Dienstag, der 19. Juni 2007

19.06.2007

Liebe Freunde,

es ist endlich erschienen, mein Buch "Die Kunst des Scheiterns" (Piper Verlag). Hier ein kurzer Vorgeschmack darauf. Das Buch ist überall im Fachhandel bestellbar.

Ich war´s nicht. Georg Trakl war´s!

Er war schuld, dass ich das erste Mal von zu Hause ausriss.

Und Georg Heym und Ernst Maria Stadler und Jakob van Hoddis. Viele Namen dieser oft so früh verstorbenen, so tief empfindenden, so unendlich traurigen Dichter des expressionistischen Jahrzehnts habe ich leider vergessen, aber ich kann mich noch gut erinnern an ein Taschenbuchbändchen, das sich ausschließlich den Gedichten dieser Zeit widmete und das mich nachhaltig davon überzeugte, dass dieses bourgeoise Gymnasium mit seinen bourgeoisen Karriereaussichten jeder freien künstlerischen Entwicklung im Wege stehen musste.

"Lyrik des expressionistischen Jahrzehnts" hieß das Buch, zu dem Gottfried Benn ein Vorwort geschrieben hatte, und kein weiteres Buch hat meine eigene lyrische Produktion auch nur annähernd so beeinflusst.

Ich litt mit diesen großen Leidenden, ich zog mit ihnen in den Krieg, ich lag verwundet im Schützengraben, ein Notizbüchlein auf den blutenden Knien, und reimte von blauen und trüben Stunden im "sinkenden Abend", in der "austreibenden Flut".

Ich berauschte mich an Trakls Versen und seinem tragischen Geschick, wie Jahre später an süßem Lambrusco, wir schwänzten die Schule und gaben uns in diversen Kaffeehäusern allmorgendlich eine Dröhnung expressionistischer Gedichte.

Mein Freund Stephan, ein stiller, scheuer Junge, der wunderschön Blockflöte spielen konnte, hörte zu. Ich rezitierte. Das verständnislose Kopfschütteln der übrigen Gäste wertete uns anfangs auf, ihre Verständnislosigkeit bestätigte uns in unserem Kampf gegen die Spießer dieser Welt, später vergaßen wir auch sie.

Die blaue Stunde wurde zum blauen Tag, zur blauen Woche, dem Bürger flog vom spitzen Hut der Kopf, und Anna Blume?

Ich liebe dir! Du, deiner, dich, dir, du tropfes Tier!

Nicht nur die Stunde war blau, auch unsere Herzen: blau. Keine Alkaloide damals, nicht mal ein Bier. Himbeerlimonade und Waldmeister, ein Kakao und eine Butterbreze, ab und zu eine Semmel tief in den Senftopf getaucht, mehr konnten wir uns sowieso nicht leisten.

Das Taschengeld war knapp bemessen, und ohne ab und zu in die Hosentasche unserer Väter zu greifen, hätten wir unsere Kaffeehausstunden nie finanzieren können.

Nein, keine Drogen, sondern einzig die wunderliche Komposition der Worte verrückte unsere Welt, der Fluss der Sprache und ein bedrohlicher, sich nur selten erhellender Rhythmus wie von fernen Kriegstrommeln angefacht.

Dann lasen wir erschaudernd vom frühen Kokaintod des Meisters, der als Sanitäter die Toten des Ersten Weltkriegs nicht mehr ertragen wollte, zu viele Leichen, zu viele Verstümmelte, und ihm war das Herz so schwer geworden, dass er, noch nicht mal dreißig Jahre alt, sein Leben hingab.

Nein, ich war´s nicht, Georg Trakl war schuld, dass dieser vierzehnjährige Romantiker statt in die Schule zu gehen eines Morgens mit hochrotem Kopf am Bahnhof stand, um ein neues Leben als freier Dichter zu beginnen. Ein paar Unterhosen im Ranzen, ein paar Socken und natürlich Stifte und Papier, das musste genügen, die paar Mark Taschengeld, die wir uns angespart hatten, mussten reichen. Freie Dichter brauchen kein Geld, keine Wohnstatt, keine Eltern und vor allem keine Schule.

Es war Winter, und bei allem Verständnis für meinen kindlichen Wahnsinn, bei aller Sympathie für die Kraft meiner kindlichen Phantasie werde ich doch nie verstehen, warum ich mir nicht den Sommer ausgesucht hatte für diesen unumstößlichen Schritt in mein neues Leben.

Ich war doch ein Sommerkind, der Winter fand nicht statt in meiner Kindheit, außer ein paar Mal Schlittschuhlaufen und Schlittenfahren.

Meine Kindheit hat außer mit Singen ausschließlich mit Sommer zu tun und Baden an der Isar, an unserem Lehel-Lido auf der Praterinsel. Schulranzen in die Ecke geschmissen, Badehose angezogen und dann runtergerast vom vierten Stock am Mariannenplatz 1, über die Steinsdorfstraße und rein in die Fluten.

Dort stand damals noch ein Damm, von dem man, wenn man die richtige Stelle wusste, reinhechten konnte. Wusste man die Stelle nicht, schlug man sich halt, wie so mancher Fremde, den Kopf auf an den Felsen, die von der Gischt der reißenden Isar verdeckt waren und nur im Frühjahr, bei der jährlichen Bachauskehr, ausgemacht werden konnten.

Nun stand ich also im Winter am Bahnhof, und damals waren die Winter noch kalt und verschneit und machten ihrem Namen alle Ehre.

Stephan hatte sich etwas verspätet, das machte nichts, ich liebte es, am Bahnhof zu sein, den Geruch von Ferne in der Nase, die erwachsenen Reisenden im sehnsüchtigen und bewundernden Blick, und jedem dichtete ich eine spannende Lebensgeschichte an. Dichter und Diebe waren das, Gräfinnen und Spieler, Geheimagenten und Anarchisten.

Damals gab es noch keine flauschigen Daunen-Wintermäntel für Kinder, wir hatten ein paar Pullover übereinandergezogen, eine Jacke im Gepäck, Stoffhandschuhe, die, sobald sie etwas nass wurden, zu Eiszapfen gefroren. Und ein Übermaß an Gottvertrauen.

Wir stiegen in den Zug, der uns am besten gefiel. In einen Zug, der heute nur noch im Deutschen Museum zu besichtigen wäre. In einen wunderschönen Zug. Schwarz und glänzend. Uns war egal, wohin er fuhr.

Der Zug sollte uns immerhin nach Augsburg bringen, bekannt als Tor zur großen Welt.

Dort mussten wir aussteigen, der Schaffner hatte uns entdeckt und schon durch den Zug gejagt. Man ist in diesen Nachkriegsjahren nicht viel gereist, wir Kinder sind grad mal an den Starnberger See geradelt und mit den Eltern nach Andechs in den Biergarten. Und da war Augsburg schon ganz schön spannend.

Speziell an diesem Tag allerdings war der Winter noch scheußlicher und kälter als sonst. Und bei aller Begeisterung für die Lyrik: So ein Gedichtband hält nur bedingt warm. Er mag die Herzen erwärmen, aber nicht die Füße, und so beschlossen wir schon nach ein paar bitterkalten Stunden in einem völlig verwaisten Park, die Nacht doch nicht auf der Parkbank, sondern zu Hause im warmen Bett zu verbringen.

Das heißt, eigentlich beschlossen wir es gar nicht, sondern fanden uns, ohne ein Wort über den Rückzug zu verlieren, gegen Abend im Zug wieder und spielten noch eine Runde mit dem Schaffner Verstecken.

Als wir uns voneinander verabschiedeten, wussten wir, dass wir es noch einmal versuchen würden. Aber dann doch lieber im Sommer oder wenigstens wenn er nicht mehr weit ist und der Himmel ein Opal.

Diese Verzauberung durch Worte, diese Begeisterung, mich von der Poesie in eine eigene Welt entführen zu lassen, Metaphern für wahrhaftiger zu halten als die Realität, ist mir nie verloren gegangen, auch in den schwersten Zeiten nicht. Dichter können Freunde sein, manchmal sind es die einzigen in einer verständnislosen, prosaischen Welt, gegen die man wie gegen Windmühlen anrennt.

Auch heute noch finde ich den meisten Trost in Büchern, oft auch in alten, zerschlissenen, die man immer wieder liest. Fast kein Tag vergeht ohne ein Rilke-Gedicht zur Hand zu nehmen. Von ihm lasse ich mich am liebsten entführen in eine Welt jenseits von Reportage und Analyse, Sensationen und Klatsch.

Und sind Worte nicht manchmal wirklicher als die sogenannte Wirklichkeit?

zurück