Donnerstag, den 6. Juli 2006

06.07.2006

Liebe Freunde!

Die WM neigt sich dem Ende zu - und ich will Euch einen Text nicht vorenthalten, der zwar einige Jahrzehnte auf dem Buckel, aber auch erstaunlich viel zu tun hat mit dem, was wir in den letzten Wochen erlebt haben:

´Eins zu sein mit allem, was lebt!´ ruft Hölderlin im Hyperion. (...) Das dionysische Erlebnis, von dem diese Worte künden, finden wir erniedrigt wieder im kollektivistischen Rausch, in der rein-egoistisch-genußhaften, im Grunde nichts Reeles verbürgenden Lust des jungen Menschen am Marschieren im Massentritt unterm Singen von Liedern, die eine Mischung von heruntergekommenem Volkslied und Leitartikel sind. Diese Jugend liebt das allem persönlichem Lebensernst enthobene Aufgehen im Massenhaften um seiner selbst willen und kümmert sich um die Marschziele nicht viel. Aufgefordert, das Glück, das sie dabei findet, etwas näher zu bestimmen, legt sie nicht gerade viel Neigung zu konkreten Einlösungen und Verwirklichungen an den Tag.

Der vom Ich und seiner Last befreiende Massenrausch ist Selbstzweck; damit verbundene Ideologien wie ´Staat´ , ´Sozialismus´ , ´Größe des Vaterlandes´ sind mehr oder weniger unterlegt, sekundär und eigentlich überflüssig: der Zweck, auf den es ankommt, ist der Rausch, die Befreiung vom Ich, vom Denken, genau genommen vom Sittlichen und Vernünftigen überhaupt; auch von der Angst natürlich, der Lebensangst, die dazu drängt sich kollektivistisch zusammenzudrücken, es menschenwarm zu haben und recht laut zu singen...´

Thomas Mann: ´Achtung, Europa!´

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