Dienstag, den 11.Februar 2003

11.02.2003

Dr. Jürgen Hölzinger von den "Ärzten zur Verhütung des Atomkrieges/ Ärzte in sozialer Verantwortung IPPNW" schickte mir vor einigen Tagen folgendes mail:
"Herr Wecker, lassen Sie nicht nach in Ihrem Einsatz. Ich schicke Ihnen die Fabel von der "Schneeflocke". Sie motiviert in eindrucksvoller, poetischer Weise jeden einzelnen von uns, die wir ja oft mutlos werden.
Können Sie diese Fabel nicht verwerten, vertonen, vorlesen oder einfach mithelfen, sie unter die Leute zu bringen?"
Das tu ich gerne, denn viele fragen sich, ob ihre einzelne Stimme denn überhaupt Gewicht haben könne...

In einer Fabel wird erzählt:

"Sag mir, was wiegt eine Schneeflocke" fragte die Tannenmeise die Wildtaube. "Nicht mehr als ein Nichts", gab sie zur Antwort. "Dann muß ich Dir eine wunderbare Geschichte erzählen", sagte die Meise. "Ich saß auf dem Ast einer Fichte, dicht am Stamm, als es zu schneien anfing; nicht etwa heftig im Sturmgebraus, nein, wie im Traum, lautlos und ohne Schwere. Da nichts Besseres zu tun war, zählte ich die Schneeflocken, die auf die Zweige und auf die Nadeln des Astes fielen und darauf hängenblieben. Genau dreimillionensiebenhunderteinundvierzigtausendneunhundertzweiundfünfzig waren es. Und als die dreimillionensiebenhunderteinundvierzigtausendneunhundertdreiundfünfzigste Flocke niederfiel, nicht mehr als ein Nichts, brach der Ast ab." Damit flog die Meise davon. Die Taube, seit Noahs Zeiten eine Spezialistin in dieser Frage, sagte zu sich nach kurzem Nachdenken: "Vielleicht fehlt nur eines einzelnen Menschen Stimme zum Frieden der Welt."

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Dies ist eine Rede, die ich für den 8. 2. in München vorbereitet hatte.

Nach Stunden Demonstrierens unter widrigen Witterungsbedingungen entschloss ich mich allerdings meinen Beitrag zu verkürzen.

Ich rief stattdessen das Publikum auf , sich mit Tobias Pflüger von der Informationsstelle Militarisierung zu solidarisieren, und wir sprachen alle gemeinsam den Text, auf Grund dessen er Tags zuvor verhaftet wurde:

"Ich rufe die Soldaten und Soldatinnen der Bundeswehr, die demnächst ihren Dienst in den Awacs-Flugzeugen tun müssen, dazu auf, diesen Kriegsdienst zu verweigern oder zu desertieren."

Meines Erachtens dient dieser Aufruf dazu, das Grundgesetz zu verteidigen, indem man sich weigert, an einem Angriffskrieg teil zu nehmen.

Artikel 24 unserer Verfassung macht die Übertragung von Souveränitätsrechten auf internationale Institutionen abhängig von der Bedingung, dass damit eine Friedensordnung unterstützt wird.

Artikel 26 besagt schlicht, dass die Bundesregierung nicht das Recht hat, irgendeine Form des Angriffskrieges zu unterstützen.

Auch wenn man das Präventivschlag nennt, bleibt es ein Angriffskrieg.

Außerdem gibt es ein Statut des internationalen Gerichtshofes, einer Institution der UNO. Im Artikel 8 wird verboten, Tötungsmaßnahmen durchzuführen und die menschenunwürdige Behandlung von Gefangenen wird untersagt - man kann in Guantanamo besichtigen, wie unsere Bündnispartner mit internationalen Vereinbarungen umgehen.

Hier also die (nicht gehaltene) Rede:







Eugen Drewermann sagte vor einigen Tagen in Stuttgart sinngemäß: eines der Argumente für die Unvermeidbarkeit des Irakkrieges lautet erstaunlicherweise, bei dem Truppenaufmarsch von über 100000 Soldaten der Vereinigten Staaten von Amerika könne doch George W. Bush nicht mehr zurück, ohne sein Gesicht zu verlieren.

Ich frage Euch: in welcher Welt leben wir eigentlich, dass man sein Gesicht verliert, wenn man sich entschließt, keinen Massenmord zu begehen?

Statt Angst davor zu haben das Gesicht zu verlieren, sollte man den Menschen im Irak und ihrem Leid erst mal ein Gesicht verleihen.

Der Irak ist nicht Saddam Hussein, sondern besteht aus 25 Millionen Menschen, denen man helfen sollte, sich von ihrem Diktator zu befreien, aber, wie mir viele oppositionelle Iraker versicherten, nicht durch Exekution der Bevölkerung.

Angeblich geht es ja, wie in Schillers Bürgschaft, darum "die Welt vom Tyrannen zu befreien."

Erstaunlicherweise nicht von der Tyrannei Usbekistans, Kuwaits, Saudi Arabiens, Katars - alles Länder, die den Amerikanern Militärbasen zur Verfügung stellen.

Immer waren den USA, ob in Lateinamerika oder im nahen Osten, willfährige bad boys genehmer als Demokratien, die sogar noch Anspruch auf ihre eigenen Ressourcen erheben könnten.

Ich bin in Bagdad keinen strategischen Punkten begegnet und keinen Zahlen, sondern Menschen, Menschen, die von ihrem Diktator, einer widerwärtigen Kriegsgewinnler Kaste und vom härtesten Embargo aller Zeiten geplagt sind, und einen trotzdem mit einer Herzlichkeit und Gastfreundschaft empfangen, wie ich sie hier meistens schmerzlich vermisse.





Das alte Europa hat binnen 400 Jahren das Völkerrecht erarbeitet - jetzt wurde es vom neuen Europa durch ein heuchlerisches Kriegstreiberpapier zerfetzt, das vom Wallstreet Journal in Auftrag gegeben wurde. Mitunterzeichner der 8 Staaten waren natürlich der ferngesteuerte Tony Blair, Bushs "good friend" Silvio und sein spanischer Kollege Aznar.

Sie teilen die "wahren Bande zwischen den Vereinigten Staaten und Europa: Demokratie, persönliche Freiheit und Rechtsstaatlichkeit."

Meinen die Unterzeichner damit jene US - Regierung, die seit ihrem Amtsantritt in Sachen internationaler Gerichtsbarkeit, Umweltschutz und Abrüstungsanstrengung jede Solidarität mit demokratischen Staaten verweigert hat? Mit dem Patriot Law die Freiheitsrechte so eingeschränkt hat, dass amerikanische Intellektuelle bereits das Tor zum Faschismus aufgestoßen sehen? Diejenige, angeblich demokratisch, gewählte Regierung, die Kriegsgefangene in Käfige sperrt um sie ordentlichen Gerichten zu entziehen?

Aber die italienische und spanische und englische Bevölkerung hätte das nicht unterzeichnet - sie sind nämlich mehrheitlich gegen den Krieg, die Spanier sogar zu 90 Prozent! Herr Aznar, kümmern Sie sich doch weniger um das Öl im Irak, als um das Öl vor Ihrer galizischen Küste!



Nun tischt man uns Geheimdienstinformationen auf, die so geheim sind, dass man sie nicht weitersagen darf. Das kennen wir doch noch - vom 11.9.

Oder man schreibt sie aus einer alten Doktorarbeit ab, wie die Briten soeben.

Die Welt wird, vor allem in Kriegszeiten, von Geheimdiensten mitregiert, so dass man sich schon fragen muss, steht der Geheimdienst im Dienste der Politiker, oder ist es eher umgekehrt. Und wir sollen natürlich glauben, was Geheimdienste uns zu berichten bereit sind.

Aber Geheimdienste sind immer zutiefst undemokratische Institutionen, nie vom Wähler autorisiert, ihre Existenzgrundlage ist Lüge, Verschleierung und Betrug, und - nicht selten - Mord. Weshalb bitte sollten wir irgendeinem Geheimdienst irgendetwas glauben - ein Geheimdienst, der offen die Wahrheit sagt ist per definitionem kein Geheimdienst mehr, führt sich selbst ad absurdum und könnte sofort seinen Laden dicht machen.

Ob in Vietnam oder in Kuwait: Immer schon wurde mit Lügen das Terrain für einen Angriff aufbereitet:

1991 wurde die Friedensbewegung gelähmt durch eine 15 Millionen Dollar teure Propagandalüge: Irakische Soldaten reißen aus Brutkästen Kinder und trampeln sie zu Tode.

Nach einer Umfrage unter US Bürgern, die erbrachte, dass der Mord an Kleinkindern das schlimmste Kriegsverbrechen darstellt, wurde die Tochter des kuwaitischen Botschafters geschmiert, um diese Lügen zu erzählen.

Der Leiter der Werbeagentur war der Wahlkampfleiter vom alten Bush.

Daraufhin war es nur all zu klar, dass wieder mal Männer in den Krieg ziehen müssen, um Frauen und Kinder vor diesen Teufeln zu schützen.

Die Wahrheit aber ist, wir schützen nicht Frauen und Kinder, wenn wir in der mordenden Kriegsführung genau das tun. Wir morden Frauen und Kinder.

An den Folgen des Embargos gegen den Irak sterben monatlich nahezu 5000 Menschen. Meist Kinder und Frauen. Das ergibt die unglaubliche Zahl von über einer Million Menschen! Ist das vielleicht die Massenvernichtungswaffe, die die Inspektoren nicht finden können?

Hat denn kein einziger Politiker mehr den Mut, die Wahrheit auszusprechen?

Wer bedroht denn nun den Weltfrieden wirklich?

Der Irak, von dem Sicherheitsberater Pearle erklärt, er verfüge über Waffen, deren Schrecklichkeit man sich überhaupt nicht vorstellen könne?

Vielleicht - aber sicherheitshalber sollte sich der Sicherheitsberater mal den Katalog der Waffen bestellen, die in den USA zum Verkauf anstehen. Dann könnte er sich vorstellen was für unvorstellbar grauenvolle Waffen die Vereinigten Staaten von Amerika produzieren und im ganzen 20. Jahrhundert keine Sekunde gezögert haben, sie anzuwenden.





Und nun höre ich sie immer reden in den Parlamenten und Sicherheitsausschüssen und in den Talkshows, ich höre sie reden von Taktik und Strategie und von geheimen Informationen und Sicherheit und von Aktienverlusten und Ölpreisen: aber nie von den Opfern.

Und vor allem auch: nie reden sie von sich.

Aber der schärfste Verstand ist nun mal nichts wert, wenn er kein kritisches Verhältnis zu sich selbst entwickelt hat. Wenn er keine Identität hat mit sich selbst und seinem Körper, seinen Emotionen und seinem Mitgefühl.

Dieses abstrakte Denken, welches das Menschliche so zielbewusst ausklammert, ermöglicht erst, so zynisch zu werden, dass man, wie Frau Albright, hunderttausende toter Kinder als "Preis sehen kann, der es wert ist bezahlt zu werden."

Wie krank müssen Menschen sein, die Dum Dum Geschosse entwickeln, die nicht nur eine Wunde schlagen, sondern den Menschen von innen zerfetzen, höchste technische Intelligenz einsetzen um auf barbarischste Weise Leben zu zerstören und ich spreche hier nur von den so genannten konventionellen Waffen.

Fällt denn niemandem auf, dass nur in höchstem Maß gestörte und asoziale Wesen diese Waffen planen und entwickeln können?

Und wie widerwärtig ist es, damit auch noch Geschäfte zu machen?

Deshalb demonstrieren wir nicht nur gegen den Irakkrieg, sondern auch gegen die Sicherheitskonferenz - denn Kriege fallen nicht vom Himmel. Sie werden geplant und vorbereitet und in den Hinterzimmern dieser Konferenzen werden menschenverachtende Geschäfte abgewickelt.



Wer einmal den Kindern im Irak in die Augen geschaut hat, spricht nicht mehr von einem Preis, der es wert ist bezahlt zu werden, der möchte sie in den Arm nehmen und sie nicht mehr loslassen.

Er möchte sie beschützen vor diesen eiskalten Geschäftemachern mit dem humanitären Mäntelchen, vor den Waffenfabrikanten und ihren Wohltätigkeitsveranstaltungen, der möchte diesen Leuten auf ihren Empfängen ihre eigenen Waffen zum Dinner servieren und ihnen ihre Aktien zum Dessert vorsetzen.

Lassen Sie mich träumen:

Jeder Bomberpilot reicht vor seinem Einsatz jedem seiner Opfer zum Abschied die Hand.

Wie viele Einsätze glauben Sie würden noch geflogen werden?



Aber wir lassen uns nicht mundtot machen, es besteht berechtigte Hoffnung:

Obwohl die kriegslüsternen Staaten die meisten Medien in der Hand haben, trotz dieses ungeheuren Propagandaaufwands, ist die Mehrheit der Menschen nicht mehr für Kriege zu begeistern.

Arundathi Roy sagte auf dem Weltsozialforum in Porto Alegre:

84Vor dem 11. September 2001 hatte Amerika eine geheim gehaltene Geschichte. Geheim vor dem eigenen Volk. Jetzt sind Amerikas Geheimnisse Geschichte und seine Geschichte ist öffentliches Wissen.

Heute wissen wir, dass jedes Argument, das benutzt wird um den Krieg gegen den Irak voranzutreiben, eine Lüge ist. Die lächerlichste davon ist die "tief empfundene Verpflichtung" der Bush-Regierung, dem Irak Demokratie bringen zu wollen. Menschen zu töten, um sie vor Diktatur oder vor ideologischer Korruption zu retten, ist alter amerikanischer Regierungssport.

Wir haben dazugelernt, wir wissen, wo und wie wir uns informieren müssen, und auch wenn uns nun manche verhöhnen, und als Gutmenschen abqualifizieren 96 sie verstehen nichts von Demokratie.

Gewaltfreier Protest , Ungehorsam und Zivilcourage sind nun mal die wirkungsvollste Waffe einer Demokratie und ihr unerlässliches Regulativ.

Herr Schröder - die Iraker hoffen auf Sie, und die ganze Welt schaut jetzt auf Sie. Sie haben die einmalige geschichtliche Chance ein Zeichen zu setzen. Statt Weltherrschaft der USA - Weltbewahrung "des alten Europa". "Wer Frieden will, muss mit dem Frieden beginnen" sagt Gandhi. Seien Sie bitte konsequent. Tun Sie alles, damit der Weltsicherheitsrat gegen einen Kriegsautomatismus stimmt und sich für eine friedenspolitische Lösung einsetzt und unterlassen Sie jegliche Beteiligung an einem Angriffskrieg, sei es durch logistische Unterstützung zu Land, zu Wasser oder in der Luft. Sie sind nicht isoliert! Es gibt ihnen vielleicht Bush nicht mehr die Hand, aber sie hätten die Friedensbewegung der ganzen Welt hinter sich.

Meine lieben Freunde, es geht nicht nur darum, d i e s e n Krieg zu verhindern, es geht um ein Menschenrecht auf Frieden. Darum, den Kult der Gewalt durch eine Kultur des Friedens zu ersetzen.

Oder, wie Eugen Drewermann sagt: Krieg ist Krankheit, keine Lösung.

Ich habe mir erlaubt, aus der Rede von Eugen Drewermann (Stuttgart, 4.3.2003) zu zitieren.

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