Mittwoch, den 22. Februar 2006

22.02.2006

Liebe Freunde!

Es ist ja immer so: kaum denkt man, der SPD-Innenminister sei schlimmer
gewesen als sein CDU-Vorgänger, kommt wiederum ein CDU-Nachfolger daher, der
ein noch schlimmerer Sicherheitsneurotiker als seine beiden Vorgänger ist.
So schaukeln sich neurotische Angst und staatliche Repression kontinuierlich
auf. Und so sind wir dahin gekommen, dass Folter als Instrument der
Wahrheitsfindung wieder gesellschaftsfähig diskutiert werden soll. Ob
Wolfgang Schäuble, wenn er befürwortet, durch Folter gewonnene Erkenntnisse
rechtsstaatlich zu verwerten, an seinen eigenen Fall denkt? An die
mangelnden Erkenntnisse, welche (ohne Folter!) seine eigenen Aussagen in
der CDU-Spendenaffäre hergaben, beispielsweise? Im Nachfolgenden ein Text
zum Thema Folter von Dostojewski, den ich in meinem Programm ´Ich gestatte
mir Revolte´ gelesen habe.

Fjodor Dostojewski, Aus einem Totenhaus (Auszug):
ln die beiden Krankensäle unserer Abteilung kamen alle so mit Spießruten
Gezüchtigten aus den verschiedenen Bataillonen, Arrestanten-Kompanien und
übrigen Militärkommandos in unserer Stadt und ihrem ganzen Landkreis. In
dieser ersten Zeit, als ich noch alles, was um mich herum geschah, gierig
verfolgte, machten alle diese Gezüchtigten und zur Züchtigung Verurteilten
den stärksten Eindruck auf mich, was ja schließlich ganz natürlich war. Ich
war erregt, verwirrt und entsetzt. Ich weiß noch, daß ich damals mit
Ungeduld alle Einzelheiten dieser mir neuen Tatsachen zu erforschen anfing,
ich hörte aufmerksam den Erzählungen der anderen zu, fragte sie nach
verschiedenen Dingen, und wollte mir unbedingt Klarheit verschaffen. Unter
anderem wollte ich um jeden Preis alle Abstufungen der Verurteilungen und
Strafen, alle Abarten der Vollstreckung des Urteils und die Auffassung der
Sträflinge selbst kennenlernen; ich bemühte mich, mir den Seelenzustand des
zur Züchtigung Geführten vorzustellen. Ich habe schon gesagt, daß vor der
Bestrafung selten jemand kaltblütig ist, selbst diejenigen nicht
ausgenommen, die bereits wiederholt und sogar sehr streng gezüchtigt worden
sind. Da überfällt den Verurteilten gewöhnlich eine, ich möchte sagen:
stechende, aber rein physische Angst, die ihn unwillkürlich erfaßt, die sich
nicht abschütteln läßt, und die alles Sittliche im Menschen erdrückt. Ich
habe auch später noch, in all den Jahren meines Ostrogglebens, unwillkürlich
die vor der Bestrafung Stehenden beobachtet, vor allen anderen aber
diejenigen im Lazarett, die nach Empfang der ersten Hälfte der ihnen
zugedachten Anzahl Hiebe das Lazarett wieder verließen, sobald ihr Rücken
geheilt war, um am nächsten Tage die zweite Hälfte in Empfang zu nehmen.
Diese Teilung der Strafe in zwei Hälften geschieht stets nach dem Gutachten
des Arztes, der bei jeder Exekution anwesend sein muß. Ist die Zahl der
Schläge sehr hoch, und glaubt man, der Verurteilte würde sie nicht an einem
Tage überstehen, so wird sie in zwei oder drei Teile geteilt, je nachdem,
was der Arzt während der Bestrafung sagt: ob der Betreffende noch mehr
aushalten könnte, oder ob eine Fortsetzung mit Lebensgefahr für ihn
verknüpft wäre. Gewöhnlich werden fünfhundert, tausend, ja sogar
tausendfünfhundert Hiebe auf einmal gegeben, ist er aber zu zwei-, zu
dreitausend verurteilt, so wird die Strafe in zwei oder drei Serien geteilt.
Indessen ertrugen diese Sträflinge, die vor ihrer Bestrafung so schwere
Nächte und Tage durchmachten, die Bestrafung selbst durchaus mannhaft, sogar
die Kleinmütigsten nicht ausgenommen. Selten habe ich sie stöhnen gehört,
nicht einmal in der ersten Nacht, nicht einmal die: ungewöhnlich hart
Bestraften. Überhaupt versteht das Volk Schmerz zu ertragen. Was nun den
Schmerz selbst betrifft, so habe ich mich ausführlich erkundigt: ich wollte
ganz genau wissen, wie groß der Schmerz denn eigentlich wäre und womit man
ihn vergleichen könnte. Aus welchem Grunde ich danach fragte, vermag ich
selbst nicht zu sagen, ich weiß nur, daß es nicht aus müßiger Neugier
geschah; ich war aufgeregt, ich war erschüttert. Aber wen ich auch fragte,
niemand konnte mir eine befriedigende Antwort geben. Es brennt, wie Feuer
brennt es´ das war alles, was ich erfahren konnte; dieses war die stets
gleichlautende Antwort aller. Mehr vermochte niemand zu sagen. Als ich in
der ersten Zeit mit Motzkij näher bekannt wurde, fragte ich auch ihn.
´Es schmerzt´, sagte er. ´Sehr. Und das Gefühl ... es brennt . . . wie Feuer.
Als ob der Rücken im stärksten Feuer gebraten werde.´ Alle Sträflinge
stimmten darin überein, daß Rutenhiebe schlimmer seien als Stockhiebe. ´Die
Ruten reißen mehr´, sagten sie, ´es ist ein viel größerer Schmerz.´
Natürlich sind Ruten schmerzhafter als Stöcke. Sie reizen mehr, sie wirken
stärker auf die Nerven, sie erschüttern sie unmäßig, weit mehr als man
ertragen kann. Ich weiß nicht, wie es jetzt ist, aber in jener erst kürzlich
vergangenen ´alten Zeit´ gab es bei uns gewisse Gentlemen, bei denen die
Möglichkeit, einen Leibeigenen peitschen zu können, Empfindungen hervorrief,
die an den Marquis de Sade und die Marquise de Brinvilliers erinnern. Ich
glaube, in diesen Empfindungen ist etwas, das jenen Gentlemen das Herz
ersterben machte, das schmerzhaft und doch süß war. Es gibt Menschen, die
wie Tiger blutdürstig sind, Wer einmal diese Macht, die unbegrenzte
Herrschaft über einen menschlichen Körper, über das Fleisch und den Geist
eines Menschen, wie man selbst einer ist, der geschaffen wie wir und nach
der Lehre Christi ein Bruder von uns ist - wer einmal die Macht und die
Freiheit hat, ein anderes Wesen, das gleichfalls ein Ebenbild Gottes ist,
bis zur tiefsten Erniedrigung zu erniedrigen, der wird unwillkürlich
gleichsam machtlos in seinen eigenen Gefühlen. Tyrannei ist Angewohnheit;
sie ist mit Entwicklungsfähigkeit begabt und schließlich artet sie in
Krankheit aus. Ich bin der Meinung, daß selbst der beste Mensch aus bloßer
Gewohnheit bis zum Tierischen verrohen und abstumpfen kann. Blut und Macht
berauschen, sie machen den Menschen trunken: Roheit und Lüsternheit
entwickeln sich; dem Gefühl wie auch dem Verstande wird sogar das Anormalste
zugänglich und schließlich ein Genuß. Der Mensch und Bürger erstirbt im
Tyrannen auf ewig, und eine Rückkehr zur Menschenwürde, zur Reue, zur
Wiedergeburt wird für ihn fast unmöglich.

Im Programm ´Ich gestatte mir Revolte´ folgen an dieser Stelle der 3. und
der 4. Satz aus der Suite für zwei Klaviere op. 5 von Sergej Rachmaninow.

zurück