Happy Birthday 68!

07.03.2008

(Kleiner Nachtrag zum vorigen Kommentar)

Hans Jürgen Wirth, Psychoanalytiker und Verleger des Psychosozial-Verlages, schreibt in seinem unbedingt lesenswerten Buch "Narzissmus und Macht" von dem übersteigerten moralischen Anspruch der Terroristen der RAF, ihrer Aufteilung der Welt in Gut und Böse, von ihrer "denunziatorischen Bestialisierung des politischen Gegners als Schwein, das bedenkenlos getötet werden kann".

Hinter dieser Bestialisierung sieht Hans Jürgen Wirth einen Generationenkonflikt:

"Der Terror der RAF lässt sich weder aus den triebhaften Tiefen eines inneren Todestriebes der Terroristen, noch aus dem Außen der gesellschaftlichen Reaktionen auf den Protest der 68er-Generationen erklären, sondern aus dem Zusammenspiel zwischen den Generationen. Der Mangel an wechselseitiger Anerkennung zwischen den Generationen schuf narzisstische Kränkungen, die sich in gewaltsamen Demonstrationen destruktiver Macht zum Ausdruck brachten."

Man muss in diesem Zusammenhang sehen, dass die Terroristen damals der gesamten deutschen Öffentlichkeit die Möglichkeit boten, sich voll moralischer Empörung an der uneingeschränkten Verfolgung und Verurteilung jedes einzelnen Terroristen zu beteiligen - und damit von der gewaltsamen Vergangenheit der Deutschen abzulenken.

Margarete Mitscherlich-Nielsen schrieb 1979 dazu:

"Die gesamte deutsche Öffentlichkeit beteiligte sich mit starkem Affekt an der Verurteilung der Terroristen, wobei deren sinnlose und grausame Morde hier gewiss nicht verharmlost werden sollen.

Dennoch, verglichen mit den schwachen Reaktionen auf Massenmorde unvorstellbar grausamer Natur, fallen die oft an Hysterie grenzenden Reaktionen auf die Handlungen einiger weniger ins Abseits geratener Aktivisten besonders ins Auge.

Ganz anders als über diejenigen, die sich an Hitlers Untaten beteiligt hatten oder gar auch seine Mitläufer, erregte man sich jetzt über die sogenannten "Sympathisanten". Wer nur zu verstehen oder zu erklären versuchte, was die Terroristen zu ihrem Verhalten oder zu ihren unsinnigen Taten trieb, galt als verfolgungswürdig. Und mancher, der die bestehenden Wertvorstellungen und die ihnen entsprechenden politischen Handlungsweisen einer Kritik zu unterziehen gewagt hatte, wurde als geistiger Urheber der Terrorszene angesehen."

Erinnert das etwa jemanden meiner Leser an 2008?

Happy birthday, 68! Ohne dich gäb´s heute keine schwulen Bürgermeister und keine Bundeskanzlerinnen, kein ökologisches Bewusstsein, kein Attac und keine basisdemokratischen Bewegungen. Vielleicht wäre Rockmusik immer noch des Teufels, jede WG eine "Terror-Kommune" und ganz sicher gäbe es auch keine kämpferischen Antifas, die gegen die Pest der Neonazis immer noch die wichtigste Arbeit verrichten: vor Ort und den Kopf hinhaltend, während die Politiker Sprechblasen verteilen anstatt Geld für soziale Arbeit.

Nein, ich habe nie sympathisiert mit einem moralischen Rigorismus von links und erst recht nicht mit politischem Mord. Aber 1968 - das war gut und wichtig und vieles davon könnten wir heute wieder richtig gut brauchen.

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