Montag, der 20. September 2004

20.09.2004

Liebe Freunde!

Die letzten Monate waren sehr aufregend und ich kam einfach nicht dazu, weiter an meinem Tagebuch zu schreiben. Plötzlich kam alles zusammen: die Endproben für das Hundertwassermusical, die letzten Änderungen an meinem Roman, und die Aufnahme meiner neuen CD.
Fast hätte ich ja eine Umfrage gestartet, denn uns fiel einfach kein Titel für die CD ein. Doch, da ihr die Songs ja nicht kennt, entschied ich mich zu guter Letzt doch ohne Infratest und Wickert-Institut für: "am Flussufer". Gerd Baumann hat die CD wieder produziert und mit Jo, Norbert, Sven, und dem afghanischen Percussionisten Hakim Ludin haben wir alle Lieder live im Studio eingespielt. Besonders freue ich mich, dass ich nach über 10 Jahren wieder mit Wolfgang Haffner musizieren konnte.
Im Moment ist noch nicht klar ob das Werk noch im Herbst oder erst Anfang nächsten Jahres veröffentlicht wird. Jedenfalls wird gerade für Februar und März eine Tournee geplant.
Da ich seit meinem Füssener Konzert stimmlich etwas angeschlagen bin, musste ich einige Termine im September absagen.
Im folgenden mein Beitrag zur "Hessischen Sozialcharta", den ich am Samstag leider nicht selbst verlesen konnte:

Liebe Frankfurter, liebe HessInnen!

Ich soll mit ein paar Worten die hessische Sozial-Charta unterstützen.

Und das tu ich sehr gerne, denn es geht hier nicht allein um Hessen, auch nicht um Deutschland - es geht darum eine Politik zu entlarven die uns belügt. Die uns einzureden versucht, wenn es nur der Wirtschaft endlich gut ginge, gehe es uns auch gut. Die uns einzureden versucht, es gäbe ewiges Wachstum.

Grenzenlos wachsen einzig Krebszellen, und diese sogenannte Wirtschaft, das System des Ultraliberalismus, gleicht einer Krebszelle.

Jeden Sonntag Abend geben sich Millionäre bei Frau Christiansen ein Stelldichein und faseln davon, dass mit mehr Profit für die Konzerne neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Den Beweis bleiben sie uns schuldig, denn sie lügen. Diese Philosophie des Profits bringt die Konzerne seit Jahren dazu, um so mehr Arbeitsplätze zu streichen, je mehr sie blüht.

Jede Fusion bringt Entlassungen mit sich und nicht zuletzt deshalb saftige Gewinne für die Shareholder.

Mit fast schon stalinistischer Impertinenz wird uns das Dogma des freien Marktes als einzig möglicher Wirtschaftsform eingepeitscht und wer es wagt über eine Wirtschaft nachzudenken, die der Gesellschaft und nicht nur einigen wenigen Reichen nützt, wird verspottet oder mit dem Medienbann belegt.

Er darf nicht teilnehmen an der erlauchten Runde der Fachleute, die uns das alles beschert haben und sich nun auch noch als einzig mögliche Retter aufspielen.

Erst kürzlich habe ich Vivian Forresters empfehlenswertes Buch: "Die Diktatur des Profits" gelesen. Sie schreibt:

"Beschäftigungsmangel - das ist doch ein Hohn, angesichts der zweihundert Millionen Kinder weltweit, die arbeiten müssen, gebeugt unter schweren Lasten, erblindet beim Teppichweben mit kaum erkennbaren Fäden, gezwängt in schmale Stollen von Bergwerken."

Und über Deutschland, über das Geschick der eigenen Nation hinaus zu denken, mitzufühlen mit den Milliarden Hungernden und schamlos Ausgebeuteten ist das Gebot der Stunde. Es gilt anstelle des ethnozentrischen in ein geozentrisches Weltbild zu gelangen. Und dadurch wenden wir uns auch angewidert von den Faschisten und Nationalisten ab, die auf diesen Zug des Protestes so gerne aufspringen würden.

Ihr Protest hatte noch nie etwas mit dem unsrigen zu tun und es ist infam, uns zu unterstellen, wir würden mit diesen Feinden der Demokratie und der Menschlichkeit gemeinsame Sache machen.

Die sogenannte Wettbewerbsfähigkeit, die immer als Argument für neue Entlassungen und brutale Verschlechterungen der allgemeinen Arbeits - und Lebensbedingungen herhalten muss, dient als Vorwand für die unzähligen Exzesse, die weltweit in ihrem Namen begangen werden.

Es ist ein Hohn, dass ausgerechnet eine sozialdemokratische Regierung die Deregulierungen und Produktionsverlagerungen und die irrsinnigen Freizügigkeiten einer Marktwirtschaft, die in eine Wirtschaft der reinen Spekulation abgeglitten ist, stützt und banalisiert.

Ich nehme sie schon lange nicht mehr ernst, diese Wirtschaftsfachleute und Wirtschaftspsychologen, die Börsenexperten und Finanzberater mit ihren unzähligen Nebenbeschäftigungen und Aufsichtsratspöstchen, ihrem Verständnis für völkerrechtswidrige Kriege und ihrer verlogenen Sorge für den sogenannten Mann auf der Straße.

Sie sind Profiteure und Kriegsgewinnler und ihre Gier ist ihnen an den Augen abzulesen.

Was können wir tun? Haben wir ein Patentrezept, ein perfektes Gegenmodell?

Natürlich nicht, und das ist auch nicht notwendig.

Widerstand leisten, bedeutet zunächst: sich zu verweigern.

Es geht nicht darum alle Strategien gefunden zu haben, die geeignet sind der Sache Herr zu werden. Es geht erst mal darum, endlich die Propaganda aufzudecken und das Nicht - Hinnehmbare abzulehnen.

Um zum Schluss noch einmal Vivian Forrester zu zitieren:

"Nun geht es darum, der Allmacht eines uniformen, weltweiten Regimes ohne Gegenmacht - dem Regime des Profits - das sich jeden Tag durch seine Räubereien stärkt unverzüglich entgegenzutreten.

Dieses Regime ist bereits zu weit gegangen, und wenn es sich weiter entwickelt besteht die Gefahr, dass es uns zu jenem Schlimmsten treibt. Auf dass es uns geradezu abrichtet, indem es alles, was dorthin führt, alltäglich erscheinen lässt."

Man kann es nicht oft genug wiederholen: Es hinzunehmen, dass Menschen als überflüssig angesehen werden bedeutet zuzulassen, dass sich die Voraussetzungen für schlimmstmögliche Entwicklungen ausbreiten. Es ist keineswegs lächerlich zu behaupten, dass am Anfang aller Totalitarismen diese Verweigerung von Respekt steht; sie ist es die allen Faschismen den Weg ebnet.

Den Völkermord virtuell abzulehnen ist nicht genug. Er ereignet sich nicht aus heiterem Himmel: Er benötigt einen bereiteten Boden und man muss ihm bereits im Vorfeld Widerstand leisten

Zitate aus dem Buch "Die Diktatur des Profits" von Vivian Forrester (DTV, ISBN 3-423-36281-2).

Anmerkung (Büro Wecker):

Am 18. September 2004 fand in Frankfurt am Main das erste Hessische Sozialforum statt. Neben Diskussionsrunden und Ausstellungen wurden an diesem Tag im Rahmen einer Kundgebung auf dem Römerberg eine Sozialcharta sowie der Redetext von Konstantin Wecker verlesen. Veranstalter war der Koordinierungskreis Hessisches Sozialforum. Das Bündnis "Soziale Gerechtigkeit in Hessen" hat nach einem Konsultationsprozess auf der Grundlage eines Entwurfes von Dr. Karl Koch und Prof. Dr. Franz Segbers diese Sozialcharta entwickelt. Aus den zahlreichen Rückmeldungen hat eine Redaktionsgruppe eine Endfassung formuliert. Der Redaktionsgruppe gehörten an: Angelika Beier (DGB), Dr. Thomas Posern (Zentrum Gesell. Verantwortung der EKHN), Dr. Karl Koch (Caritasverband-Limburg) und Dr. Franz Segbers (Diakonisches Werk in Hessen und Nassau).

Die Sozialcharta wird im Namen des Bündnisses "Soziale Gerechtigkeit in Hessen" veröffentlicht.

Der komplette Text findet sich hier:

http://www.zgv.info/download/pdf/sozialstaat/hessische_sozialcharta2.pdf

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