Mittwoch, der 16. November 2005

16.11.2005

Liebe Freunde!

In Furtwangen haben geistig behinderte Kinder unter Anleitung von engagierten Pädagogen ihren Träumen in Form selbst erfundener Märchen Gestalt gegeben. So viel geballte Kreativität ist mir bei Erwachsenen selten begegnet.

Seit ich selbst Vater geworden bin, werde ich das Gefühl nicht los, dass es den meisten Erwachsenen, um in die Erfahrungswelt von Kindern einzudringen, an Weisheit und an Reife mangelt. Wir sind so sehr in unsere Welt der Vernunft, der Zahlen und Fakten eingesponnen, dass wir wie mit Scheuklappen durch eine Welt voller Wunder laufen. Manchmal ertappe ich mich selbst schon dabei, mich vom Weltbild der zahlreichen Ernüchterer und Grauen Herren infizieren zu lassen. Zum Glück gibt es Valentin und Tamino. All die Engel und Zauberwesen, die ich durch jahrelange konsequente Nichtbeachtung auf Distanz gehalten habe, kommen jetzt manchmal wieder zu mir, wenn ich meinen Söhnen nahe bin.

Vor einiger Zeit kam der Pädagoge Winfried Neuburger mit dem Anliegen auf mich zu, das Vorwort für ein wahrhaft ungewöhnliches Buchprojekt zu schreiben. Geistig behinderte Kinder der Bregtalschule in Furtwangen erzählten engagierten Lehrern ihrer Träume. Die Kinder wurden aufgefordert, ihre größten Wünsche und ihre schlimmsten Ängste in poetische Bilder zu verpacken. Dann wurden sie angeleitet, mit Hilfe typischer Märchenbausteine und Erzählelemente eine spannende Geschichte daraus zu stricken. Die Ideen wurden dann von Pädagogen aufgeschrieben, lektoriert und gesammelt. Daraus soll nun ein Buch mit Texten und Bildern der Kinder werden, zu dem derzeit noch ein Verlag gesucht wird. "In Märchen werden Träume wahr", heißt es im Klappentext. "Warum also sollen in Träumen keine Märchen wahr werden?" Neben dem Leiter Winfried Neuburger sind es Norbert und Annette Sütsch sowie Gabriele Heinzmann, die dem Projekt durch ihre engagierte Arbeit Leben einhauchen.

In der Projektbeschreibung von Winfried Neuburger stehen Sätze, die mich sehr berührt haben: "Das Bilder-Märchen Projekt ´barfuß zu dem kleinen Prinz´ ist ein Traum im Sinne von John Lennons ´Imagine´: Stellen wir uns vor, dass Menschen, die nicht in das Raster der so genannten Normalität passen, in ihren Herzen Gedanken tragen, die sie uns schenken wollen. - Aber wie? Vielleicht so: die Quelle des Herzens, die Seele, sie kennt keine dialektische Rhetorik, keine geschliffene Ratio, keine von Kompromissen bestimmte Realität. Doch in dieser Quelle schlummern Märchen, in denen, getragen von der Phantasie, alles möglich ist. Wie in unseren Träumen."

Diese geistige Haltung ist mir sehr nahe. Ich war schon immer der Meinung, dass Fantasie nicht nur für Künstler, sondern für alle Menschen überlebenswichtig ist. "Die Herren pokern, ihre Welt schneit unsere Herzen langsam ein. Jetzt kann nur noch die Fantasie die Sterbenden vom Eis befreien." - Das schrieb ich schon in einem meiner frühen Liedtexte.

Schon lange habe ich den Kriterien misstraut, die unsere Gesellschaft an "Normalität" anlegt. Wer ist eigentlich "behindert" in einer Zeit, in der so viele vermeintlich Normale - um eine Formulierung von Jacques Brel zu verwenden - "Herzamputierte" sind? In den Märchenschöpfungen dieser Kinder finde ich, was ich im Alltagsleben oft vermisse: eine erfrischende Respektlosigkeit gegenüber den Zwängen einer angeblich objektiven Realität, die Kraft und den Mut der eigenen Imagination zu vertrauen.

Einen neuen faszinierenden Zugang zu Märchen bekam ich in den letzten Jahren durch die Deutungen des großen Theologen und Psychologen Eugen Drewermann. Wenn Drewermann in einem seiner schier unendlich vielen, klugen Bücher Märchen interpretiert - und keiner kann das so wie er -, habe ich anschließend immer das Gefühl, strohdumm zu sein. Wieso bin ich noch nie auf diese oder jene Deutung selbst gekommen, was blieb mir nicht alles verborgen in diesen Märchen, die ich selbst schon als Kind gelesen hatte und nun so oft meinen beiden Kindern wieder vorgelesen habe.

Nun, offenbar ist Drewermann einfach belesener als ich, aber ich versuche dann zu meiner eigenen Entschuldigung mein ausgesprochen musikalisches, poetisches Verständnis der Märchen ins Feld zu führen, meine fast schon meditative, von der Ratio völlig abgetrennte Art mir Bücher selbst vorzulesen, als ob ich sie anderen vorlesen würde. Dann bin ich meist wieder einigermaßen versöhnt mit mir.
Und wenn ich dann wieder versinke in 1000 und einer Nacht, im kalten Herzen, in Oscar Wildes oder Goethes unvergleichlichen Märchen, dann ist es mir eigentlich schon wieder egal, wie ich sie verstehe, deute und analysiere - dann erlebe ich sie wie einen guten Blues oder eine Puccini-Arie: direkt mit dem Herzen.

Märchen sind für Kinder, für das Kind in uns allen geschaffen, denn sie sind wie die Poesie: ver-rückt. Im Märchen erlebt man immer wenigstens zwei Wirklichkeiten. Die so genannte Realität und die Wirklichkeit der Träume und der Fantasie. Das, was wir an Kindern so bewundern, wofür wir sie sogar manchmal beneiden, ist auch im Märchen immanent: In mehreren Welten gleichzeitig zu Hause zu sein!

Mein größerer Sohn ahnt schon länger, dass die Geschenke des Christkinds vielleicht doch von den Eltern sein könnten und er forscht streckenweise detektivisch nach. Aber am heiligen Abend ist das Christkind eben doch da und es spiegelt sich in seinen wunderschönen Augen. Er lebt so in diesen beiden Wirklichkeiten, wie die Dichter seit Anbeginn in verschiedenen Wirklichkeiten leben und schreiben, und Kinder wissen ganz genau, dass die Realität der Erwachsenen genauso unwirklich und wirklich ist wie die ihre.

Vor allem wenn wir ihnen diese tiefe Weisheit nicht aberziehen. Wenn ich an unser neues bayrisches G8 Schulsystem denke, ergreift mich heiliger Zorn. Herr Stoiber scheint ausgerechnet dann ungewohnt konsequent und zuverlässig zu agieren, wenn es darum geht, gegen die Interessen unserer Kinder gefährlichen Unsinn durchzudrücken. In zwölf Jahren soll ihnen nun derselbe Lehrstoff eingebläut werden wie zuvor in dreizehn. Und das geht natürlich nur mit Nachmittagsschule und dem Verlust an Freizeit.

Offenbar geht es nur noch darum, Kinder auf ihre Verwendbarkeit für die Interessen der Wirtschaft hin zurechtzustutzen. Die Anforderungen auf mathematisch-naturwissenschaftlich-logischem Gebiet werden immer weiter nach oben geschraubt, während Fantasie, musisches und soziales Lernen ein Schattendasein fristen. Wie man so durch und durch ökonomisiert sein kann, von Konzernen gekauft und dem Leistungszwang hündisch ergeben, dass man dafür Kindern das wichtigste raubt was sie besitzen, nämlich ihre Kindheit, bleibt mir ewig ein Rätsel. Auf der kritischen Webseite "Sagichdoch" las ich in diesem Zusammenhang den Spruch: "nicht für die Schule, sondern für den Shareholder Value lernen wir."

Jetzt haben wir also jede Menge 12jährige kleine Erwachsene, auf Elite getrimmt, die keine Zeit mehr haben sollen für soziale Kontakte, musizieren, keine Zeit mehr für träumen und spinnen, Irrtum und Unsinn. Ja der Unsinn ist´s, der die Märchen so wichtig macht, wohlgemerkt, Märchen sind oft unsinnig, nicht sinnlos.
Nun haben engagierte Pädagogen und Schriftsteller mit geistig behinderten Kindern Märchen geschrieben und rausgekommen ist das Fantasievollste, was ich in der letzten Zeit zu lesen bekam. Wenn etwa die Lügenzwerge nachts heimlich aus ihren Katakomben kriechen und Lügen ausstreuen, wenn man von einem Fenster liest, in dem alle vier Jahreszeiten gleichzeitig zu sehen sind, dann könnten Psychologen sicher jede Menge Spannendes aus den Tiefen der menschlichen Seele ans Licht zerren.

Vielleicht wird das auch mal jemand tun, das ist dann sicher interessant und lehrreich. Mir genügt´s derweil, den "Traum der Pferde" mit zu träumen und vom "Friedenskönig" und seinem einzigen Gesetz, dass sich alle Menschen gefälligst vertragen müssen, und mit den Kindern ein "von Welle zu Welle hüpfendes Eichhörnchen" zu beobachten.

Gerade heute Nachmittag war ich mit meinen Buben in einem Schwimmbecken, das auf Grund seines hohen Mineraliengehalts für Kinder verboten war. Ich las ihnen das Schild vor, bat sie das Becken zu verlassen, worauf sie sagten: wenn das für Kinder verboten ist, musst du auch raus.
Recht haben sie.

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