Donnerstag, der 5. Oktober 2006

05.10.2006

Liebe Freunde,

ich möchte euch heute ein Buch ans Herz legen, das mich bewegt hat, wie schon lange keines mehr. Eigentlich ist es kein Buch, ein Büchlein eher, mit dem naiven Titel: "ich will eine Welt ohne Kriege". Allein dieser Titel ist schon mutig, denn ich sehe die naserümpfenden Besserwisser schon vor mir, wie sie das Büchlein verächtlich beiseite legen 96 mit einer flaspsigen Bemerkung wie: "schon wieder so ein Gutmenschenprodukt von irgendeinem Altachtundsechziger".

Alt ist der Autor in der Tat, aber ein Altdreiundzwanziger, denn er wurde 1923 als Sohn jüdischer Eltern in Berlin geboren. 1936 floh seine Familie aus Deutschland und emigrierte in die USA. Er studierte Psychologie in New York, eröffnete 1958 eine psychoanalytische Praxis und promovierte 1961 bei Theodor Reik. Danach war er in verschiedenen Beschäftigungen tätig, zuletzt als Professor der Psychologie an der Rutgers University in New Jersey. Seit 1979 lebt und praktiziert er in Zürich. 2001 erhielt er den Geschwister-Scholl-Preis für sein Buch Der Fremde in uns. Die Rede ist natürlich von Arno Gruen, auf dessen Buch "der fremde in uns" ich schon am 8. April 2002 in meinem Tagebuch verwiesen habe.

Gruen hat mir mit diesem Buch wieder Mut gemacht, denn ich bin in der letzten Zeit schon etwas verzweifelt an der Hemmungslosigkeit, mit der sich unsere Politik, fast unbehelligt von Kritik und Widerstand, an der Militarisierung Europas beteiligt. Wünscht sich ein Kind eine Welt ohne Kriege, wird es von Erwachsenen als naiv abgetan, genauso wie der Jugendliche oder alte Friedensaktivist, der für Frieden demonstriert. "Aber was ist naiv an solchen Wünschen? Was ist lächerlich daran, sich eine Welt ohne Gewalt vorzustellen? Warum wird ein von Liebe bestimmtes menschliches Zusammenleben als naiver Traum abgetan?"

Wie naiv ist eigentlich unsere Kriegsbewegung - habe ich in einem Aufsatz während des Irakkrieges einmal gefragt, und auch heute frage ich mich, ob es nicht eher ein Zeichen von Dummheit ist, immer wieder zu behaupten, dass nur durch Kriege Frieden zu erreichen sei, als sich diesem Diktat der sich am Krieg Bereichernden endgültig zu entziehen.

"Vielleicht fehlt uns ein Träumer, und wir wissen noch nicht einmal, dass er uns fehlt (...) der Träumer, der wahre begeisterte Irre, der Einsame, der wirklich Verlassene, der einzige tatsächliche Rebell" schrieb Henry Miller, der einzige tatsächliche Held meiner Jugendzeit in "Rimbaud oder vom großen Aufstand". Träume können subversiver sein als politische Ideologien, deshalb sind sie für die selbsternannten Realisten so gefährlich. Ob das auch für Lieder gilt? Ist das vielleicht der Grund, warum man mich beim Fernsehen zwar immer wieder mal gern zu Talkrunden einlädt, mir aber nur äußerst selten die Gelegenheit bietet zu singen?

Gruen sieht in den Menschen, die auf Grund ihrer Erziehung keinen Bezug zu ihrem eigenen Sein und ihrem Schmerz haben, und im Besitz als Maßstab aller Dinge die Ursachen von Hass und Gewalt. Er vergleicht ohne Scheu die Skrupellosigkeit und den Zynismus von Karl Rove, dem Chefberater des amerikanischen Präsidenten, mit Menschen die wie zu "Hitlers Zeiten zur Macht zugelassen werden": Menschen ohne Mitgefühl und Scham, die ihr Vorwärtskommen der Obhut und Förderung durch Führer verdanken (in diesem Fall Bush senior und junior, die selbst ohne Mitgefühl sind).

"Die Quelle von Feindseligkeit und Gewalt liegt in einer Kultur, die Leistung und Besitz über alles stellt und es Menschen kaum möglich macht, ein Selbst zu entwickeln, das auf Vertrauen und Mitgefühl beruht."

"Ich will eine Welt ohne Kriege" ist ein Buch das vor allem auch jungen Menschen Mut machen will, sich weiter zu engagieren, auch wenn man verlacht wird, als naiv verspottet, als unrealistisch beschimpft. Sich weiter für Menschen einzusetzen, deren Werte sich nicht an Macht, Erfolg und Geld orientieren, sondern die keine Angst vor dem Anderssein haben, frei von Anpassungsdrang.

Das ist die Botschaft dieses wunderbaren Büchleins: das eigene Selbst zu entdecken, das auf Mitgefühl gründet.

Arno Gruen
Ich will eine Welt ohne Kriege
Klett-Cotta

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