Mittwoch, der 4.4.2007

04.04.2007

Liebe Freunde!

Für alle Daheimgebliebenen gibt es heute einen Text, den ich für die Münchner Abendzeitung geschrieben habe.

Abendzeitung vom 17.3.2007 Seite 20

Barfuß auf dem Lehel-Lido

Der Liedermacher über seine Jugend in den Isarauen

VON KONSTANTIN WECKER

Der Winter fand nicht statt in meiner Kindheit, ich war ein Sommerkind.

Ich hab´ Kälte und Schnee einfach ausgeklammert aus meiner Erinnerung, um auch genügend Platz zu lassen für all die heißen Juli- und Augusttage auf unserer "Schtoanse". Schtoanse kommt natürlich von steinig, und steinig war er, unser Lehel-Lido, der schönste Badestrand der ganzen Welt. Aber was machten einem kleinen, immer barfüßigen Jungen die Steine schon aus, da lief man drauf wie auf einer samtenen Wiese, das war man so gewohnt. Und wir liefen andauernd hin und her, denn Buben haben keine Zeit zum faul rumliegen, da gab es andauernd was zum forschen und zu entdecken auf der Praterinsel.

Tag für Tag die gleiche Zeremonie: Schulranzen in die Ecke geschmissen, Badehose angezogen und dann nichts wie runter vom vierten Stock am Mariannenplatz, über die damals noch ziemlich ruhige Steinsdorfstraße und rein in die "isaria rapida", in die reißenden Fluten der Isar.

Damals stand da noch ein Damm, von dem man, wenn man die richtige Stelle wusste, reinhechten konnte. Wusste man die Stelle nicht, schlug man sich den Kopf auf an den Felsen, die von der Gischt verdeckt waren. Dann kamen wir zum Retten mit unseren DLRG-Badehosen und -Badekappen, auf die wir mächtig stolz waren. Wer den Leistungsschein nicht hatte, brauchte sich gar nicht sehen lassen bei uns.

Der Fluss hat mein Leben geprägt: Nie bleibt er gleich, doch immer derselbe - das Sein eines Flusses ist sein Werden. So wollte ich mich auch immer wieder neu erfinden.

Ich hab´ das Schwimmen natürlich in der Isar gelernt, ein nicht ungefährliches Unterfangen. Ich hab´ mich auf dem Rücken meiner Mutter festgekrallt und hatte gar keine Zeit Angst zu bekommen, so schnell ging alles. Wenn man unter der Brücke durchschwamm, musste man je nach Wasserstand noch zwei Pfosten ausweichen, die aus unerfindlichen Gründen für die Ewigkeit in das Flussbett gemauert waren. Sie sind heute noch da, und sie werden vermutlich noch stehen, wenn München schon längst im Wüstenstaub begraben sein wird.

Aufpassen mussten wir nur, dass uns die Jungs von der Spitzbande nicht in die Finger bekamen. Gefährliche Jungs, ein paar Jahre älter und manche von der vornehmen Knastblässe gezeichnet. Sie mochten uns Gymnasiasten nicht besonders, und wenn sie uns erwischten gab´s Prügel.

Der Damm wurde dann abgerissen, nachdem die Brücke einmal eingestürzt war. Man munkelt, das war wegen der vielen Nackerten auf der Schtoanse, wo sich halt so mancher gestandene Münchner Herr von der Brücke aus ein ganz genaues Bild machen wollte, erzürnt natürlich, über die obszöne Blöße der Madln.

Mit dem Damm verschwand meine Kindheit und auf der neuen Schleuse konnte man dann auch nicht mehr runterrutschen vom Kanal in die Isar - und überhaupt ist nun mal früher immer alles schöner gewesen. Und ich hoffe, zu der gleichen Erkenntnis werden auch meine Buben mal kommen, wenn sie so alt sind wie ich. Denn dann weiß ich, sie haben eine paradiesische Kindheit gehabt.

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