Sonntag, der 24. Juli 2005

24.07.2005

Liebe Freundinnen und Freunde!

Die Perspektive einer neuen Kraft außerhalb der neoliberalen Meinungsdiktatur habe ich, wie Ihr wisst, lange herbeigesehnt. Warum und weshalb muss ich hier nicht noch einmal ausführen, wir wissen es alle, auch wenn die meisten Medien es nicht schreiben ... Das freilich müssen sie auch nicht, denn: "Kapitalgesellschaften genießen Rechte, die weit über Rechte natürlicher Personen hinausgehen: sie sind unsterblich, extrem mächtig und rein rechtlich verpflichtet, sich pathologisch zu verhalten. Es handelt sich schlicht um die moderne Form des Totalitarismus", wie kürzlich Noam Chomsky in einem Interview sagte.

Eine Auswirkung dieses "Totalitarismus" zeigt sich auch in der medienübergreifenden Kampagne, das linke Wahlbündnis entweder als Sammelbecken ewig gestriger Spinner, Sozialromantiker und Fantasten abzuqualifizieren, Lafontaine als "Hassprediger" zu diffamieren oder - noch schlimmer - alle in die rechte Nazi-Schmuddelecke zu stellen.

"Das Gerede vom ´Populismus´ Gysis und Lafontaines ist allzu dumm. Was ist populistisch an dem Hinweis, dass Deutschlands westeuropäische Nachbarn weniger Steuergeschenke an Unternehmer verteilen als wir?", schreibt Michael Jäger diese Woche im "Freitag", und Sabine Kebir erinnert zu Recht daran, dass man sich das Stigma "populistisch" nicht ausgerechnet von denen verpassen lassen soll, die für eine exemplarische Verflachung von Bildung und Information sowie grassierenden politischen Analphabetismus verantwortlich sind.

In Anbetracht all dessen bin ich erst recht überzeugt, dass eine hörbare Stimme des Widerstands bitter nötig ist, und dafür, dass das neue Linksbündnis möglichst stark in die Parlamente einzieht.

Ich will aber auch festhalten, dass es für mich um sehr viel mehr geht als um eine rein parlamentarische Perspektive. Duckmäusertum und Opportunismus wurden Jahre, ja jahrzehntelang gezielt und ohne allzu effektiven Widerstand hochgezüchtet. Wer sich engagiert, wird als "Gutmensch" verächtlich gemacht, kritisches Denken und rebellischer Geist mit Zuckerbrot und Peitsche ausgetrieben. Wir haben es mit einer Gesellschaft zu tun, die auf der Ebene des Einzelnen wie gelähmt erscheint, und deshalb im Ganzen zu einer Ansammlung von Egoismen zu verkommen droht, unter denen allerdings nur einige wenige Macht genug haben, sich auf Kosten der anderen durchzusetzen.

Gerade deshalb halte ich das Linksbündnis für einen wirklich wichtigen Schritt, Opposition auf parlamentarischer Ebene wieder zu artikulieren - deshalb auch halte ich aber diese parlamentarische Ebene nicht für das einzige, ja noch nicht einmal für das entscheidende Feld der Auseinandersetzung.

Ein warnendes Beispiel sind mir hier die Grünen, deren Gründung ich ebenfalls mit großen Hoffnungen und direktem, persönlichem Engagement begleitet habe, und deren Zug Richtung Fleischtöpfe ich dann jahrelang und - spätestens beim Kosovo Krieg - mit wachsendem Entsetzen mit ansehen musste. Das Parlament ist eben kein neutraler Raum, den man mal so und mal so besetzen könnte, sondern es ist eine soziale Maschine, ein atmosphärischer Mechanismus, der selbst die Besten und Aufrichtigsten scheinbar unaufhaltsam einsaugt und integriert in ein Geflecht von Macht und Geld und Medien und Seilschaften und oft auch skrupellosen Opportunismus.

Ich will all jene, die nun einen entschlossenen Schritt heraus aus der Lähmung wagen, mit diesen Worten keineswegs entmutigen oder mir anmaßen, ihnen ein ähnliches Schicksal vorauszusagen. Nein, es kann in diesem Falle anders ausgehen, besser, ehrlicher, rebellischer.

Entscheidend dafür ist aber, ob dem Sog nach rechts, dem man sich im Hause der bürgerlichen Macht unweigerlich aussetzt, ein stärkerer Sog nach links entgegensteht: eine außerparlamentarische, nicht integrierte, sondern durch und durch aufmüpfige Bewegung freier Menschen, die Politiker immer wieder herauszieht aus dem Reichstag, auf die Strassen und Plätze und in den Strom normaler, machtloser, ganz und gar medienuntauglicher Menschen.

Mit anderen Worten: die Linkspartei braucht Unterstützung, aber wenn sie werden soll, was wir uns von ihr erhoffen, dann braucht sie KRITISCHE Unterstützung.

Ich begrüße den offenen Brief der über 150 Einzelpersonen und Gruppen aus dem antirassistischen Spektrum, in dem das Bündnis aufgefordert wird, gesellschaftlichem Rassismus offensiv entgegenzutreten, grundsätzlich für die Rechte von Flüchtlingen einzutreten und Abschiebungen konsequent abzulehnen. Das "Friedenspolitische Manifest" von Tobias Pflüger und Judith Demba, das in 18 Punkten ein "klares friedenspolitisches Profil" formuliert, habe ich mit unterzeichnet.

Für mich persönlich ist es so, dass ich gerne auch öffentlich meine Sympathie für das neue Linksbündnis bekunde - dass ich aber eine rein parlamentarische Strategie entschieden für zu kurz gegriffen halte. Der Scherbenhaufen, den Rot-Grün hinterlässt, hält große Gefahren bereit, er kann aber auch eine Chance sein, der Beginn eines neuerlichen Aufbruchs für eine bessere Welt. Das freie Denken und Leben blüht aber nicht in der Wahlkabine, sondern dort, wo sich Menschen miteinander und füreinander bewegen. Und ich will hier auch sagen, dass ich mir eine andere Linke wünsche: eine bunte Linke, die sich selber mag, die Widersprüche aushält und positiv erlebt, die freundlich ist, versponnen, mutig und radikal nicht in ihren Dogmen, sondern in ihren Lebensäußerungen. Und deshalb sage ich hier auch, wenn das vielen Linken vielleicht aufstößt: ich wünsche mir eine Linke, die auch eine spirituelle Botschaft bereithält, über das Tagespolitische und über harte Fakten hinausgeht und die Herzen der Menschen erreicht.

Das heißt auch, wieder andere, emanzipativere Formen zu entwickeln, Kunst und Künstler einzubinden. Vor allem aber ist es eine Aufforderung, dass Widerstand mehr sein muss als Prozentbalken am Wahltag. Wir brauchen eine neue APO.

"Ist der Schriftsteller nur da, um die höchste Sprachmeisterschaft zu erreichen oder besteht seine Aufgabe nicht vielmehr darin, mit seinem Schreiben das Unrecht auf der Welt, wo immer es sich auch zeigt. zu bekämpfen, die Menschen für soziale und moralische Einsichten empfänglich und für sich selbst verantwortlich zu machen, jeden Krieg als Verbrechen zu brandmarken, und auf die Gefahr hin, ein Leben lang verkannt und verdächtigt zu werden, stets einer Gesellschaftsordnung das Wort zu reden, in welcher gleiches Recht für jeden gilt und die Freiwilligkeit zur Einordnung in das Ganze schließlich zur sittlichen Regel wird? Von da ab wurde mir klar, dass ich nur noch ein Schriftsteller im letzteren Sinn, also zeitlebens ein so genannter ´engagierter´ Schriftsteller sein konnte, dessen Talent zugleich eine unabdingbare menschliche und soziale Verpflichtung war."

Diesen Worten von Oskar Maria Graf ist nichts mehr hinzuzufügen.

P.S:
Erst vor ein paar Tagen habe ich einen Text des genialen Dirigenten und Komponisten Leonard Bernstein entdeckt, der sehr gut zum Thema passt:
"Was haben wir Künstler mit Öl und Wirtschaft, mit Überleben und Ehre zu tun? Die Antwort ist: alles. Unsere Wahrheit, wenn sie vom Herzen kommt, und die Schönheit, die wir aus ihr hervorbringen, sind vielleicht die einzigen wirklichen Wegweiser, die übrig geblieben sind, die einzigen klar sichtbaren Leuchttürme, die einzige Quelle der Erneuerung der Vitalität der menschlichen Weltkulturen. Wo Wirtschaftsleute hadern, können wir heiter sein. Wo Politiker ihre diplomatischen Spiele betreiben, können wir Herz und Hirn bewegen. Wo die Habgierigen raffen, können wir schenken. Unsere Federn, unsere Stimmen, unsere Pinsel, unsere Pas de deux, unsere Worte, unsere Cis´ und B´s steigen höher empor, als die höchste Ölfontäne. Sie können Eigennutz in die Knie zwingen. Sie können uns vor dem moralischen Niedergang bewahren. Vielleicht sind es überhaupt nur die Künstler, die das Mystische mit dem Rationalen versöhnen und darin fortfahren können, die Allgegenwart Gottes der Menschheit vor Augen zu führen."

Unverdrossen zuversichtlich
Euer Konstantin Wecker

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