Schwärmer sein, wenn schon die Künstler Besseres zu tun haben als sich mit den Problemen der Menschen und den Gemeinheiten der Welt zu befassen? Von den Medien werden die Leute und Lebenswelten jenseits der Vorzeigegesellschaft der vermeintlich Erfolgreichen jedenfalls genauso zuverlässig im Stich gelassen wie von der Politik.

Das ist ein grober Fehler, den sich wenigstens die Kunst nicht leisten sollte. Wie sagte Robert Jungk so schön: "Gesellschaftliche Veränderung fängt immer mit den Außenseitern an, die spüren was notwendig ist."

Wer in dieser Zeit nicht seine Stimme erhebt für eine friedvolle Welt und gegen den Wahn der Menschheit sich selbst und die Erde durch Gier und Dummheit gezielt zu vernichten, der hat es nicht verdient eine öffentliche Stimme zu haben. Der ist als kreativer Ausdruck seiner Zeit fehl am Platz.

Was wir vielmehr brauchen, ist das, was man früher als engagierte Kunst bezeichnet hat und was nun schon seit langem als "Gutmenschentum" oder "Alt-Achtundsechziger Attitüde" desavouiert wird.

Also der berühmte, gerade uns Liedermachern immer wieder vorgehaltene "erhobene Zeigefinger"? Mir ging es noch nie um gesungene Parolen, Agitationstheater oder um moralisierende Pädagogik in der Kunst. Ich bin Puccinist und vergöttere Rilke - und gerade das hat mir ja in den 70ern so viel Ärger mit der Linken eingebracht. Mir geht es überhaupt nicht um vordergründig politische Kunst, sondern um solche, die ganz einfach gesellschaftlich und zukunftsrelevant ist. Aber was heißt Relevanz für eine Gesellschaft, deren fundamentale Krise für die übergroße Mehrheit eine alltägliche Tatsache ist, die nur von denen geflissentlich ignoriert und weggeplappert wird, die ihr Geld als hauptamtliche Schönfärber und Konsensarrangeure verdienen?

In meinem Verständnis heißt Relevanz, dass Kunst eine bewusste humanistische Tendenz hat. Immer schon war die Kunst auf Seiten der Unterdrückten 96 und immer schon sahen kluge Geister in der Kunst und Kultur den Schlüssel zur schöpferischen Fortentwicklung der menschlichen Gesellschaft.
In seinem Programm zur "Ästhetischen Erziehung des Menschen" forderte beispielsweise Friedrich Schiller 1795 eine Schulbildung in Wissenschaft und Künsten für die gesamte Bevölkerung als Voraussetzung für die Schaffung einer besseren Gesellschaft. Selbst ein politisch eher unverdächtiger Künstler wie Beethoven drückt seine Enttäuschung über Napoleon und dessen Verrat an den Idealen der Französischen Revolution verschlüsselt in der Eroica aus. Dostojewski wurde wegen revolutionärer Umtriebe zum Tode verurteilt, von der Selbstverständlichkeit politischer Haltung bei Büchner und Heine gar nicht zu reden. Wer möchte bezweifeln, dass schon HomersIlias ein eminent politisches Werk ist - das von seinem Schöpfer durchaus auch als solches gedacht gewesen ist?

Nur heute sollen wir unseren Mund halten? Weil es keine Unterdrückten mehr gibt vor lauter Highsein und Freisein? Weil unsere unverantwortliche Lebensweise ohne kritische Reflexion in der Kunst auskommt und eine lediglich den Fortbestand unserer Spezies gefährdende Weltkrise nörgelnder Kommentare von Künstlerseite lieber enträt?

Einigen scheint die jahrzehntelange Dauerparty nebst zu heftigen Bassfrequenzen das Hirn vernebelt zu haben. Oder ist da ein System dahinter? Will man die Künstler durch Bestechung oder Totschweigen gesellschaftspolitisch mundtot machen, gerade weil sie die einzigen wären, die der neoliberalen Gehirnwäsche noch etwas entgegensetzen könnten, und zwar etwas, das über wackere Reparaturvorschläge für einen Kapitalismus im Verwesungsstadium hinausgeht?

Hier liegt aus meiner Sicht die überragende Notwendigkeit bewusster politischer Tendenz in der Kunst gerade heute, hier und jetzt. Die Linke, und das meint nicht nur die Linkspartei, ist teilweise rettungslos verfangen in vergangenen Jahrhunderten, im Zeitalter der Staaten und des Nationalen, der starren Blöcke und festgefügter Lager. Und so erleben wir eine Krise der Linken inmitten der Krise des Kapitalismus. Ein kurioses Schauspiel, aber keinesfalls wirklich überraschend. Egon Friedell schreibt in der Einleitung seiner "Kulturgeschichte der Neuzeit":

"Überall, wo sich Neues bildet, ist Schwäche, Krankheit, ´Dekadenz´. Alles, was neue Keime entwickelt, befindet sich in einem scheinbaren Zustand reduzierten Lebens: die schwangere Frau, das zahnende Kind, der mausernde Kanarienvogel. Im Frühling hat die ganze Natur etwas Neurasthenisches."

Was wir benötigen, ist eine wirkliche Neuschöpfung des Geistes. Das Neue, das der besseren Welt zur Geburt helfen könnte,müsste schon wesentlich neuer sein als ein siebter Aufguss linker Theorien und Konzepte aus dem 20. Jahrhundert. Ja: Utopie! Nach einem traumatischen Jahrhundert fehlt es den heutigen Oppositionellen vor allem an Traumenergie, an der fantastischen Kraft großartiger Ideen. Wir erreichen aktuell bestenfalls einige Köpfe, aber nur in den allerseltensten Fällen die Herzen der Menschen!

Nun sind Phasen vermeintlicher Weltuntergänge in vielen Fällen das gerade Gegenteil dessen gewesen: Phasen eines Weltaufgangs nämlich. Und ich bin wirklich voll von Hoffnung, dass sich unsere diesmalige Weltenkrise mitsamt Finanzcrash und Klimawandel positiv wenden lassen wird. Die Geschichte hat wieder und wieder gezeigt, dass aus der Dunkelheit einer finalen Systemkrise ein neues besseres Zeitalter in die Welt platzen kann.

Dieses Herausplatzen aber bedarf ungeheuerer schöpferischer Kräfte. Ohne Leonardo da Vinci wird es schwierig mit der Renaissance und ohne Rousseau keine Aufklärung. Diese Leute haben nicht einfach gewartet, bis ihnen eine unverständige, im Alten verharrende Zeit gnädig eine hörbare Stimme verliehen hat. Die großen geistigen Neuschöpfer hatten eine Stimme und wurden letztlich trotz aller Widerstände und Versuche des Totschweigens gehört, weil sie gewohnt waren, ihre Stimme zu erheben!

Sicherlich ist nicht jeder große Anlauf zur Erneuerung von strahlenden Erfolgen gekrönt gewesen. Der Dank der Welt ließ oftmals auf sich warten, in vielen Fällen kam er um Jahrzehnte zu spät. Aber selbst wenn man das Gefühl hat, kaum gehört zu werden, wenn man gegen die Taubheit seiner Zeit ansteht wie gegen eine Mauer der Sinnlosigkeit - "Es geht ums Tun und nicht ums Siegen".

Diese Zeile habe ich in einem Lied über die Weiße Rose geschrieben. Hans und Sophie Scholl haben das Naziregime nicht stürzen können. Und trotzdem haben sie unendlich viel erreicht. Sie machen Mut, nicht zuletzt auch deswegen, weil sie mit der Poesie ihrer Flugschriften und der heroischen Dramatik ihrer jungen Leben bis heute die Herzen ganzer Generationen erreichen. Die Geschichte unseres Landes wäre ohne sie und viele andere, oft ganz bewusst vergessene kommunistische und sozialistische Widerstandskämpfer noch unerträglicher.

Momentan können wir unter wesentlich günstigeren Bedingungen agieren. Schäuble tut was er kann, aber noch gibt es Spielräume genug in dieser Welt, echten Widerstand, neues Denken und praktische Schritte in eine gerechtere Welt zu unternehmen. Die Ausreden für unsere ewige Passivität, für ein treudummes und feiges Verharren inmitten einer verfallenden Welt gleicht Leuten, die vor lauter Angst, obdachlos zu werden, bis zum bitteren Ende in ihrem lichterloh brennenden Haus verweilen.

Wir leben in einem gigantischen Umbruch der Weltgesellschaft, ein ganzes Zeitalter geht vor die Hunde und das neue ist noch nicht geboren. In dieser Situation einer geraden Linie zu folgen, erscheint mir eine ganz absonderliche Idee. Wir müssen vielmehr selber beweglich werden, wenn der Weltenboden schwankt! Intuition und die Fähigkeit zur Spontaneität sind das Gebot der Stunde. Das Festhalten an Althergebrachtem ist die sichere Fahrkarte ins Abseits der Weltgeschichte.

Nun gibt es Anlass, das Zeitalter in dem große Männer Geschichte machten, endgültig hinter uns zu wähnen. Wir brauchen nicht einzelne Große, sondern die Vernetzung vieler Einzelner zu etwas Großem, einen Gewebeteppich verbündeter Bewusstseine, Netzwerke kollektiver Projekte, Horte des neuen Lebens und Denkens.
Kunst mit dem Mut zur utopischen Tendenz kann dabei eine unerhört wichtige Rolle spielen. Diese Kunst kann der Welt die rettenden Wege zu neuen, freieren Ufern zu bahnen. Darin liegt ihre Verantwortung.

Euer Konstantin

zurück