Dienstag, der 13.3.2007

13.03.2007

Liebe Freunde!

Jetzt hab ich euch wieder ganz schön lang warten lassen, nachdem ich vollmundig häufigere Weblogs versprochen hatte! Auch "Hinter den Schlagzeilen" blieb lange unbearbeitet, da wir technische Probleme hatten. Aber ich bin zuversichtlich dass wir dieses schöne Projekt schon bald wieder neu starten können.

In den letzten Wochen war ich verschollen, bin untergetaucht, genau gesagt in die Einsamkeit der winterlich sonnigen Toscana, um mein neues Buch fertigzuschreiben.

Dann hab ich mit meiner Lektorin noch an dem Manuskript gefeilt, schweren Herzens einige Seiten entsorgt und wir haben beschlossen, sozusagen als Entschädigung für das Warten, eine kleine Leseprobe zu veröffentlichen. Exklusiv auf www.wecker.de!

Nach langem Abwägen entschied ich mich für die Einleitung, die zwar etwas nüchtern ist und in der keine Geschichten erzählt werden - aber ihr versteht so am besten, hoffe ich, um was es mir in diesen autobiographischen Notizen geht:

Jemand, der über sein Leben nur Gutes zu sagen weiß, lügt, "weil jedes Leben von innen her gesehen, nur eine Kette von Niederlagen ist" - mit diesem Zitat Willy Brandts begrüßte ich letztes Jahr bei meinen Konzerten mein Publikum. "Aber", fügte ich hinzu, "auf einer Leiter, deren Sprossen aus Niederlagen gebaut sind, kann man auch nach oben klettern." Und schon als sehr junger Mann habe ich mich strikt an meinen Guru Gottfried Benn gehalten: "Wer Strophen liebt, der liebt auch Katastrophen."
Dieser Satz sollte mich ein Leben lang begleiten.

Es scheint mir wenig hilfreich, auf das eigene Leben als eine Reihe von Erfolgen zurückzublicken, zumal ein solcher Rückblick nie frei von Selbsttäuschung ist. Psychologen haben neuerdings die menschliche Fähigkeit zur Selbstbewertung eingehend untersucht, und dabei festgestellt, dass unsere Fähigkeit zur Selbsterkenntnis sehr bescheiden ist. Kaum jemand, war zu lesen, ist wirklich in der Lage, ein realistisches Porträt seiner eigenen Persönlichkeit zu zeichnen. Es scheint, als ob die mangelnde Einsicht ins eigene Ich, ein Strukturfehler unserer Wahrnehmung ist. Das Hauptproblem ist die Überschätzung der eigenen Fähigkeiten.

Also könnte man doch, um diese Gefahr der Überschätzung zu umschiffen, versuchen, seine Biographie anhand der erlittenen Misserfolge und Niederlagen zu betrachten. Nicht als Selbstgeißelung, sondern indem man sein Scheitern als Chance nimmt, sich selbst einmal unverklärt in die Augen zu schauen. Das kann durchaus liebevoll geschehen. Und ist es nicht ein Vorteil, wenn man sich einmal des Vorschusses beraubt, dessen man sich sein Leben lang so hemmungslos bedient hat?

Und oft sind Niederlagen ja auch, in einem größeren Zeitrahmen betrachtet, der Beginn einer längst fälligen Verwandlung, die einzige Chance zur Einsicht und zum Innehalten in einem Prozess der Entfremdung.

Was für eine Chance kann manchmal Krankheit sein, ein Misserfolg zur rechten Zeit, eine Trennung von einem geliebten Menschen - denn meistens kommt der Anstoß für eine Kurskorrektur im eigenen Leben doch durch einen unvorhergesehenen Schicksalsschlag.

Oder um es mit C.G. Jung auszudrücken:
"Ein kräftiges Leid erspart oft zehn Jahre Meditation!"

Was habe ich nicht alles über den Gleichmut gelesen, der nicht in Gleichgültigkeit ausarten darf, über die still lächelnde Ruhe des Herzens, über den tiefen Frieden derer, die "erwacht" sind.

Nicht nur gelesen - auch in der viel gerühmten Praxis der Kontemplation und Meditation habe ich mich versucht, was hilft einem schon das Wissen um etwas, das sich angeblich nur in der "Wolke des Nichtwissens" offenbaren kann - aber die Kunst des Gleichmuts scheint anderen vorbehalten zu sein. Erleuchteten Zeitgenossen, Menschen von einem anderen Stern.

Einzig die Kunst des Scheiterns scheint wie für mich gemacht.

Nun bedeutet dies nicht, ein Leben ohne Erfolge führen zu wollen. Wir sehnen uns nach Erfolgen und vor allem nach einem leidfreien Leben, nach Glück, und diese Sehnsucht gehört zu uns. Sie abtöten zu wollen wäre genauso töricht, wie unsere Niederlagen zu leugnen.

Als ich Dieter Hildebrandt vom Thema meines Buches erzählte, meinte er:

"Der Titel ist gefährlich. Ein gefundenes Fressen für jeden nicht wohlwollenden Kritiker. Das Wortspiel liegt auf der Hand. Und vor allem: Du wirst doch nicht den Fehler machen wie und irgendetwas beichten, was du besser weiter für dich behalten hättest?"

"Nein", antwortete ich, "ich habe nichts zu beichten, was man nicht sowieso schon irgendwo gelesen hätte."

"Aber warum schreibst du dann über deine Niederlagen?"

"Weil sie mich weitergebracht haben, weit mehr als alles, was mir geglückt ist!"

"Also schreibst du doch ein Buch über deine Erfolge!"

Dem Dieter kann man nichts vormachen.

Natürlich hat er Recht. Ich will mich nicht suhlen in meinen Leidensgeschichten und im Nachhinein rechtfertigt sich Leid nur, wenn es zu einer Erkenntnis führt.

Nur, dass das Scheitern derart ausgeklammert wird aus der Biographie des modernen Menschen, als wäre es anstößig und unmoralisch, als ginge es immer darum, zu den Gewinnern zu gehören, halte ich für gefährlich.

Wir verlieren dadurch den selbstverständlichen Umgang mit unserer eigenen Geschichte und verschenken die Chance, wirklich erwachsen zu werden.

Und ist Kunst ohne Scheitern überhaupt vorstellbar? Muss man es nicht geradezu in die künstlerische Arbeit integrieren? Das Scheitern als Modell künstlerischen Handelns bedeutet auch, die Prozesse einer Profanisierung zu bekämpfen, die Kunst als simple Dekoration benutzt.

Und Scheitern darf auch deshalb keine Schande sein, weil mit dem Hinweis, Utopien seien immer zum Scheitern verurteilt, jede Veränderung schon im Keim erstickt würde.

"Mögen wir sein wie der Lotus, der im Schlamm zu Hause ist. So verbeugen wir uns vor dem Leben, wie es ist."

Dieser Zen-Vers kommt mir immer wieder in den Sinn, wenn ich nach einer besonders anständigen und besonders vorbildlichen Lebensphase wieder einen Rückfall erlebe. Je strenger ich versuche mich zu kasteien, umso jäher der Absturz.

Es ist gefährlich den Schlamm, in dem man zu Hause ist, verdrängen zu wollen. Und seine verbotenen Früchte und Blumen des Bösen nicht ernst zu nehmen.

Ich habe sie manchmal zu ernst genommen und auch deshalb nicht immer ein vernünftiges Leben geführt. Aber wie vernünftig ist eigentlich die Vernunft? Ins Paradies hat sie uns ja nicht gerade katapultiert ...

Manche Beziehungen zu uns und den Dingen sind uns durch sie abhanden gekommen. Oder liegt es gar nicht an uns Menschen?

Ist die Welt vielleicht schon von Anfang an unvernünftig erschaffen worden? Fehlte vielleicht noch der eine oder andere Schöpfungstag? Hatte Gott sich nicht genügend Zeit genommen, war er eventuell im Stress?

Könnte die Welt nicht von ihrer Grundidee gerechter, zusammenhängender, gesetzmäßiger sein?

Einfach - vernünftiger?

Hat sich Gott vielleicht nur einen Riesenspaß erlaubt?

Oder gibt es ihn unverschämterweise vielleicht gar nicht? Dann wären wir für das ganze Desaster ja selbst verantwortlich. Es wäre handgemacht. Von Menschenhand.

Nein, ich glaube, wenn es Gott gibt, dann müssen wir ihm dasselbe zugestehen wie uns selbst:

Die Kunst des Scheiterns!

Das ist auch der Titel des Buches, das gegen Ende Mai im Piperverlag erscheinen wird.

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