Freitag, den 30. Juni 2006

30.06.2006

Liebe Freunde!

An sich müßte ich heute, ein paar Stunden vor dem Viertelfinale gegen Argentinien, etwas sagen zur WM und dem neuen Patriotismus. Grundsätzlich vertraue ich allerdings darauf, dass die Besucher dieser Internetseite soweit immun sind gegen das ganze Fahnengeschwenke, dass ich mir größere Ausführungen hier sparen kann.

Nur soviel: wenn die ganzen Patriotismusbeauftragten in den Talkshows ständig mit Goethe und Beethoven daherkommen, frage ich mich: Warum wird den Goethe-Instituten dann der Geldhahn abgedreht? Und warum können unsere Jugendlichen nicht Notenlesen, nachdem wir sie 13 Jahre durch unser Schulsystem geschleift haben?

Ich bin bekanntlich sehr für die Kulturtradition in deutscher Sprache und berufe mich vielleicht mit mehr Recht auf Goethe und die Klassiker als mancher CDU-Hinterbänkler. Aber Tradition heißt eben, wie Jean Jaures sagte, ein Feuer am Brennen halten - und nicht Asche verwahren. Und wer die Flamme der Kultur erst austritt und dann die kalte Asche zum Nationalheiligtum verklärt, ist ein billiger Demagoge - zu dem meinem geliebten Goethe sicherlich treffliches eingefallen wäre...

Ich kann die Neo-Patrioten nur freundschaftlich warnen: Ihr werdet Euch wundern, was sich in den Texten und der Musik der von Euch beschworenen deutschen Kultur an skandalös rebellischem Gedankengut findet. Von unseren Philosophen nicht zu reden. Von denen säße heute keiner in den Talkshows, weil sie allesamt zu unbequem und kantig wären.

Und übrigens: wenn die Menschen wirklich anfangen zu sagen: Das hier ist UNSER Land ... dann kriegen die da oben vielleicht endlich mal wieder ein richtiges Problem!

Mein Schwiegervater ist Inhaber einer Druckerei. Ein Unternehmer also, aber einer, der seinem Berufsstand alle Ehre macht. Er `unternimmt` etwas und entläßt nicht einfach wahllos Mitarbeiter um noch mehr Profit zu machen. Er schickte mir vor kurzem eine Seite aus dem managermagazin (5/2006), eine Kolumne des früheren Chefredakteurs der Financial Times.

Zuerst zeigt sich der Autor dieses Beitrags restlos begeistert von transnationalen Unternehmensfusionen, und schreibt:
`wir sollten nicht überrascht sein, dass die Übernahmen protektionistisches Protestgeheul von Politikern provozieren. Der Begleitlärm zeigt aber vor allem die Unfähigkeit der Politiker, die Fusionen zu stoppen.`

Er beendet seinen Beitrag mit einer bemerkenswert ehrlichen Passage:
`Mein letzter Grund für Optimismus: die Politiker sind überall in Europa in die Defensive geraten. Die Menschen wissen, dass nationale Politiker längst nicht mehr die Kontrolle innehaben, auch wenn diese versuchen, das Gegenteil vorzugeben. Für Wähler und Abgeordnete mag dieser Umstand beunruhigned sein. Für die Geschäftsmänner und -frauen Europas ist er ein Grund zur Freude.`

Jausa, jausa, jausa ... das muß man sich doch auf der Zunge zergehen lassen. Endlich sagt mal einer wo es lang geht, redet nicht um den heißen Brei. Warum darf der Mann nicht bei Sabine am Sonntag abend so offen reden? Könnte das Verwirrung stiften?

Interessant ist, dass sich der Autor, Andrew Gowers (derzeit Investmentbank Lehman Brothers) aus der Gemeinde der Wähler selbst ausschließt und damit ganz offen das Ende der Demokratie bejubelt. Was hat das große Kapital auch mit Wahlen zu tun? Da wird gekauft, bestochen, geschmiert und notfalls schon auch mal gekillt ... aber doch nicht gewählt!

Die Verträge von Rom und Maastrich sind wasserdicht: jeder EU-Mitgliedstaat, der versucht den freien Kapitalfluß aufzuhalten, wird von der EU-Kommission verklagt werden und: die Kommission wird das Verfahren gewinnen. Warum wählen, wenn Wahlen sowieso nur eine Farce sind?

Langsam hat man die Schnauze voll von all diesen Lobbyisten mit ihren Nebenjobs und Aufsichtsratspöstchen, ihren Lügen, derer sie sich nie schämen, ihren Ablenkungsversuchen (mal schnell, während das Volk im neuen nationalen Taumel ertrinkt, die größten Gemeinheiten beschließen), und ich kann das verdummende Lakaiengeschwafel im Prostitutionsgewerbe der Talkshows nicht mehr ertragen.

Aber jetzt Schluß mit der Politik und all dem, was einen so oft lähmt und ärgert. Ich hab schon in den Siebzigern immer gesagt: die Politik darf nie die Poesie besiegen! Sie hat sich der Poesie unterzuordnen, soll von ihr lernen, von ihren Ver-rücktheiten und ihrer Aufrichtigkeit. Wenn sie das nicht kann, sollten wir ihr auf die Sprünge helfen - mit Wahnsinn und Anarchie, Musik und Tanz und mit Gedichten.

Wir müssen aufpassen, nicht zu hassen. Denn Hass ist - wie die Sufis so treffend sagen - als ob man selbst Gift nähme in der Hoffnung, damit den anderen zu vergiften. Die Antwort auf all die Ungerechtigkeiten kann nicht Hass, sondern muß Liebe sein. Wir dürfen die Liebe nicht verlernen, oder sollte ich sagen, wir sollten beginnen, die Liebe zu lernen?

Zur seelischen Wiederaufrichtung ein kleiner 12-Zeiler, der mir wieder in die Hände gefallen ist. Keine Ahnung, wann ich das Gedicht geschrieben habe:

Du liebst! Und die Naturgewalten
werfen dir ihre Zügel hin.
Die Zeit wird für dich angehalten
und alles blüht in neuem Eigensinn.

Die Welt beschließt sich wieder neu zu träumen
und jeder Monat reimt sich nun auf Mai.
Es fallen Federbetten aus den Nadelbäumen
und aus dem Einerlei erwachen zwei.

Die Winde wiehern voll Vergnügen
weil ihnen du die Peitsche gibst.
Trink nur die Welt in vollen Zügen:
Sie muß einst enden. Doch du liebst.

Gruss aus dem sommerlichen München
Konstantin

zurück