Donnerstag, der 14. Dezember 2006

14.12.2006

Liebe Freunde,

diesmal ausnahmsweise ein Gastbeitrag von Roland Rottenfußer:

Pazifismus in der Offensive

Tübinger Friedenstage am 9./10. Dezember mit Konstantin Wecker, Hans-Peter Dürr, Arno Gruen und anderen.

(Ein Beitrag des WEBMAGAZINS auf "Hinter den Schlagzeilen". Weitere Beiträge unter www.hinter-den-schlagzeilen.info/pm/webmagazin.php)

"Wünscht sich ein Kind eine Welt ohne Kriege, wird es von Erwachsenen als naiv abgetan, genauso wie der Jugendliche, der für Frieden demonstriert. Aber was ist naiv an solchen Wünschen? Was ist lächerlich daran, sich eine Welt ohne Gewalt vorzustellen?" Arno Gruen, den Autor dieser Zeilen, konnte man auf den Tübinger Pazisfismustagen persönlich erleben. Ebenso wie eine illustre Ansammlung vermeintlich "Naiver". Allen voran Konstantin Wecker, der in seinem Lied über einen Buben, der den Militärdienst verweigerte, ironisch die verbreiteten Vorurteile über Pazifismus reflektiert hat: "Ich glaub, auch wenn´s zum Heulen ist, am End ist er a Pazifist." Von dem Kabarettisten Gerhard Polt (auf dem Kongress nicht anwesend) stammt folgende hintersinnige Überlegung: "Diese Pazifisten haben doch noch nie einen Krieg verhindert. Oder können Sie mir einen Krieg nennen, den die verhindert haben?"

Für den Frieden sind alle, gewiss. Unvergessen der Slogan "Für Frieden und Freiheit: CDU" und die im Kosovo-Krieg eingesetzten "Frieden schaffenden Maßnahmen". Selbstverständlich will auch George Bush den Frieden. Und wer die Pax Americana nicht zu goutieren weiß, wird mit Bomben eines Besseren belehrt. Pazifismus dagegen bleibt als Begriff nach wie vor an den Rand gedrängt. So distanzierten sich die Grünen auf ihrem Kölner Parteitag entschlossen von dem ihnen noch immer anhängenden Vorurteil, eine pazifistische Partei zu sein. Wir glauben es ihnen aufs Wort. Von Joschka Fischer stammt der denkwürdige Satz: "Krieg ist die realpolitische pazifistische Konsequenz." Genauso sieht unsere Welt heute aus.

Der Tübinger Kongress fand vor dem Hintergrund einer zunehmenden Militarisierung nicht nur der Außenpolitik statt. Auch in den Kinderzimmern (Killer-Spiele), in der Mode (Militär-Accessoirs gelten in Boutiquen als angesagt) und in den Köpfen immer mehr Menschen breitet sich die schleichende Gewöhnung an Militärisches in einer Weise aus, die an Zuckmayers "Hauptmann von Köpenick" denken lässt. Die in der "Alten Bundesrepublik" noch weithin gültige Ächtung von Gewalt ist mittlerweile fast einer Ächtung von Gewaltlosigkeit gewichen. Ungeachtet der entsetzlichen, mörderischen Misserfolge der Bellizisten an den überall auf der Welt entstehenden Kriegsschauplätzen, müssen sich Pazifisten heute eher mehr Spott gefallen lassen als früher.

"Wir stehen in einer Ecke", sagte Konstantin Wecker. "Dann sollten wir uns auch dazu bekennen, dass wir in einer Ecke stehen und schauen, wie wir da wieder rauskommen." Wecker war der vehementeste Vertreter der These, dass man nicht nur den Geist des Pazifismus, sondern auch das Wort offensiv vertreten sollte. Er forderte eine Renaissance des bekennenden Pazifismus und rief mit der ihm eigenen stimmlichen Intensität: "Ich lasse mir diesen Begriff nicht madig machen, nur weil er den Neoliberalen nicht passt!" In der Tat hat ja auch der Begriff "Sozialismus" in den letzten 10 Jahren wieder einen besseren Klang bekommen und wird häufiger in positiver Weise verwendet. Wohl weil die zerstörerische Wirkung des globalen Kapitalismus offenkundig geworden ist. Steht nun eine Wiederbelegung des Begriffs "Pazifismus" an?

Hans-Peter Dürr, der große alte Mann der politisch engagierten Wissenschaft, vermittelte die überraschende Einsicht, dass Pazifismus "keine zivilisatorische Errungenschaft, sondern Grundausstattung des Lebens" sei. Das Paradigma des Lebendigen beinhalte "kooperative Integration auf einer höheren Ebene". Nicht der Krieg ist also offensichtlich der Vater aller Dinge. Leben folgt eher der Logik eines musikalischen Konzerts als dem eines Darwinschen Daseinskampfes. Den Kriegstreibern bescheinigte er eine "Denke des Krebses", die der Illusion unbegrenzten Wachstums hinterherlaufe. Statt einem "Verteidigungsministerium" forderte der Physiker und langjährige Mitarbeiter von Werner Heisenberg ein Ministerium für gewaltfreie Konfliktlösung. Die Menschen, so seine Überzeugung, sind besser als ihre Organisationen.

Daniela Dahn, mehrfach ausgezeichnete Journalistin und Herausgeberin des linken Wochenmagazins "Freitag", machte darauf aufmerksam, dass die UN-Charta strenge Auflagen für mit dem Völkerrecht vereinbarte Kriege gemacht habe. Demnach sei wohl jeder Krieg seit Gründung der Vereinten Nationen völkerrechtswidrig gewesen. Weltweit werden 1 Billion Euro für Rüstung ausgegeben, in Deutschland ein Mehrfaches des Forschungs- und Bildungsetats. Der Bevölkerung warf Dahn in diesem Zusammenhang "Duldungsstarre" vor. Daniela Dahns gab zu bedenken, dass man innerhalb der linken Presselandschaft oft unter denen bleibe, "die schon katholisch sind". Die Mainstream-Medien dagegen hätten die Aufgabe, "uns geistig kriegswillig zu schießen." Die Friedensbewegung bräuchte ihr eigenes CNN, also einen ausstrahlungsstarken Fernsehsender, der die kulturelle Hegemonie der Neoliberalen und Bellizisten brechen könne.

Arno Gruen, Psychonalytiker und Autor von hervorragenden Büchern wie "Der Fremde in mir" und "Ich will eine Welt ohne Kriege", stellte die Frage, warum es uns zunehmend an Mitgefühl fehle. Er führte dies darauf zurück, dass vor allem eine junge Elite "keinen Bezug zum eigenen Schmerz" entwickelt habe. Sein Begriff dafür ist das "leidensunfähige Subjekt". Sprache habe in diesem Zusammenhang eher die Funktion, Empfinden zu verbergen als es auszudrücken. Sprache bestimmt, "wie das Erleben zu sein habe". Die Furcht vor Verwundbarkeit und das Bedürfnis nach Anerkennung führe dazu, dass sich Menschen in kriegerische Unternehmungen hineinziehen ließen.

Heike Hänsel, Abgeordnete der Linkspartei, berichtete über ihre Erfahrungen im Entwicklungsausschuss des deutschen Bundestags. Dort werde ständig über neue Kriegseinsätze oder die Verlängerung von Kriegseinsätzen entschieden. Nie sei ihr ein Antrag untergekommen, in dem über eine Friedensinitiative entschieden werden sollte. Es käme darauf an, dass ein Land "strukturell nicht angriffsfähig" sei, forderte Heike Hänsel. Vehement wandte sie sich auch gegen einen "entgrenzten Sicherheitsbegriff". Alles werde heutzutage als sicherheitsrelevant definiert. In Wahrheit gehe es zunehmend um die Sicherung wirtschaftlicher Interessen in den entlegensten Teilen der Welt. Statt "ultima ratio" zu sein, ist Krieg heute eher das erste, woran Politiker denken, wenn sie ein Problem lösen wollen. Dabei sollte das letzte Mittel immer die Gewaltfreiheit sein.

Ellen Diederich, Leiterin eines Archivs, das vor allem Gewalttaten von Frauen im Krieg dokumentiert, stattete den Versammlungsraum des ehrwürdigen Tübinger Stifts (Wirkungsstätte u.a. von Hegel und Hölderlin) mit teils beeindruckenden, teils erschreckenden Fotos aus. Ein Gewehrlauf auf die Schläfe einer hilflosen, verstörten vietnamesischen Frau gerichtet: So ein Foto sagt mehr als manche wortreiche Pazifismus-Theorie. Ellen Diederich berichtete in bewegender Weise über Frauen, die sich überall auf der Welt - oft verbunden mit erheblichen Risiken - für den Frieden einsetzten. Die Verweiblichung des Krieges (z.B. immer mehr Soldatinnen) sieht sie eher als ein Zerrbild der Emanzipation. Gleichberechtigung im Krieg bedeute Partizipation am Morden. "Was soll denn das sein, ein weiblicher Krieg", fragte sie provokativ, "etwa parfümierte Bomben?"

Der Tübinger Kongress am 9. und 10. Dezember 2006 gliederte sich in interne Gespräche, eine Podiumsdiskussion vor großem Publikum und ein Gespräch der Teilnehmer mit Schülern am Sonntagvormittag. Da in diesem Rahmen nicht alle Aspekte dieser höchst beeindruckenden Konferenz behandelt werden können, folgt in den nächsten Wochen ein Artikel über die lebhaften Tübinger Diskussionen mit Schülern und erwachsenen Konferenzbesuchern. Außerdem hofft "Hinter den Schlagzeilen", Originalbeiträge einiger Teilnehmer und Interviews zum Thema "Frieden" veröffentlichen zu können.

Natürlich hätten es die meisten Besucher bedauert, wenn Konstantin Wecker während der Veranstaltung nicht wenigstens einige Male in die Tasten gegriffen hätte. Der Liedermacher, der aus seinem Pazifismus seit den 70er-Jahren keinen Hehl macht ("Wenn unsere Brüder kommen"), langte mit seiner aktualisierten Version von "Sage nein" kräftig zu:

Wenn sie dich jetzt rekrutieren
Hab den Mut zu desertieren
Lass sie steh´n, die Generäle
Und verweig´re die Befehle
Menschen werden zu Maschinen
In den Militäranstalten
Niemand soll mehr denen dienen
Die die Welt so schlecht verwalten
Nie mehr soll´n uns jene lenken
Die nicht mit dem Herzen denken
Lass dich nie mehr auf sie ein
Sage Nein!

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