Denken wir immer an den Fremden in uns

02.04.2016

Liebe Freunde,
gerade wieder schrieb mir ein Kommentator, Fremdenfeindlichkeit sei eine idiotische Vokabel und man müsse doch diejenigen verstehen, denen das eigene Nest näher sei als das kulturell Fremde und fremdenfeindlich seien ja sowieso nur die wenigsten, halt Nazis und so. 
Nun gut, ich zitiere nicht wörtlich, hab’s aber so verkürzt wiedergegeben, weil ich es immer wieder so ähnlich zu lesen bekomme.
Und ich halte diese Gesinnung für höchst bedenklich.
Erst gibt es nur die Angst vor dem Neuen, dem Anderen, dem Fremden - aber die kann dann, oft unmerklich, leise und verstohlen, schnell umschlagen in Feindlichkeit, auch in Hass und Gewalt. Die Beweise dafür erschlagen uns doch zur Zeit geradezu.
Dabei hat es uns Arno Gruen so trefflich gezeigt in seinem Meisterwerk „Der Fremde in uns“:
Es ist meistens der oder das Fremde in uns, das wir fürchten, vor dem wir fliehen, das wir verteufeln, verurteilen und züchtigen wollen.
Unter denen, die offen Schwule am meisten und am lautesten hassen oder sogar gewalttätig gegen sie werden, sind, wie viele Untersuchungen zeigen, viele, die ihre eigene, latente Homosexualität in sich selbst nicht zulassen wollen oder können.
Und war es nicht vor allem die Wahrhaftigkeit der „Hexen“, ihr wirklich religiöses Gespür für das natürliche Sein, ihre Spiritualität und ihre moralische Freizügigkeit - hat nicht genau das die verklemmten, patriarchalischen Hohepriester der Inquisition zur Verzweiflung getrieben und sie zu den scheußlichsten, meist sexuell motivierten Foltermethoden angestiftet?
Ach, es gibt tausende dieser Beispiele aus der Geschichte der Menschheit.
Oder nehmen wir zwei Beispiele von heute: die Angst Erdogans vor selbstbewussten Frauen spielt sicher eine nicht unerhebliche Rolle in seinem Kampf gegen selbstbewusste KurdInnen.
Oder Donald Trumps Mexikaner-Phobie:
Bei dieser Haarfrisur muss man doch alles bekämpfen was ungefärbt natürlich, schwarzhaarig und lockig ist.
(Verzeihung, aber bei dieser Witzfigur kann ich nicht ernst bleiben.)
Ich selbst musste, wie ich es hier auch schon einmal beschrieben habe, erleben, wie ich nur durch das Tragen einer SS Uniform, in dem Film „Wunderkinder“, den Faschisten in mir lauern sah. Wie ich mich schrecklicherweise identifizieren konnte mit dieser Rolle.
Denken wir immer an den Fremden in uns.
Erst wenn wir ihn entdeckt haben, ans Licht gezerrt, als uns zugehörig erkannt, können wir wieder klar und herzlich denken und fühlen.
Nur dann schlägt die Angst vor dem Fremden nicht um in Fremdenhass.
Ängstlich zu sein ist unser gutes Recht.
Deshalb blind um uns zu schlagen, können wir vermeiden.

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