Mittwoch, der 12. Januar 2005

12.01.2005

Liebe Freunde!

Ich möchte Euch den Text, den ich vor dem gestrigen Benefizkonzert für die Flutopfer geschrieben und im "Zenith" teilweise auch gelesen habe, nicht vorenthalten:

Der Anlass des heutigen Konzertes ist eine Katastrophe geradezu apokalyptischen Ausmaßes. Was da innerhalb weniger Stunden geschehen ist, ist erschreckend, traurig und, gerade für uns, die wir in der Mitte eines festen, soliden Kontinents sitzen, schwer zu begreifen.

Während wir ein paar überflutete Keller oder durch Hagel verbeulte Autodächer bereits für nationale Katastrophen halten, wird uns angesichts der Verwüstungen in Südostasien vielleicht einmal bewusst, was es wert ist, nicht ständig von Vulkanausbrüchen und Erdbeben bedroht zu sein.

Jede Katastrophe birgt eben auch eine Chance - zumindest für die, die noch am Leben sind. Für sie ergibt sich die Chance, aber auch die Notwendigkeit, festgefrorene Meinungen über Bord zu werfen, neue Gedanken zu wagen, das eigene Leben und die eigene Position in der Welt zu überdenken.

Diese Naturkatastrophe hat sich in einer Zeit ereignet, in der wir, in den westlichen Industrienationen, uns einbilden, technisch alles im Griff zu haben - ein Irrglaube, der übrigens in den betroffenen Ländern, die der Natur durch ihre geographische Lage seit jeher stärker ausgesetzt, dadurch aber auch mehr mit ihr verbunden sind, zu keiner Zeit geteilt wurde. (Es ist bezeichnend, dass die meisten in der Katastrophenregion lebenden Stämme von Ureinwohnern sich spontan richtig verhalten und gemeinsam in Sicherheit gebracht haben.)

Wir aber, reich und gebildet, verschont von Tsunamis und Erdbeben, leisten uns als Dank für diese Segnungen Militärausgaben, die die Zahlungen für Entwicklungshilfe um mehr als das Zehnfache übersteigen. Dabei würde ein Zwanzigstel der Rüstungsausgaben reichen, um die schlimmste Armut zu beseitigen, weltweit. Und einige, die sich angesichts der Toten in Asien, vor laufenden Kameras, versteht sich, als großzügige Helfer gerieren, haben im Irak eine vergleichbare Anzahl von zivilen Toten verursacht, ganz ohne Tsunami: Menschenwerk!

Nur zur Information: Wir müssen uns vor Augen führen, dass "die US-Regierung bislang 350 Millionen Dollar den Opfern des Tsunamis zugesichert hat, die britische Regierung 50 Millionen Pfund (96 Millionen Dollar). Die USA haben für den Irak Krieg 148 Milliarden Dollar ausgegeben, die Briten 6 Milliarden Pfund (11,5 Milliarden Dollar). Bislang läuft dieser Krieg über 656 Tage. Das bedeutet, dass die den Tsumani-Opfern zugesicherten Gelder der Vereinigten Staaten den Ausgaben von 1,5 Kriegstagen im Irak entsprechen. Die von den Briten versprochene Summe entspricht der von 5,5 Tagen unseres Kriegseinsatzes." Zitiert nach George Monbiot, Die Opfer des Tsunamis bezahlen den Preis des Irak-Kriegs (The Victims Of The Tsunami Pay The Price Of War On Iraq). Und George Monbiot fährt fort: "Wenn unsere führenden Politiker im Helfen der Menschen genauso freizügig wären wie in deren Morden, dann müsste niemals jemand Hunger leiden."

Im Gegensatz zu westlichen Wahrnehmung gehört übrigens nicht ganz Asien zur Dritten Welt. Thailand und Indonesien sind keine reinen Agrarländer mehr. Das Meer hat einige jener Traumstrände verwüstet, die wir kennen und lieben. Die Tigerstaaten aber boomen seit Jahren, und werden sicher auch weiterhin boomen, nur: was wissenwir von den Zuständen im Landesinneren, wo eine milliardenstarke Bevölkerung unter manchesterkapitalistischen Bedingungen durch Arbeit zugrunde gerichtet wird, in den Fabriken des globalisierten Profitwahnsinns?

Die Globalisierung ist eine Tatsache, wir leben in einer gemeinsamen Welt. Das heißt aber auch, dass uns das Elend der ganzen Welt angeht, jeden einzelnen von uns. Das Elend nach der Flut, aber eben auch das alltägliche Elend von Ausbeutung und menschenunwürdigen Lebensbedingungen, nicht selten für westliche Multis.
Wird in Hinblick darauf die ständige Hetze gegen ein paar Tausend sogenannte oder von mir aus auch tatsächliche Wirtschaftsflüchtlinge nicht zu einer beschämenden Farce? Wer bei den Armen dieser Welt Urlaub machen will, darf nicht nationale Mauern gegen die Armen dieser Welt aufzubauen. Wer wirklich dauerhaft helfen will, muss der brutalen Politik der Multis einen Riegel vorschieben!

Und ein weiteres: Moslems, Buddhisten, Hindus, Christen und Juden haben sich nach der Flut auf selbstlose, aufopfernde Weise, obwohl sie selbst betroffen waren, füreinander eingesetzt. Wir leben in einer Welt! Hat uns diese Katastrophe nicht noch einmal überdeutlich gemacht, wie sinnlos, borniert und dumm es ist, die vermeintliche Reinheit einer nationalen Leitkultur hochzuhalten und Integration und Deutschunterricht zum ideologischen Knüppel zu machen?

Multikulti ist nicht gescheitert, wie uns das einige Demagogen gerne einreden würden. Multikulti ist eine Tatsache. Gescheitert ist die Politik der Ausgrenzung von andersgläubigen Mitmenschen.

Meine Damen und Herren Politiker, spenden Sie Ihr Geld. Wir alle haben genug davon, immer noch. Spenden sie deshalb und darüber hinaus auch ihren Einsatz - für eine andere, eine neue und menschenfreundliche, gerechte Politik, bei der nicht die Maximierung von Profiten das Maß aller Dinge ist, sondern der einzelne Mensch.

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