Montag, der 8. August 2005

08.08.2005

Liebe Freunde,

die Wiener Friedensbewegung hat auch heuer wieder gemeinsam mit der Hiroshima Gruppe Wien ihre traditionelle Veranstaltung zum Gedenken an die Opfer der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki durchgeführt.

"Die Lehre aus Hiroshima und Nagasaki hat traurige Aktualität:
Trotz des weltweiten Widerstands von Millionen Menschen im Jahre 2003 wurde und wird Krieg geführt. Die Menschen leiden unter den Folgen. Die Entwicklung neuer und vor allem ´einsetzbarer´ Atomwaffen (wie die sogenannten ´Mini Nukes´ bzw. bunkerbrechende Waffen, die in den US-Militär-Plänen gefordert werden) geht weiter. Atomwaffen der ´neuen´ Atommächte wie zum Beispiel Indien und Pakistan gefährden die Welt genauso wie die riesigen Arsenale der bekannten ´alten´ und der ´nicht deklarierten´. Es zeigt sich deutlich, dass es zur Abschaffung aller Atomwaffen keine vernünftige Alternative gibt.
Es ist enttäuschend, dass die im Mai d. J. beendete Überprüfungskonferenz des Nichweiterverbreitungsvertrages von Atomwaffen ergebnislos beendet wurde. Die Warnung von Expertinnen und Experten, die Gefahr eines Atomkrieges sei noch nie so groß gewesen, bedeutet, dass unser Engagement für eine Welt ohne Atomwaffen und ohne Krieg notwendiger denn je ist!"
Quelle: www.hiroshima.at

Die Hiroshima-Veranstaltung fand am Samstag, 6. August 2005 auf dem Wiener Stephansplatz statt und wurde mit einem Laternenmarsch zum Teich vor der Karlskirche abgeschlossen.

Gerne habe ich eine Grussbotschaft übermittelt:

Liebe Freundinnen und Freunde
60 Jahre sind eine lange Zeit, und die Friedensbewegung hat doch das Gedenken an die Kriegsgräuel im öffentlichen Bewusstsein bis zum heutigen Tage verankern können. Das ist ein Erfolg. Das ist gut und wichtig.
Dieser Erfolg birgt aber auch eine Gefahr, und grade in Deutschland können wir diese erkennen. Die Errichtung des Holocaust-Denkmals in Berlin ist zum Beispiel ein Projekt, das man als Kriegsgegner und Antifaschist natürlich nur begrüßen kann. Wenn aber zeitgleich der Holocaust missbraucht wird, und nach dem Motto "Nie wieder Auschwitz - deshalb Militärschlag!" die Kriegstrommel gerührt wird, dann sehen wir auch deutlich die Gefahren einer verstaatlichten Gedenkkultur, die zwar schockiert zurück blickt, aber vor den Gräueln der Gegenwart die Augen verschließt.
Gegen die Atombombe vor 60 Jahren zu sein, ist eben leichter, als sich gegen die Kriege im Kosovo, in Afghanistan oder jetzt im Irak zu stellen ...
Und genau deshalb ist Eure Initiative so gut und unterstützenswert: weil sie das Gedenken an Hiroshima wach hält und erneuert, aber das eben als Teil der täglichen Antikriegsarbeit begreift, das Gedenken einbettet in die aktuellen Auseinandersetzungen mit einer sich weltweit militarisierenden Außenpolitik. Dieses Gedenken darf eben nicht rein historisch und schon gar nicht staatlich sein, sondern muss getragen sein von vielen einzelnen dieser derzeit so zielbewusst der Lächerlichkeit preisgegebenen "Gutmenschen" - von vielen guten Menschen also.
Ein Atombombenabwurf ist in seiner ganzen kühlen Bestialität kaum in Sprache zu fassen, gleichzeitig aber als Ereignis und Symbol extrem wirksam. Ich denke hier an den Bericht einer japanischen Frau, die den Atompilz als kleines Kind in der Ferne sah. Sie konnte natürlich nicht wissen, worum es sich handelte, freute sich in kindlicher Begeisterung nur an der Schönheit der Formen und Farben, und leidet bis heute bitterlich unter dem Konflikt zwischen ihrer unwissenden Reaktion als Kind und dem späteren Wissen um die verheerende Wirkung dieses leuchtend orangenen Feuerpilzes.
Auch wir sind aufgefordert, es uns im Gedenken an dieses gigantische Verbrechen nicht zu leicht zu machen. Wir sollten uns vergegenwärtigen, dass die heutigen Verbrechen zwar oftmals weniger spektakulär, mit weniger Medieninteresse und in diesem zynischen Sinne vielleicht "professioneller" vonstatten gehen. Ein heutiger Krieg ist ja, von den Medienberichten her besehen, eine scheinbar sehr saubere, direkt unblutige Angelegenheit.
Wir aber wissen und müssen es gerade an diesem Tag sagen: dass die Zahl der Opfer in den zahllosen verdeckten und wirtschaftlichen, den unbeachteten und indirekten Kriegen auf dieser Welt weiterhin in die Millionen reicht - und das die Zahl der Opfer steigt, und nicht sinkt!
Hiroshima hat das Zeitalter der Atombombe eingeläutet und stellt einen der Tiefpunkte der menschlichen Geschichte dar. Aber wir haben wenig Anlass, uns heute auf weit darüber liegenden moralischen Höhen zu wähnen. Solange jeden Tag weiter gefoltert, ausgehungert, gebombt und geschossen wird, sind wir, jeder einzelne von uns, moralisch und politisch verantwortlich.
60 Jahre nach der Bombe von Hiroshima stehen wir als Friedensbewegung deshalb immer noch ganz am Anfang. Wir haben das kollektive Bewusstsein erreicht und etwas verändert - aber die Aufgabe, die Politik ebenfalls zu erreichen, zu verändern und den Krieg endlich aus der Welt zu schaffen, liegt noch unberührt vor uns.
Bewegen wir uns also weiter, gegen den Krieg - und für eine gerechte Wirtschaftsordnung.

Mit solidarischen und unbeirrt pazifistischen Grüßen

Konstantin Wecker, "Gutmensch"

Zur Ergänzung der Appell von IPPNW:

"An die Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik

Wir Ärztinnen und Ärzte der Internationalen Friedensorganisation IPPNW, 1985 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet, erlauben uns, Sie auf die gemeinsame Chance hinzuweisen, mit der bevorstehenden Bundestagswahl einen demokratischen Einfluss in einer lebenswichtigen Frage auszuüben.

Noch immer halten die USA auf deutschem Boden eine geheim gehaltene Zahl von B 61-Atombomben bereit, jede davon mit einer bis zu sechsfachen Sprengkraft der Hiroshima-Bombe ausgestattet, die vor genau 60 Jahren etwa 90.000 Menschen in der japanischen Stadt getötet, viele tausend andere schwer chronisch geschädigt hat. 89 Prozent der Deutschen erwarten laut Forsa-Umfrage die dringende Beseitigung dieser Waffen, die unsere Regierung aufgrund des Atomwaffensperrvertrages von 1968, Artikel II, ohnehin nicht hätte annehmen dürfen. Soeben haben die USA erneut die Erfüllung einer weiteren Verpflichtung aus diesem Vertrag verweigert, nämlich in Verhandlungen mit dem Ziel einer vollständigen nuklearen Abrüstung einzutreten.

Verlangen Sie von den Kandidaten, die sich in Ihrem Wahlkreis um Ihre Stimme bewerben, eine klare Stellungnahme zur Frage der atomaren Abrüstung allgemein und speziell zur Befreiung von diesen Waffen aus unserem Land. Lassen Sie sich nicht weismachen, es gehe hierbei um Antiamerikanismus. 17 hohe Generäle und Admiräle der USA und 75 amerikanische Pax Christi Bischöfe haben entschieden gegen die Fortsetzung einer auf Atomwaffen gestützten so genannten Sicherheitspolitik protestiert.

Wir begründen diesen Appell an Sie, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, mit der politischen, militärstrategischen und moralischen Unverantwortlichkeit der atomaren Risiken und bedenken das grauenhafte medizinische Elend der Folgen im Ernstfall, wie es die Japaner in Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945 getroffen hat. Frieden kann nur von Menschen geschützt, von Massenvernichtungswaffen, gleich welcher Seite, stets nur bedroht werden."

(Gekürzte Fassung)

V.i.S.P.: Prof. Dr. Dr. Horst-Eberhard Richter, IPPNW

Euer Konstantin

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