Donnerstag, den 27.Februar 2003

27.02.2003

Wie naiv ist unsere Kriegsbewegung eigentlich heute noch?
Erfüllt von fast schon manischer Dankbarkeit einer US-amerikanischen Regierung gegenüber, die - zusammen mit anderen! - vor einem halben Jahrhundert Deutschland von der Diktatur befreit hat, scheint sie blind für alles, was die Menschheit heute bedroht. Mit den immer gleichen Argumenten, als sei Fantasie und Kreativität ein Spielzeug für Spinner und Poeten, versucht sie ihr einfallsloses Vorgehen zu verteidigen, verliert sich in Abstraktionen und einseitigen Geschichtsinterpretationen, die immer im Nachhinein den Kriegen und anderen Gräueln einen Sinn zu geben versuchen.

Kaum einer der kriegsbewegten Dankbarkeits-Apologeten wagt es doch, die "feel good history" in Frage zu stellen. Amerikanische Wissenschaftler wie Noam Chomsky oder Michael Parenti, der in "democracy for the few" erbarmungslos mit vielen Mythen der US-amerikanischen Politik und Geschichte abrechnet, haben weniger Probleme damit. Jedermann weiß, dass die US-Amerikaner einen enormen Beitrag zum Sieg der Alliierten über den deutschen Nazismus geleistet haben. Die Dankbarkeit und der gute Wille, die sie für diese Leistungen nach dem Krieg so ziemlich überall in Europa erfahren haben, sind ihnen gewiss nicht unverdient zuteil geworden. Aber, so fragt der kanadische Historiker Jacques R. Pawels, warum sind die USA seinerzeit eigentlich in den Kampf gezogen? War die Rolle der wirtschaftlichen und politischen Führung im zweiten Weltkrieg wirklich so positiv, wie überall angenommen wird, und verpflichtet das wirklich zu dieser so selten kritisch hinterfragten Dankbarkeit? Warum hatten so viele einflussreiche Menschen in den Vereinigten Staaten in den 30er Jahren eine so positive Meinung von Hitler und seiner Massenmörderbande? Warum dauerte es so lange, bis die USA den demokratischen Ländern endlich zu Hilfe eilten? Warum vernichteten sie nach dem Krieg nicht alle Formen des Faschismus?

Wie naiv ist unsere Kriegsbewegung wirklich?
Immer noch glaubt sie an das Prinzip der Abschreckung. Aber Abschrecken ist kein Erziehungsmittel, schreibt schon Hermann Hesse, und weiter: "Wem das Töten Spaß macht, dem wird es durch keinen Krieg verleidet. Die Handlungen der Menschen entspringen kaum zu einem Hundertstel rationalen Erwägungen. Man kann völlig von der Unsinnigkeit irgendeines Tuns überzeugt sein, und es dennoch inbrünstig tun."
Wie naiv sind unsere Politiker heute und all jene Regierungsprofis, Soziologen und politischen Kommentatoren, Wirtschaftsfachleute, Historiker, die unserer Friedensbewegung Blauäugigkeit unterstellen und vor allem Unfähigkeit, mit den Problemen der Welt fertig zu werden - wenn sie immer noch das Recht für sich beanspruchen, die Welt von den Problemen zu befreien , die sie selbst oder "Profis" wie sie geschaffen haben? Man kann nun mal nicht mit denselben Denkmustern, mit denen diese grauenvoll ungerechte Welt errichtet wurde, eine gerechtere Welt installieren, und der Verdacht liegt nahe, dass einige dieser Spitzenkräfte ihre Pfründe bedroht sehen durch eine Bewegung, die im kleinen Zeh mehr Kreativität hat, als sie in ihren hochbezahlten Denkapparaten.
Wie naiv sind die Merkels, Schäubles und Pflügers dieser Welt, wenn sie den Frieden nur durch eine immerwährende "Drohkulisse" gewährleistet sehen; eine "Drohkulisse", die immerhin seit dem zweiten Weltkrieg in über 170 Kriegen weltweit 35 Millionen Tote zu verantworten hat! Die unzähligen Versehrten, Dahinsiechenden und über mehrere Generationen hinweg Verseuchten, Kinder mit Geburtsschäden, nicht mit einberechnet. Die Verwüstung der Erde, Zerstörung der Kulturschätze, Vernichtung der Tiere und Pflanzen nicht mit einberechnet. Die wirtschaftliche Not, das Elend der Verhungernden, die Tragödie der Millionen Flüchtlinge nicht mit einberechnet.
Nicht mit einberechnet der Krieg, den die transkontinentalen kapitalistischen Oligarchien gegen die Interessen der übergroßen Mehrheit der Erdbewohner führen:
Für die Menschen der sog. Dritten Welt ist nämlich der dritte Weltkrieg schon in vollem Gange (Jean Ziegler). Tag für Tag sterben ungefähr hunderttausend Menschen an Hunger. Alle zehn Sekunden verhungert ein Kind unter 10 Jahren auf der Erde.
Und dies alles vollzieht sich in eiskalter Normalität. Es findet in der Öffentlichkeit nicht statt. Statt dessen werden wir täglich mit dummem Geschwätz über die Notwendigkeit von Drohkulissen und neuesten Hightechwaffensystemen zur zielsicheren Eliminierung von Diktatoren und Vermeidung von "Kollateralschäden", vornehmlich in den eigenen Reihen, abgespeist. Sollte man die wahnwitzigen Geldausgaben für Aufmärsche und Mordmaschinen unter diesem Aspekt nicht vielleicht doch lieber für etwas Wertvolleres und Sinnvolleres verwenden, sehr geehrte Kriegswillige? Oder seid Ihr "nur" Kriegsbereite, die eigentlich "nicht wollen", aber glauben, sich nicht entgegenstellen zu können oder zu dürfen? Hatten wir nicht auch dies schon einmal?
Welche Freiheit verteidigen wir eigentlich so vehement? Die des Geistes, oder doch nur die des freien Markts? Die "Freiheit, dass eine Klasse die andere ungestraft aushungern kann?" Die Gleichheit und Brüderlichkeit der Reichen, die "mithilfe ihres Monopols über Leben und Tod ihrer Mitmenschen entscheiden?" - wie das der Priester Jacques Roux bereits am 25.Juni 1793 vor dem Pariser Konvent als das Manifest der Enrages verlas?
Genügt es wirklich, so dankbar zu sein für die Befreiung Deutschlands, dass wir keine Augen mehr haben zu sehen, was im subsaharischen Afrika und in Asien auch in unserem Namen passiert? Im Namen unserer Konzerne, unseres Wohlstands, unserer Freiheit?

Wie naiv sind die Apologeten des Neoliberalismus, wenn sie nicht müde werden zu erzählen, dass sie eigentlich alle den Frieden lieben, aber vergessen zu erwähnen, dass sie am Krieg verdienen und schon immer verdient haben?
Oder lügen sie ganz einfach?
Ist das Gegenteil von Naivität vielleicht weniger fachliche Kompetenz, als schamlose Unehrlichkeit?
Dann bin ich allerdings lieber naiv und überlasse das Lügen den Profis. Und das Morden. Und die Ideenarmut.
Und die Frage muss dann heißen: Wie verlogen ist die Kriegsbewegung immer noch?
Natürlich kann man nicht einfach zusehen, wenn Menschenrechte verletzt werden, wenn Massaker geschehen, wenn Diktatoren Menschen vernichten, obwohl das Installieren und Auswechseln von Diktatoren Teil des Spiels und des Geschäfts ist.
Aber dann muss man sich doch endlich mal fragen: W i e schreiten wir ein!
Die Konfliktmanager der letzten Kriege und des drohenden gegen den Irak haben nun mal keine weiße Weste, ihre Agenda ist nicht sauber, und das erkennt man am besten daran, dass ihnen nie eine menschlichere Antwort einfällt als Bombardierung, Gewalt und Krieg. (Und dass man nicht zögert, die Bundeswehr in eine globale Interventionsarmee umzubauen.)
Denn eines ist klar: wenn die im alten Denken Erstarrten jetzt nicht den Platz räumen für die Fantasiebegabten, dann wird die Welt zum finalen Schlachtfeld. Wenn wir jetzt nicht alle Kräfte daran setzen, uns gemeinsam die Energie der Sonne zu erschließen, alle Menschen der Erde am Essen und am Trinkwasser teilhaben zu lassen, werden wir uns totschlagen, im Schlamm wühlend, die Hände voll Blut und Öl.
Was für eine Kompetenz ist das, die uns in diese Situation gebracht hat? Wir vergiften die Biosphäre mit täglich 100 Millionen mB3 Treibhausgasen und vernichten 31 000 Hektar Wald. Täglich wächst die Menschheit um eine Viertelmillion und gleichzeitig werden durch Kahlschlag und Bodenerosion zwanzigtausend Hektar Land zur Wüste. Wen sollen wir dafür verantwortlich machen, wenn nicht die Fachleute und Geschäftemacher, die uns immer wieder Krieg als Frieden und finanziellen Gewinn als Glück verkaufen.

Eine friedliche Welt ist möglich. Man muss sie nur erfinden.
Und das sofort. Wir brauchen Vereinte Nationen engagierter Bürger und keiner erpressbaren Politfachkräfte, wir brauchen Ideenwerkstätten, in denen wir lernen, die ungeheure Energie, die in die Erfindung immer abscheulicherer Waffen gesteckt wird, umzuwandeln in die Poesie eines gewaltfreien Miteinanders..
Wir brauchen Dialog statt einer nur der Macht dienenden Diplomatie, Offenheit statt Taktik, Aufrichtigkeit statt Propaganda.
Also die Demokratie, die uns immer so dargestellt wird, als hätten wir sie schon.
Und wenn das alles blauäugig ist und naiv, dann kann uns eben nur noch die Blauäugigkeit retten.
Und die Naivität.

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