Mittwoch, den 22. Januar 2003

22.01.2003

Liebe Freunde,

da ich mich in vielen Gesprächen ausführlich zu meiner Reise geäussert habe, hier einige Gedanken, die ich mir vorher, am 29.12.2002, gemacht habe.
Ich habe den Tagebucheintrag gestern bearbeitet und ergänzt.


"Morgens um 2Uhr 30 am 17. Januar 1991 begannen die Bomben zu fallen und zweiundvierzig Tage lang flogen US - Flugzeuge durchschnittlich alle 30 Sekunden Angriffe auf den Irak. Durch den Einsatz von US-Technologie wurde die Wiege der Zivilisation zerstört, und Georg Bush bezeichnete diesen Vorgang als Befreiung. Ohne auch nur einen Fuß auf irakischen Boden zu setzen zerstörte die US- Armee durch Luftangriffe und Raketen innerhalb von 6 Wochen systematisch Leben und lebenswichtige Infrastruktur im Irak."
Diese nüchternen Sätze von Ramsey Clark, unter Lyndon B. Johnson Justizminister der USA, gehen mir nicht mehr aus dem Kopf, während ich mich auf meine Irakreise vorbereite.
Ich fahre in ein Land, das zweifellos von einem schrecklichen Diktator unterdrückt wird.
In ein Land, das bereits 1917 von britischen Truppen belagert war und durch systematische Bombenangriffe aus der Luft niedergeschlagen wurde. Dessen Grenzen, ungeachtet der Stammesverbindungen, die das kulturelle Wesen des nahen Ostens nun mal ausmachen, willkürlich von Briten und Franzosen festgelegt wurden.
Ein Land, das während der Abassidenzeit (749-1258) Mittelpunkt der islamischen Kultur war und seit dem 2. Weltkrieg wegen seiner gigantischen Ölvorkommen im Fokus der westlichen Industrienationen steht.
Vor allem aber fahre ich in ein Land, das ich nicht kenne und von dem ich nicht mehr weiß, als man aus Lexika und ein paar nüchternen Geschichtsbüchern erfahren kann.
Ich fahre in ein Land, das, wenn es den vernünftigen Kräften in dieser Welt nicht doch noch gelingt, den Krieg abzuwenden, in einigen Wochen besetzt und bombardiert werden wird. Dessen Bevölkerung all ihrer Würde beraubt sein wird, ermordet oder verwundet für wirtschaftliche und hegemoniale Interessen.
Erst vor einigen Tagen habe ich in Scott Ritters Buch "Krieg gegen den Irak" einen denkwürdigen Satz George Keenans, eines berühmten Vordenkers des US-Außenministeriums gelesen, der schon 1948 sagte:
"Die USA besitzen etwa 50 Prozent des Reichtums der Welt, machen aber nur 6,3 Prozent der Weltbevölkerung aus. In dieser Situation werden wir zwangsläufig mit Neid und Unmut konfrontiert werden. Unsere eigentliche Aufgabe in der vor uns liegenden Epoche ist es, ein Schema von Beziehungen zu entwickeln, das es uns ermöglicht, diese Position der Ungleichheit zu erhalten, ohne dass unsere nationale Sicherheit ernstlich gefährdet wird. Zu diesem Zweck müssen wir Schluss machen mit all den Sentimentalitäten und Tagträumereien, unser Augenmerk muss immer und überall auf unsere unmittelbaren nationalen Ziele gerichtet sein. Wir dürfen nicht der Täuschung erliegen, dass wir uns den Luxus von Altruismus und weltweiter Wohltätigkeit leisten können. Wir sollten aufhören, von so vagen und unrealistischen Zielen wie Menschenrechten, Anhebung von Lebensstandards und Demokratisierung zu reden. Der Tag ist nicht mehr fern, an dem unser Handeln von nüchternem Machtdenken geleitet werden muss. Je weniger wir dann von idealistischen Parolen behindert werden, umso besser."
(Einige Jahre später wurde konsequenterweise Mohammed Mossadegh im Iran abgesetzt, der beschlossen hatte, das Land sollte über seine Ölressourcen allein bestimmen.)
Diese Sätze kennzeichnen eine Haltung, die dem grauenvollen Phänomen Krieg seit Menschengedenken zu eigen ist. Menschen werden für eigene Machtinteressen instrumentalisiert, werden, anstatt in der Werteordnung an erster Stelle zu stehen, zum Mittel degradiert.
Um einen Menschen in eine "kriegstaugliche Maschine" zu verwandeln, muss man ihn all der Werte berauben, die ihn erst zum Menschen machen: Seines Mitfühlens und seiner Sehnsucht nach Liebe, seines Verstandes und seiner Identität, seiner Möglichkeit zur Güte und zum Verzeihen.
Und seiner Fähigkeit, über die Grenzen des eigenen Wohlbefindens und der eigenen vier Wände hinaus zu denken.

Krieg ist so eng mit der Geschichte der Menschheit verknüpft, dass man geneigt sein könnte, ihn unabänderlich zum Menschen gehörend zu betrachten. Ohne auch nur die kleinste Chance auf Hoffnung für eine friedliche Welt?
Dagegen möchte ich einiges einwenden:
Wie L.Tiger und R. Fox in ihrem Buch "Das Herrentier" belegen, ist Krieg keine "...menschliche, sondern eine männliche Aktivität, der Krieg ist kein menschliches, sondern ein männliches Problem." (Sehr betont stellen die Autoren den Unterschied von Mann und Frau in der Frage des Krieges aufgrund uralter, steinzeitlicher Rollenzuweisungen heraus. Ich kenne das Buch nicht und habe dieses aufschlussreiche Zitat bei Eugen Drewermann entdeckt.)
Könnte also demnach das Ende des Patriarchats auch ein Ende von Kriegen bedeuten?
(Es gibt da durchaus Ernst zu nehmende Einwände, aber man wird ja noch träumen dürfen ....)
Selbst wenn unsere bisherige Erfahrung zeigt, daß menschliches Zusammenleben oft zu Kriegen führte, darf uns ein solches Argument genügen, weitere Kriege zu rechtfertigen?
Erstens stehen wir vor einer anderen Situation: Es schlagen sich nicht mehr wie früher ein paar Männer mit Axt und Schwert die Schädel ein. Männer sind feige und bequem geworden: Sie bedienen sich selbst noch der Hilflosen und Alten, der Frauen und Kinder. Sie massakrieren aus der Luft, aus sicherer Entfernung. 90 Prozent ihrer Opfer sterben als Zivilisten. Zweitens sind wir doch, selbst wenn es manchmal nicht so aussieht, lernfähig. Mitunter sind wir sogar erkennbar geistvolle Wesen und müssten nun doch, wo uns "das Wasser bis zum Hals steht", in der Lage sein, unsere atavistischen Triebe zu beherrschen und zu wandeln.
Ich bin überzeugt, dass diese Metanoia der Menschheit geschehen wird. Von der Barbarei des Krieges zu einer Kultur des Friedens - wenn es denn dann eine "Menschheit" noch gibt.

Eine friedliche Welt wäre keine genügsame und ruhige, oder gar langweilige, wie manche zu befürchten scheinen. Sie könnte eine Welt der Entdeckungen werden: Der Entdeckungen der letzten terra incognita: unseres Bewusstseins.
Deshalb plädiere ich für eine "Kunst des Scheiterns": Sie wäre meines Erachtens die einzig vernünftige Antwort auf eine Welt der Macht und Kälte der Mächtigen.
Es lebt sich gut als "Gescheiterter"! Man muss sich nicht ständig aufplustern, nicht vordrängen. Man reiht sich auch mal in die zweite Reihe ein. Man ist den Absonderlichen und Ausgestoßenen nahe, den sogenannten Narren und Spinnern. All denen eben, bei denen es sich lohnt zuzuhören. Weil man ihnen lieber nahe ist, als Angebern und Selbstdarstellern, den heute "Gesellschaftstauglichen".
Männer müssten weder Frauen noch Länder "erobern". Sie begännen sich wieder zu spüren. Nur so könnte es gelingen, das Kind in uns vielleicht wieder zu entdecken. Nicht, um ins Infantile zurück zu fallen, sondern um für eine Entwicklung bereit zu sein, die in uns allen so wunderbar angelegt ist.



Gerade habe ich meine beiden Söhne ins Bett gebracht. Ich habe ihnen eine Gute Nacht Geschichte vorgelesen und die Erlebnisse das Tages an unserem geistigen Auge vorbeiziehen lassen. "Den Tag durchgehen" nennt der Ältere das. Dieses allabendliche Ritual ist wichtig für uns beide.
Seit einigen Tagen fasziniert ihn ein neues Thema: Der Tod. Er kann gar nicht genug davon zu hören bekommen. Wir waren an diesem verregneten, grauen und kalten Nachmittag am Grab meines Vaters. Valentin fragte mich, ob wir uns im Himmel alle wiedersehen würden. Und: Wo er denn vor seiner Geburt gewesen sei.
Ich erzählte ihm die kassidische Geschichte vom Engel, der das Neugeborene bei seiner Ankunft begrüsst und auf die Stirn küsst, damit es alles vergesse, was es von jeher schon weiss. Denn nur so könne ein Mensch seinen Lebensweg auf dieser Welt neu und einmalig erfahren. Erst in der Todesstunde kommt der Engel wieder. Dann küsst er uns abermals, damit alles Erinnern und Verstehen zurückkehren.
Uns beide tröstete diese wunderschöne Geschichte.

Nun sitze ich in meinem Arbeitszimmer und werde von Gedanken und Vorstellungen bedrängt: Angenommen, wir wären hier und jetzt in Deutschland, in meiner Heimatstadt München, schon bald von Krieg und Elend, Hunger und Tod bedroht; mit all den Scheußlichkeiten, all der zerstörerischen und mörderischen Energie, die ein Krieg mit sich bringt. Angenommen, wir stünden kurz vor einer drohenden Bombardierung: Ob mit oder ohne UNO Mandat wäre uns wohl völlig egal. Was würde in uns geschehen?
Würde ich meine Kinder noch eine Sekunde aus den Armen lassen? Wie würde ich mir selbst und meinen Kindern erklären, dass ich sie nicht schützen kann? Würde es mich interessieren, aus welchem angeblich noch so triftigen Grund dieser Krieg geführt werden würde? (Vielleicht am Ende nur dafür, dass Kinder in einem anderen Teil der Welt "mit noch mehr Spielzeug zugeschissen" werden können?)
Was könnte je "gerecht" genug sein, um (meine) Kinder zu töten?
Ja, ich würde wütend werden, mein Zorn wäre übermächtig. Ich glaube nicht, dass ich Verständnis für den Aggressor aufbringen könnte oder wollte.
Wie würde ich mich verhalten, wenn ich schon seit zehn Jahren kaum etwas zum Essen für meine Familie hätte ranschaffen können, weil ein menschenverachtendes Embargo uns alle ausgezehrt, unserer Lebensgrundlagen und unserer Würde beraubt hätte ? Wie würde ich mich fühlen, da ich doch wüsste, dass auch dieser Krieg nicht der letzte, der endgültige, den Frieden bringende sein könne? Sondern daß er nur weiteren Hass und noch mehr Terror entfachen würde; zu einem Flächenbrand ungeheuren Ausmaßes geraten könnte, alle Regeln des menschlichen Zusammenlebens über Bord werfend, internationale Abkommen missachtend, völlig aus den Fugen geratend? Denn ist es nicht das Wesen des Krieges, dass er, einmal entbrannt, seiner eigenen Dynamik folgt? Seinen eigenen unmenschlichen Gesetzen?
Würde ich nicht auch auf die Straße gehen und dem Aggressor entgegenbrüllen: Warum missbrauchst du meine Kinder für deine Zwecke? Warum habt ihr uns nicht Brot und Babynahrung, Medikamente und sauberes Wasser gebracht?
Wie hätten wir euch dafür lieben können.
(Es ist vermutlich ein grandioser Irrtum zu glauben, Amerika wollte die Demokratie im nahen Osten verwirklicht sehen: Eine Demokratie, die sich das Recht auf eine eigene Meinung nimmt; die Anspruch auf ihre Ressourcen erhebt; die frei über die Gestaltung ihrer Gesellschaft entscheidet. Denn eine solche Demokratie stünde zu sehr im Widerspruch zu den offen artikulierten, nationalen Interessen der großen Industrie-Nationen).

Natürlich sollte ein erbarmungsloser Diktator wie Saddam Hussein entmachtet werden. (Dass seine Politik jedoch ein amerikanisches "Produkt" ist, das mit Waffen aller Art und militärischem Know-how - beileibe nicht nur von den Vereinigten Staaten - unterstützt wurde, ist zwar widerwärtig, jedoch kein Argument, ihn nicht zu stürzen.)
Was geschah aber in Afghanistan? Ist dieses Land jetzt etwa "befreit"? Zum einen ist der Krieg offenbar noch lange nicht zu Ende, wie lauthals verkündet wird, zum Anderen beherrschen und knechten jetzt andere Warlords das Volk: In jedem Fall ist "erreicht", dass Opiumanbau und Drogenhandel wieder blühen: Zum Wohle der Geheimdienste, die sich ohne die astronomischen Gewinne aus den Drogen schwerlich finanzieren könnten.
Scott Ritter schreibt : "Wenn der Lebensstandard für die irakische Zivilbevölkerung steigt und sich eine eigene Mittelschicht herausbildet, werden die kulturellen und ökonomischen Diskrepanzen, wie sie für den Irak typisch sind, allmählich verschwinden. Und Saddam Hussein wird an Macht verlieren."
Auch ich kann mich nur aus Büchern schlau machen, solange ich dieses Land nicht bereist habe. Und da ich mittlerweile unserer gängigen Berichterstattung gründlich misstraue, habe ich die Chance wahrgenommen, es zu besuchen, um selbst hinter die Kulissen dieses Dramas zu blicken, das die Welt schon bald erstarren lassen könnte.
"Nach dem Krieg", schreibt der Pazifist A.J. Muste, "liegt das Problem beim Sieger. Er glaubt gerade bewiesen zu haben, dass sich Krieg und Gewalt lohnen. Was wird nun ihn belehren?"
Natürlich kann und soll man Grausamkeiten nicht zusehen. Aber wie kommt es immer wieder zur einzigen Schlussfolgerung: Krieg zu führen, einzumarschieren, Bomben zu werfen, mit Napalm und Uran alles niederzubrennen?
Chomsky bietet dagegen die Hippokratische Maxime an: Richte keinen (neuen) Schaden an.
Zumal doch Verhandlungen und Diplomatie noch nie völlig ausgeschöpft worden sind.
"Die Frage ist nicht, ob schreckliche Kriege und Völkermord verhindert werden sollen. Die Frage ist, wie das geschehen soll und ob die Agenda der Konfliktmanager wirklich sauber und neutral ist oder ob viel mehr Konflikte und menschliche Tragödien für zynische Machtspiele genutzt werden und somit der Grundstein für weitere Kriege gelegt wird. Für die modernen Konfliktmanager sind Kriege kein Desaster sondern die Chance, unter Verletzung universeller Normen und der UN-Charta eigene Machtpositionen auszubauen."
(Jan Oberg, Direktor der Transnational Foundation for Peace and Future Research).


Natürlich erhoffe ich mir von dieser Reise auch einen gewaltigen Anstoß für mein eigenes Leben. Denn nur all zu gerne vergräbt man sich in seine eigenen Gedankenkonstrukte und hält sie für den Nabel der Welt.
Ich spreche kein Wort arabisch, nicht einmal sonderlich gut englisch. Ich bin kein Historiker, kein Psychologe, kein Wissenschafter.
Ich werde keine neuen Fakten entdecken können, keine wirklich neuen Gedanken und Ideen mitbringen, nichts Sensationelles zu berichten haben.
Es gibt unendlich gute Bücher von großen Denkern, allen voran von Eugen Drewermann , dem ich viel verdanke und vor dessen Wissen ich mich verbeuge.
Trotzdem fühle ich mich dazu berufen, von meinem Erleben zu berichten.
Wo ich mich erinnern konnte oder das Buch gerade parat hatte, werde ich auf Quellen hinweisen, wenn ich das eine oder andere ohne Quellenangabe zitiere, möge mir der Autor verzeihen. Ich bin´s nicht gewohnt, wissenschaftlich zu arbeiten und vor Plagiaten habe ich mich noch nie besonders gescheut.
Viel Zeit meines Lebens habe ich damit zugebracht, Klavier zu spielen, in Tönen zu denken und mir die Seele aus dem Leib zu singen. Ein zweifellos non-rationaler, aber für mich dennoch wertvoller Zugang zu den Mysterien des Lebens.
Ich war auch dann bereit, mich neuen Anforderungen und Erfahrungen zu stellen, wenn sie mein Leben aus dem Gleichgewicht bringen konnten. Das ist fast eine Obsession, der ich nicht entfliehen kann. Sie hat mir nicht immer nur weitergeholfen, sondern mich allzu oft auch in die Bredouille gebracht.
Seit einigen Jahren bemühe ich mich, meine persönlichen Konflikte nach anderen Maßstäben als denen von "Sieg" oder "Niederlage" zu bewältigen.
Im Streit hilft mir manchmal der Gedanke, dass man durch Nachgeben oft mehr von sich und vom Anderen erfährt. Das funktioniert nicht immer, aber ich konnte feststellen, dass es kein Makel sein muß, eine Diskussion als Unterlegener zu verlassen.
Die anschließende innere Aufarbeitung des Geschehens hat mir meist mehr von mir entdeckt als fragwürdiger Gewinnerstolz.
"Was heißt schon siegen - überstehen ist alles", schreibt Rilke. Das möge die Maxime unserer Zeit sein! Und unseres Gesellschaftvertrages. Nicht mehr um jeden Preis gewinnen müssen, nicht Aufplustern, weniger Gegockel. Sind es nicht die Abhängigkeit von Anerkennung und eine im Grunde anstrengende Rechthaberei, die uns, je mehr wir unsere eigenen Verluste beklagen, unempfindlich macht für den Schmerz der Anderen?
"Er ist reich und berühmt geworden" heißt es in einer Geschichte des Ostens von einem der auszog, sein Glück zu machen. Und weiter: "Der Ärmste. Lasst uns für ihn beten!"
Könnte man das Leben nicht auch so betrachten? Erst wenn man viel - und vor allem viel von sich selbst - erfahren hat, beginnt man, sich mit einer solchen Sicht anzufreunden.
Wenn es darum geht, einen Krieg zu führen, werden jedoch nicht nur Gefühle, sondern auch jede Vernunft ausgeschaltet.
Unsere jüngste Geschichte zeigt uns überdeutlich, dass dem Terror mit kriegerischen Mitteln nicht beizukommen ist.
Was lässt so viele dennoch an der unsinnigen Idee festhalten und sie verteidigen? Zum Teil sogar mit einer unglaublich intellektuellen Akribie?
Dietrich Bonhoeffers hat 1943, während seiner Haft im Militärgefängnis Berlin, eine Antwort auf die Frage gefunden, warum scheinbar kluge, hochgebildete Menschen oft so unvernünftig, dumm und grausam reagieren:
"Um zu wissen, wie wir der Dummheit beikommen können, müssen wir ihr Wesen zu verstehen suchen. Soviel ist sicher, dass sie nicht wesentlich ein intellektueller, sondern ein menschlicher Defekt ist. Es gibt intellektuell ausserordentlich bewegliche Menschen, die dumm sind, und intellektuell sehr schwerfällige, die alles andere als dumm sind.....Dabei gewinnt man weniger den Eindruck, dass die Dummheit ein angeborener Defekt ist, als dass unter bestimmten Umständen die Menschen dumm gemacht werden, beziehungsweise sich dum machen lassen....So scheint die Dummheit vielleicht weniger ein psychologisches, als ein soziologisches Problem zu sein. Sie ist eine besondere Form der Einwirkung geschichtlicher Umstände auf den Menschen, eine psychologische Begleiterscheinung bestimmter äusserer Verhältnisse. Bei genauerem Zusehen zeigt sich, dass jede starke äußere Machtentfaltung, sei sie politischer oder religiöser Art, einen großen Teil der Menschen mit Dummheit schlägt. Die Macht der einen braucht die Dummheit der anderen. Der Vorgang ist dabei nicht der, dass bestimmte - also etwa intellektuelle - Anlagen des Menschen plötzlich verkümmern oder ausfallen, sondern dass unter dem überwältigendem Eindruck der Machtentfaltung dem Menschen seine innere Selbstständigkeit geraubt wird und dass dieser nun darauf verzichtet, zu den sich ergebenden Lebenslagen ein eigenes Verhalten zu finden."

Ich denke: Solange wir unsere eigenen inneren Konflikte nach Außen tragen, kann die Macht des kriegerischen Denkens nicht gebrochen werden.
Auch mit Abermillionen Toten werde ich den Feind in meinem Innern nicht besiegen. Ich werde den tief in mir vergrabenen, unverstandenen und oft unentdeckten Schmerz nicht los werden.
Wirklicher Trost liegt nur in der Vergebung.
Verzeihen ist ein fast übermenschlicher Akt, denn unser "Ego" wehrt sich zu Recht dagegen. Es wird ja geradezu bedeutungslos, wenn es sich nicht weiter an einem Feind bestätigen kann. Gerade deshalb wäre Verzeihen eine große Chance, das übermächtige, die Seele verschüttende Ego in seine Schranken zu weisen. Ich möchte mein Ego nicht aufgeben oder verlieren. Nur, dass es mir gelingt, dieses Ego nicht immer so schrecklich wichtig zu nehmen. Ich möchte auch die anderen Egos auf diesem Planeten - und ihn selbst - in meine Lebensgestaltung einbeziehen - in unser entzaubertes Weltbild, das seinen Zauber erst durch diese Vereinigung zurückgewinnen kann.
Ich denke dabei immer an Menschen - nicht an Zahlen oder "Kollateralschäden". Ich möchte kein Volk dieser Erde als weniger wertvoll als das eigene betrachten.
Es ist einige hundert Jahre her, dass Montaigne schrieb:
"Jeder nennt das Barbarei, was bei ihm ungebräuchlich ist. Wie wir ja in der Tat offensichtlich keine andere Messlatte für Wahrheit und Vernunft kennen als das Beispiel und Vorbild der Meinungen und Gepflogenheiten des Landes in dem wir leben: Stets findet sich hier die perfekte Religion, die perfekte Staatsordnung, der perfekte Gebrauch aller Dinge."

Gibt uns die viel gepriesene und ebenso geschmähte Globalisierung nicht die Chance, diesem Geisteszustand zu entwachsen? Vom ethnozentrischen Weltbild in ein geozentrisches zu gelangen?

Als während des ersten Irakkriegs für Kinder im Irak gesammelt wurde, war wahrhaftig mehrmals als Abwehr zu hören: "Da geben wir nichts. Da werden ja lauter kleine Husseins draus."
Es war die Zeit vor Weihnachten, als die Fernsehsender sich mit Hilfsaktionen für Kinder.
Überschlugen.
Wenn wir es nicht einmal schaffen, die Kinder dieser Welt mit der gleichen Fürsorge zu bedenken, wie könnte uns das bei Erwachsenen und unseren sogenannten Feinden je gelingen?
Warum glaube ich dennoch an einen Wandel?
Zum einen, weil ich (leider erst) in den letzten Jahren entdeckt habe, welche Kraft die Verweigerung in sich birgt: Sich dem zu verweigern, was einem als einzig richtige Wahl eingeredet wird. Sich der Propaganda und den historischen Verfälschungen zu verweigern. Sich anderen als den üblichen Informationsquellen zuzuwenden. Und einen Lebensstil zu wählen, der uns nicht zu willfährigen Opfern einer Industrie und ihrer alles überwuchernden Wachstumsideologie macht.
Zum anderen, weil ich das Glück habe, in hunderten von Konzerten Menschen zu treffen, die in dieser Vision "mitschwingen" und sie nicht aufgeben wollen. Manche stiller, manche lauter: Alte, Junge, Angepasste, Revoluzzer, Kleinbürger, Großbürger - Menschen eben, die eines eint: Sich nicht zu willenlosen Instrumenten der jeweils gängigen politischen Meinung machen zu lassen.
Und zu guter Letzt: Wer könnte als liebender Vater kleiner Kinder zum Zyniker werden?
Zynismus ist zwar groß in Mode, aber, wie so viele Moderescheinungen, ja doch nur Ausdruck innerer Unsicherheit. Niemand ist für sich alleine zynisch. Man braucht dazu ein Publikum: Bewunderer oder Feinde. In den stillen Stunden, wirklich alleine mit sich selbst, kann Zynismus niemanden befreien. Nur zerfressen.
Ein Irrtum, wie mit dem Hass: Wenn man glaubt, mit dem Gift das man zu sich nimmt, den Gegner zu töten.

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