Dienstag, der 17. Februar 2004

17.02.2004

Liebe Freunde

Vor einigen Wochen wurde ich um einen Beitrag für ein Buch gebeten, einen Sammelband, in dem die Autorinnen und Autoren von ihren persönlichen Erfahrungen bei der religiösen Erziehung ihrer Kinder oder Enkel berichten.
Vielleicht interessiert dieses - mir sehr wichtige - Thema ja nicht nur die Eltern unter Euch....


Fast alle meine Religionslehrer machten mir Angst.

Nicht dass sie selbst so Furcht einflößend gewesen wären, aber der liebe Gott, von dem sie mir erzählten, und von dem ich doch so viel wissen wollte, war nicht lieb. Er schaute mahnend unter die Bettdecke, drohte bei jeder Gelegenheit mit dem jüngsten Gericht und den Qualen der Hölle, und war sehr, sehr streng.

Und mir kam er damals auch ganz traurig vor, denn wer so streng ist, der ist auch ganz allein.

Heute ist mir klar, dass es kein bequemeres Erziehungsmittel gibt für aufsässige kleine Jungs und Mädchen, als diesen unsichtbaren, bösen alten Mann aus der Trickkiste zu holen, der einen auch da noch beobachtet, wo die Eltern oder die Lehrer nicht hinsehen können.

Und was hatte ich doch für eine Sehnsucht nach dem lieben Gott!

Immer ließ ich mir die Geschichten aus der Bibel erzählen, und wären nicht meine liebevollen und liberalen Eltern gewesen - Schule und Kirche hätten es ganz sicherlich geschafft, mir den lieben Gott mit Stumpf und Stil auszutreiben.

Mein Vater war ein wunderbarer Mann. Gütig und verständnisvoll, und so wollte es mir nicht in den Kopf, dass mein Vater viel lieber ist als Er, der doch angeblich der alles und jeden liebende, verzeihende, allwissende Gott ist?

Vor Gott fürchtete ich mich und Vater konnte ich mich anvertrauen.

Gott machte mir ein schlechtes Gewissen und Mutter verzieh mir immer spätestens nach ein paar Stunden.

Und ich kann im Nachhinein ganz schön wütend werden über diese seelischen Körperverletzungen vieler Religionslehrer und Priester damals, die uns nicht nur körperlich züchtigten, sondern vor allem nichts unversucht ließen, um uns einzureden was für abgrundtief schlechte und verdorbene Menschen wir seien.

Wir waren Kinder!!!

Was bitte kann je an einem Kind schlecht sein, was verdorben, was unmoralisch?

Kinder sind unsere Spiegelbilder und was wir in ihnen an Schlechtem entdecken ist der Aufschrei unserer eigenen unterdrückten Schmerzen.

Natürlich gab es Ausnahmen und vielleicht war gerade mein Jahrgang verseucht von autoritären, selbst zutiefst verwundeten, unversöhnlichen und größtenteils unbelehrbaren Lehrern. (Kein Wunder, ich bin 1947 geboren)

Auch weiß ich , dass sich viel geändert hat seitdem, und ich bin persönlich mit einigen Pfarrern und Religionslehrern gut befreundet, die sich eher die Zunge abbeißen würden, als den Menschen diesen autoritären und frauenfeindlichen Gott meiner Kinderzeit zu vermitteln.

Aber hat sich denn am Gottesbild der (Römisch Katholischen) Kirche wirklich so viel geändert?

Ein strafender, Gesetze erlassender, Dogmen spuckender Übervater, der wenn´s sein muss schon auch mal Waffen segnen lässt und mit der Vatikanbank krumme Geschäfte macht.

Und was gäbe es den Kindern nicht wunderbares zu erzählen von Jesus, der die Frauen so respektierte wie die Männer, die Tiere liebte wie die Menschen, der so gar nicht gierig war nach Geld und Besitz, der sich keine sündhaft teure Markenkleidung kaufen musste um seiner Clique zu imponieren und der sich auflehnte gegen Willkür und Gewalt. Von Jesus der einen Großteil der Kardinäle aus dem Vatikan jagen würde, die hauseigene Bank schließen und das Geld unter die Armen verteilen würde, von diesem mutigen, sanften Mann, den sein Vater - so viel ich weiß, der liebe Gott! - nie dafür bestrafte, dass er so aufmüpfig war und so rebellisch.

Das versuche ich meinen Kindern zu erzählen, bevor ich mit ihnen bete, am Abend.

Und sie dürfen auch lachen beim Beten, und Witze machen und Grimassen ziehen, wenn ihnen danach ist.

Kinder sind heilig und deshalb können sie nichts entheiligen.

Und ich habe von ihnen in meinem Verständnis zum Göttlichen so viel mehr gelernt als von den amtlichen Vermittlern, dass sie mir allemal den Weg zurück zu meinem Gott eher weisen als jeder Kardinal. Und die Stunde mit ihnen vorm zu Bett Gehen ist mir mehr Gottesdienst als jedes noch so prächtige Hochamt.

Einmal habe ich meinem Sechsjährigen, eher aus Versehen, gesagt: "Der liebe Gott sieht alles."

Ich hab es sofort darauf bereut, denn er hatte für einige Tage Angst vor ihm und blickte sich verschüchtert im Zimmer um vorm Zubettgehen.

"Sieht er wirklich alles, Papa? Auch wenn ich noch nach dem Zähneputzen Schokolade esse?"

"Ich glaube, der liebe Gott weiß genau, dass kleine Jungs ihre Geheimnisse brauchen und ihre Ecken, wo sie sich verstecken können und ihre Stunden, in denen sie endlich mal ihre Ruhe haben vor den Eltern. Da schaut er dann einfach weg. Bis du ihn rufst."

"Wie ruft man den lieben Gott?"

"Du kannst zu ihm sprechen, wie zu mir oder zu deinen Freunden. Du kannst ihm alles erzählen."

"Aber warum ist der unsichtbar?"

"Er ist ja gar nicht unsichtbar. Er ist in allem vorhanden, aus jeder Blume lacht er dir zu, und wenn unser Maxi sich aufs Gassi gehen freut, dann freut sich der liebe Gott in ihm, und wenn die Mama dich in den Arm nimmt, dann nimmt dich auch der liebe Gott in den Arm. Er versteht alles was du tust und wenn du mal etwas gemacht hast, wofür du dich furchtbar schämst und wenn du glaubst keiner mehr hat dich lieb, dann ist er für dich da. Er war schon da bevor die Welt durch seine überschäumende Liebe erschaffen wurde. Du brauchst ihn nicht erst im Himmel zu suchen, denn er ist ja in dir zu Hause."

Ich habe kein Konzept, wenn ich mit meinen Kindern über Gott rede.

Denn ich will ja auch von ihnen etwas über Gott erfahren.

Und natürlich könnte man es auch einfach bleiben lassen, mit Kindern über Gott zu reden. Atheisten haben auch meinen Respekt.

Aber meistens fragen die Kinder von selbst nach Engeln und dem lieben Gott, und dann versuche ich ihnen etwas von dem zu vermitteln, was ich manchmal - selten genug - beim Meditieren oder Beten erfahre: Dass da ein Geistiges, Göttliches ist, das schon war bevor unser Bewusstsein in die Welt kam, und bevor unser Denken uns einreden konnte, wir hätten den Geist geschaffen.

Und dass alles voll von Liebe sein könnte, wenn wir uns nur darauf einließen, oder wenigstens auf unsere Kinder hören würden, statt sie uns nach unseren verkorksten Vorstellungen zu Recht zu biegen.

Und wenn sie größer werden, werden sie sich vermutlich auch von diesem liebenden Gott befreien - denn es kommt die Zeit, da muss man sich erst mal von allem befreien, was einem die Eltern erzählt haben - um ihn dann irgendwann tief in sich selbst, ganz für sich selbst wieder zu entdecken.

Nun - das hoffe ich jedenfalls.

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