Donnerstag, der 27. April 2006

27.04.2006

Liebe Freunde!

Nun hab ich mich schon wieder länger nicht zu Wort gemeldet als ich es versprochen hatte. Da ich auf Tour ungern online bin, bleiben mir nur die zur Zeit sehr seltenen Tage zu Hause.
Vor kurzem habe ich die Musik für den "Faust I" in Bad Hersfeld fertig komponiert, bei dem mein Freund Torsten Fischer die Regie führen wird. Mit Torsten verbinden mich viele gemeinsame Arbeiten und ich habe mich sehr darüber gefreut mit ihm wieder zusammen arbeiten zu können. Am 10. Juni ist Premiere und am 2. Mai gebe ich - zum Probenbeginn - mit Norbert, Jo und Hakim ein Konzert in Bad Hersfeld.

Nun prügeln sich die verschiedenen Parteien um die Deutungshoheit des widerwärtigen Mordversuchs an dem Deutsch-Äthiopier Ermyas M. und die Diskussionen treiben seltsame Blüten. Ermyas soll betrunken gewesen sein und das scheint für einige Kreise der Beweis zu sein, dass es sich um keinen fremdenfeindlichen Akt der Brutalität handelt. Also kann man problemlos "Scheiss-Nigger" brüllen, wenn der Gegner betrunken ist und wenn man ihn mit einem gezielten Faustschlag ins Koma schlägt, ist das auch ganz was anderes und viel weniger fremdenfeindlich, als wenn man ihn mit mehreren Schlägen fast tot prügelt.
Herr Schönbohm will keine Fremdenfeindlichkeit erkennen und unser Innenminister verharmlost die Tat mit dem unvergleichlich dummen Satz, auch blonde Deutsche würden niedergeschlagen.
"Die Welt zu Gast bei Freunden" - der Afrikarat in Berlin traut diesem Motto nicht mehr und wird kommende Woche einen Katalog mit Vorsichtsmaßnahmen für dunkelhäutige Besucher der Fußball WM veröffentlichen. "Jeden Tag werden in Deutschland Afrikaner angegriffen, beschimpft und beleidigt" - der Katalog wird konkrete Angaben über Gebiete enthalten, vor deren Betreten ausdrücklich gewarnt wird.
Wer viel in unserem Land unterwegs ist, kann das bestätigen. Es gibt sie wirklich, diese angstbesetzten Zonen, wo man sich in keine Kneipe gehen traut, weil man nicht weiß ob sie von Nazis betrieben wird.
Fremdenhass lässt sich nicht verbieten aber leider umso leichter schüren, schreibt Walther Schneeweiß sehr richtig in der tz: wenn die Politik mit der Asyldebatte in den 90ern und der Integrationsdiskussion heute Ausländer in Deutschland zur großen Bedrohung hochspielt - selbst wenn der Alltag bereits ein völlig anderer ist.
Hier hat der Kampf gegen Rassismus einzusetzen, indem man auf billige Bauernfängerei verzichtet und Zeichen setzt durch Taten. Mit einer Politik, die den Ängsten entgegenarbeitet, die die Rechten nutzen. Und gerade auch mit einer Politik, die nicht willfährig und hilflos einknickt vor der Macht der Ökonomie und dadurch noch mehr soziale Ungleichheit schafft. Vor den neuen Feudalsystemen, die, wie Jean Ziegler in seinem neuen Buch schreibt, unvergleichlich mächtiger, zynischer, brutaler und gerissener sind als die früheren. Er meint damit die transkontinentalen Privatgesellschaften der Industrie, des Bankwesens und des Handels und der privaten Militärfirmen - möchte ich noch hinzufügen.
Diese transkontinentalen Feudalherren üben eine planetarische Macht aus. Jean Ziegler nennt sie Kosmokraten, die Herrscher des Imperiums der Schande.
Sie beherrschen bewusst den Mangel, und dieser Mangel gehorcht der Logik der Profitmaximierung.
An Stelle der Demokratie greift also ein multilaterales Konsortium des Kapitals nach der Macht.
Holdings und Aktiengesellschaften im Bereich der Petrochemie, der Atomindustrie, der Lebensmittelindustrie - ein universell vernetztes System der Vermehrung von Geld mit Hilfe von Geld!
Mehr als 10 Millionen Kinder unter 5 Jahren sterben pro Jahr an Unterernährung, Seuchen und Wasserverschmutzung. Diese Kinder werden nicht von einem objektiven Mangel an Gütern vernichtet, sondern von der ungleichen Verteilung dieser Güter.
Diese ungleiche Verteilung wird auch hierzulande immer deutlicher spürbar, wenn auch in einem weitaus weniger dramatischen Ausmaß.
Warum schreibe ich immer wieder davon? Weil ich ein "Gutmensch" sein will, was einem immer wieder vorgeworfen wird, wenn man sich über Ungerechtigkeit erregt? Hab ich eine Antwort auf diese Verbrechen? Ein Modell einer besseren Welt?
Nein, ich weiß mir keine einzig wahre Ideologie, mit der die Welt besser gemacht werden könnte. aber ich bin mir sicher, dass nur ein klarer Blick auf dieses "Imperium der Schande" und seine Helfershelfer bewirken kann, dass wir beginnen uns zu empören und aufzulehnen.
Jede Demokratie bedarf von Zeit zu Zeit einer Revision durch aufmüpfige, unartige, aufständische Bürger.
Ich sage in meinen Konzerten immer wieder: "Wir brauchen keine Reformen. Das einzige was helfen würde wäre eine ordentliche Revolution."
Meistens lachen die Leute.
Ich meine es eigentlich ernst.
Walter Benjamin beschreibt das Wesen des Faschismus als "Ästhetisierung des Politischen".
Heute kann man mit Fug und Recht von einer Ästhetisierung des Ökonomischen reden.
Der Einzelne wird immer mehr der Ökonomie als Marktobjekt geopfert, er wird nicht mehr erwähnt, er existiert ausschließlich als Zahl einer Statistik, er ist zum demografischen Faktor mutiert.
Dabei vermag aber nur der einzelne Mensch zu leiden, zu lieben, zu träumen, zu tanzen.
Um uns die Poesie unseres Daseins zu erhalten, müssen wir kämpfen. Und das Ziel gemeinsam erträumen, erdenken und erarbeiten.

Bei meinem Konzert in Berlin bin ich endlich Bettina Gaus wieder begegnet und erinnerte mich an ein Mail, das ich ihr letztes Jahr geschickt hatte:

Liebe Bettina
Ich habe von Erika S. deine mail-Adresse bekommen und wollte Dir
nur kurz von meiner Begeisterung für dein Buch berichten. Dass es klug
sein würde war mir klar. Aber dass es auch wirklich anrührend und
aufwühlend ist wurde mir schon beim Lesen der ersten Seiten bewusst.
Vieles von dem, was mich in den letzten Jahren ärgert und bewegt, hast
Du in Worte gefasst.
Ob es die verschwimmenden Grenzen zwischen organisierter Kriminalität
und Kriegführung infolge der Privatisierung von Gewalt sind, oder die
glasklare Beschreibung der neuen Ideologie, ob das Spendenaufkommen
vielleicht doch eher ein Ablasshandel ist, oder wenn Marie Dich
beruhigt, nicht etwa umgekehrt 96 es gäbe so viel heraus zu stellen und
den Menschen näher zu bringen.
Ich werde das Buch in jedem Fall weiter empfehlen und hoffe Dir wieder
einmal zu begegnen.

Ein Buch von "großer intellektueller Redlichkeit" (FAZ)

Bettina Gaus
Frontberichte
Die Macht der Medien in Zeiten des Krieges
Campus Verlag, Frankfurt am Main 2004
ISBN 3593375435,
Gebunden, 200 Seiten, 19,90 EUR

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