Samstag, der 14. Februar 2009

14.02.2009

"Als ich heute die Rua Nova do Almada hinunterging, fiel mir auf einmal der Rücken eines Mannes auf, der sie vor mir herunterging. Es war der ganz gewöhnliche Rücken irgendeines Mannes, das Jackett eines bescheidenen Anzugs auf dem Rücken eines zufälligen Passanten. Er trug eine alte Aktentasche unter dem linken Arm und setzte im Rhythmus seines Gangs einen eingerollten Regenschirm, den er am Griff in der rechten Hand trug, auf den Boden auf.
Ich spürte plötzlich eine Art von Zärtlichkeit für diesen Menschen. Ich spürte für ihn die Zärtlichkeit, die man für die gesamte gewöhnliche Menschheit empfindet, für das Banal-Alltägliche des Familienoberhauptes, das zur Arbeit geht, für sein schlichtes und fröhliches Heim, für die heiteren und traurigen Vergnügungen, aus denen sein Leben notgedrungen besteht, für die Unschuld eines Lebens ohne Analyse, für die tierische Natürlichkeit dieses bekleideten Rückens.

Ich schaute auf den Rücken des Mannes wie auf ein Fenster, durch das hindurch ich diese Gedanken erblickte....

Nun, der Rücken dieses Mannes schläft. Seine ganze Person, die vor mir mit einem dem meinigen gleichen Schritt einhergeht, schläft. Er geht unbewusst. Er lebt unbewusst. Er schläft, weil wir alle schlafen. Das ganze Leben ist ein Traum. Niemand weiß, was er tut, niemand weiß, was er will, niemand weiß, was er weiß. Wir verschlafen das Leben, ewige Kinder des Schicksals. Deshalb verspüre ich, wenn ich mit diesem Empfinden denke, eine gestaltlos unermessliche Zärtlichkeit für die ganze kindliche Menschheit, für das ganze schlafende Leben in der Gesellschaft, für alle, für alles."

Liebe Freunde, ich habe für euch heute diesen Text des portugiesischen Lyrikers Fernando Pessoa abgeschrieben, den ich schon vor längerer Zeit in der Zeitung "connection" gefunden und an meine Pinnwand geheftet habe. Denn ich habe - bis auf einige Texte von Dostojewski - noch nie eine zärtlichere Liebeserklärung an die Menschheit gelesen. Und in gewisser Weise soll dieser Text Pate stehen für meine kleine Tour die ich ab dem 2. April mit Jo und dem fantastischen Linzer "Spring String Quartett" beginnen werde.

"Stürmische Zeiten mein Schatz" werden die Konzerte heissen, ebenso wie die Gedichtanthologie beim Piperverlag, für die ich Liebesedichte von Poeten ausgesucht habe, die mich seit Jahrzehnten begleitet haben. Ebenso wie Gedichte von Kollegen wie Hannes, Franz Josef, Wenzel und von vielen anderen, denn ich bin es leid, dass in den meisten Anthologien immer noch unterschieden wird zwischen echten Dichtern (nicht singend) und falschen (singend).

Auch junge (singende) Kollegen wie Heinz Ratz oder Prinz Chaos II bereichern den Band mit ihren Liebesergüssen.

(Lyrik leitet sich von Lyra her und ist die zum Spiel der Lyra gehörende Dichtung. Na also.)

Peter Handke sagt in Wim Wenders´ "Falsche Bewegung": "Wenn doch beide, das Poetische und das Politische eins sein könnten ... das wäre das Ende der Sehnsucht."

Nun sieht´s zur Zeit nicht gerade nach dem Ende der Sehnsucht aus - aber immerhin von der Sehnsucht wissen wir so manches Lied zu singen.

Mit zärtlichen Gedanken euren Rücken betrachtend

Euer Konstantin

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