Mittwoch, der 5. März 2008

05.03.2008

Liebe Freunde!

Schon lange wollte ich einen Beitrag schreiben über die nur noch unverschämt und dumm zu bezeichnenden Auslassungen bestimmter neoliberaler Kreise über die 68er Bewegung. Am schlimmsten kotzen sich, pünktlich zum 40. Geburtstag, die Renegaten des Linksradikalismus aus, peinlichst darum bemüht ihr Abrücken von alten Positionen als einzig vernünftigen Schritt in die Realität der Moderne zu verklären.

Nun habe ich heute in der "Jungen Welt" einen ausgezeichneten Artikel von Walter Hanser (Gerhard Hanloser, Sozialwissenschaftler aus Freiburg) entdeckt, den ich euch nicht vorenthalten möchte. (In voller Länge nachzulesen im Feuilleton der "Jungen Welt" vom 5.3.2008)

"Wer hätte gedacht, daß der vierzigste Geburtstag der Revolte von 1968 das große Assoziieren, Parallelisieren und Herbeiphantasieren hervorbringt? Besonders in ehemaligen Organen des Linksliberalismus wie der Frankfurter Rundschau (FR) darf nun gegen die Revolte, die man sich dort beim letzten Jubiläum vor zehn Jahren noch zuckersüß als Zivilisationsprojekt der Bundesrepublik ausgemalt hatte, geholzt werden wie auf einem billigen Bolzplatz.

So hat der "Privatgelehrte" Götz Aly, der spätestens mit seinem Buch "Hitlers Volksstaat" sämtliche historische Seriosität ad acta gelegt hat, vier FR-Seiten mit einer argumentfreien Assoziationskette vollgepinselt, in der 1968 und 1933 als "Jugendbewegungen" auf eine Stufe gestellt, Goebbels und Dutschke Gemeinsamkeiten attestiert und ausgerechnet unter positiver Bezugnahme auf das ehemalige NSDAP-Mitglied Kurt Georg Kiesinger völkischer Nationalismus und leninistischer Internationalismus als das gleiche herausgestellt werden. Wer darauf ernsthaft antwortet - und es gibt nicht wenige - hat bereits verloren. Denn der auch natürlich irgendwie als Exlinke firmierende Aly wird sich freuen, sieht er sich doch selbst gern als "Tabubrecher". Aly ist irre - doch in seinem konformistischen Wahn auch schon wieder Mainstream.

Daß die großen und gerne gefragten Chronisten, Interpreten und Historiker der 68er-Revolte mit Faschismus-Analogien mittlerweile nicht geizen, weiß man schon. Gerd Koenen sieht in der RAF eine Truppe, deren "Treue" "Ehre" hieß und den zeitweiligen Verlobten von Gudrun Ensslin, Bernward Vesper, als geistigen Erben seines Vaters, des Nazidichters Willi Vesper. Wolfgang Kraushaar überführt - kriminalistisch gestimmt wie eh und je-, den Parlamentarismus-Kritiker Johannes Agnoli einer innigen Komplizenschaft mit präfaschistischen Denkern in Italien, die dieser übrigens bereits vor zwanzig Jahren süffisant zurückwies. Und daß sich die Revolte auch antisemitischer Klischees bediente, gehört ohnehin zum liberalen Konsenswissen über 1967/68. Am faschistischsten sind eben diejenigen, die antifaschistisch und antikapitalistisch, vielleicht auch noch antiimperialistisch zugleich waren, lautet die aktuelle Zeitgeistinterpretation. Das ist Antitotalitarismus für Neoliberale.

Walter Hanser wagt in diesem Beitrag noch einen kühnen Vergleich zwischen den ehemaligen "Linksradikalen Mussolini und Joseph Fischer" - die "einzig legitime Analogie" - lehrreich und amüsant ist es allemal.
Und weil ich schon dabei bin möchte ich euch noch das Buch von Jutta Dittfurth über Ulrike Meinhof empfehlen. Eine hervorragend recherchierte Biographie, ohne Polemik, faktentreu und stilsicher geschrieben. Ein Muss für alle, die die Zeit selbst erlebt haben und denen die unsachliche und populistische Aufarbeitung der RAF auf die Nerven geht. Und für all jene, die diese Zeit nicht erlebt haben.

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