Verabschiedung der Geldsüchtigen

10.11.2008

Früher - A.O. (ante Obamam) - da war die Welt noch ein wesentlich dunklerer Ort. Es war in der Ära Bush und noch bevor die Börsenkurse abzustürzen begannen, wobei ich ja schon gestehen muss, dass mich crashende Aktien nicht gerade zu Tränen rühren. Denn diese maßlose Gier, die unsere Gesellschaft seit Jahr und Tag verpestet, die Poren der Mitmenschlichkeit verstopft und alles bewertet nach seinem Geldwert, dieses haltlose Sich-Gehen-Lassen in billigsten, kurzsichtigsten, ökonomischen Egoismus, es musste ja doch einmal ein dickes Ende haben.
Und es wäre eben zu kurz gedacht, diese Gier nur "bei denen da oben" zu verorten. Sind wir ehrlich: die Geldgier war spätestens mit Beginn der 90er ein Massenphänomen. Die großen Bonzen "spielen Gott, und wir / kaufen, wie die Lämmer fromm / längst bankrott, doch voller Gier / Aktien der Telekom" singe ich in meinem Lied "Wenn die Börsianer tanzen" und es gab ja diesen Punkt, wo man sich wie ein Depp vorkommen musste, wenn man sich hartnäckig weigerte, sein Geld auf die Börse zu tragen, wo es sich nach einem unabänderlichen Naturgesetz stetig rasant zu vermehren schien. Ich erinnere mich da an manches Gespräch, in dem mir Leute von ihren fantastischen Aktiengewinnen vorschwärmten. Und ich frage mich klammheimlich, ob die heute immer noch so schwärmen...
Ich muss Ihnen nun ein Geheimnis verraten. Ich trage es seit längerem mit mir herum und wollte es an sich schon früher rauslassen, aber dann hat man eben doch Skrupel und schiebt es auf und sagt es lieber nicht. Aber diesmal sag ich´s, Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, ich will es hiermit verraten: also, wenn da mal wieder so ein Crash abläuft, wenn der Dow Jones oder Nikkei oder Dax oder alle gleichzeitig so richtig im Sinkflug in die Verlustzonen abrauschen ... sagen Sie´s um Himmels willen bitte nicht weiter, aber: mich freuts diebisch.
Jaja, ich weiß. Gesamtwirtschaftlich verantwortungslos, wie können Sie nur, Herr Wecker, bedenken Sie die Folgen für die Realökonomie ... tu ich aber nicht. Ich schau mir das an, sehe die verzweifelten Blicke der Geldsüchtigen auf Entzug und sage mir als jemand, der für Süchtige viel Verständnis hat, dass es einmal so kommen musste, dass es gut ist, dass es so kommt. Und dass es den Geldsüchtigen eine wirkliche Chance eröffnet, von ihrer im übrigen vergleichsweise langweiligen Droge endlich wegzukommen.
Ich kann hier durchaus einen gewissen Expertenstatus reklamieren und ich versichere Ihnen: was sich rund ums Geldverdienen und Haben-Wollen, beim Konsumieren-Müssen und Reich-Sein-Wollen abspielt, das sind nichts weiter als ganz klassische Suchtmechanismen. Die Gier nach Geld weist alle gängigen Bestandteile handelsüblicher Süchte auf. Dass, zum Beispiel, die Jagd nach dem Stoff einen immer größeren Teil des Denkens und Fühlens und Handelns in Beschlag nimmt, je länger man der Geldsucht frönt. Dass man eine umso größere Dosis der Gelddroge braucht, um high zu werden, je mehr Geld man sich ständig reinpfeift etc. Die Beschaffungskriminalität vieler anderer Drogen ist übrigens vergleichsweise harmlos, verglichen mit den Verbrechen der Geldsüchtigen, die in ihrem Junkie-Wahnsinn bedenkenlos ganze Volkswirtschaften zugrunde richten für einen Schuss Geld. Und auch die Verwahrlosungstendenzen, die mit jeder Sucht früher oder später einhergehen, bleiben im Falle der Gierigen nicht aus. "Wohlstandsverwahrlosung" wird das sehr treffend genannt, aber es ist keine Verwahrlosung nach außen, die sich in schmutzigem Geschirr und verwanzter Bettwäsche ausdrückt. Die Geldsüchtigen verwahrlosen nach innen, vegetieren mit verdreckten Herzen und einer schimmeligen Seele als Gefühlszombies vor sich hin.
Nun will damit nicht gesagt sein, dass jeder reiche Mensch ein so verkommenes Exemplar eines Geld-Junkies ist. Entscheidend bei jeder Sucht ist ja nicht, wie viel Stoff man hat, sondern wie dringend man ihn haben möchte. Kleine Leute, die aber von der Mär des Reichtums infiziert sind, können von der Geldsucht in schrecklichster Weise befallen sein, gerade weil sie kein Geld haben, dieses aber krankhaft begehren. Dagegen kann ein sehr reicher Mensch, der im Umgang mit seinem Reichtum geschult und eine ausgereifte Persönlichkeit ist, durchaus ein sehr mitfühlendes und seelisch intaktes Menschenwesen sein.
Diese haltlose Gier aber, die wir seit mindestens 20 Jahren erleben, muss man dann auch als das analysieren, was es in Wahrheit ist: eine massenpsychotische Suchterkrankung, eine Depressionsstruktur, die sich um die ganze Gesellschaft gelegt hat wie eine Fessel. So ist ja auch das Schwanken zwischen Omnipotenzgefühlen und Phasen der Grandiosität einerseits und Ohnmachtsgefühlen und Depression andererseits ein klassisches Phänomen eines gestörten Selbst. Hausse und Baisse heisst das an der Börse. Und die immer wilderen Turbulenzen, das immer heftigere Auf und Ab zeigen an, dass die Inkubationszeit der Krise zu Ende geht, dass die lange schwelende Depression dabei ist, mit voller Wucht als Psychose aufzubrechen.
Tja. Und da muss ich eben sagen: es ist gut. Ich bin nämlich ein großer Anhänger des Scheiterns, wie man weiß, und halte es für außerordentlich heilsam, wenn Suchtkranke auf dem harten Boden der Realität aufschlagen. Solange die Grandiositätsillusionen des gestörten Selbst immer weiter befeuert werden, ist wirkliche Selbsterkenntnis annähernd blockiert. Jetzt, nach dem Aufbrechen der Immobilienkrise in den USA, inmitten der einsetzenden Kreditkartenkrise, bietet sich zumindest eine Chance zur Umkehr.
Und siehe da: mit einem Mal ist das morsche Gebäude des Neoliberalismus wie weggefegt. Niemand will mehr wissen, was uns ein Herr Sinn zu erklären hat, sondern Paul Krugmann kriegt den Wirtschaftsnobelpreis und Vertreter aller Parteien reden daher, als hätten sie einen Rhetorikkurs bei Oskar Lafontaine besucht. Nein, ich traue diesem wetterwendischen Gerede selbstverständlich keinen Meter, so naiv bin ich nicht. Aber ich freue mich, dass im Zuge der kollabierenden Finanzmärkte die große Lüge vom großen Geld gleich mitkollabiert ist - und ich wage zu hoffen, dass viele, viele Einzelne jetzt aufwachen, und - die Trümmer des neoliberalen Ungeistes hinter sich lassend - gemeinsam zu neuen Denkhorizonten aufbrechen. Ich weiß nicht, was uns dort erwarten wird, der Horizont ist weit. Aber die Richtung, in die wir träumen müssen, die steht klar vor Augen. Attac nennt das "Solidarische Ökonomie" und die spirituellen Kommunen nennen es "in Gemeinschaft leben". In vielen kleinen und größeren Projekten und auch schon in ganzen Landstrichen wird seit Jahrzehnten mit wachsendem Erfolg daran gearbeitet, dieses neue, gemeinsame Leben und Wirtschaften in die Lebenspraxis umzusetzen. So ist der Abschied von der Sucht auch im Falle der Geldsucht nicht wirklich ein Abschied, sondern vor allen Dingen der Beginn einer neuen, lang vermisste Freiheit.

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