Dienstag, den 25. März 2003

25.03.2003

Anmerkung:
Philipp Mausshardt in der "TAZ" am 16.1.2003 zur gemeinsamen Reise mit Konstantin in den Irak: ... "Ohne Kinderarbeit können viele Familien nicht mehr überleben. Amir Hasmat, acht Jahre alt, hat nach einem Jahr die Schule abgebrochen. Jetzt steht er bei einem Schmied am Amboss und schlägt mit einem Hammer, der viel größer ist als die Faust, die ihn hält, auf glühendes Eisen ein. ... Der Junge aus der Schmiede ist jetzt "Patensohn" von Wecker. Am Tag nach der Begegnung sprach Wecker mit der einzigen deutschen Hilfsorganisation vor Ort, "Architekten für Menschen in Not", und organisierte die Wiedereingliederung von Amir in die Schule. Seine Familie erhält dafür eine monatliche Unterstützung, die den Ausfall der Kinderarbeit mehr als wettmacht."

Folgenden Brief schrieb Konstantin am 21.3., er las ihn in den Konzerten dieser Tage statt des sonst den ersten Teil abschließenden "Willy" vor.
Er bat mich, da er keinen Internet Zugang hatte, ihn in das Tagebuch zu stellen.
Alexander Kinsky

Lieber Amir!
Ich weiß nicht, wo Du Dich jetzt gerade vor den Bomben versteckst, aber ich hoffe so, Du findest einen halbwegs sicheren Platz und vor allem: ich hoffe, Du bist noch am Leben.
Gerade sehe ich jubelnde Iraker, die den Einmarsch der Soldaten begrüßen und, als wäre es gestern gewesen, habe ich diesen glücklichen Taliban vor Augen, der sich lachend den Bart abrasieren ließ.
Die Macht der Bilder in Kriegszeiten: Sie bewegen einen, obwohl man weiß, wie im Krieg gelogen wird und manipuliert.
Und ist Afghanistan jetzt befreit, wie es die Bilder vermuten ließen? Tausende sind getötet, Millionen auf der Flucht, und das Land wird von anderen, grausamen Warlords beherrscht.
Wie viel Elend wird hinter den Bildern des Jubels ausgeblendet? Jubelt man nicht immer erst mal, wenn man dem sicheren Tod entronnen ist? Und hätten die Iraker nicht auch gejubelt, wenn man ihnen schon vor Jahren das Ende des Wirtschaftsembargos überbracht und sie mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgt hätte?
Was denken sich wohl jetzt die Menschen in Saudi Arabien, Nordkorea, Usbekistan, Ägypten, Pakistan, Kathar, Jordanien, die Verhungernden in Afrika, denen man keine Sekunde der Aufmerksamkeit mehr gönnt - wollen sie alle mit einer gigantischen "mother of all bombs" befreit werden von ihren tyrannischen und korrupten Regierungen? Oder wäre es ihnen lieber, man würde ihnen helfen, ihre bittere Armut zu überwinden, auf dass sie sich selbst emanzipieren und erheben können gegen die Potentaten?
Das alles ist Dir verständlicherweise ziemlich egal, denn Deine Eltern und Deine fünf kleinen Geschwister haben nichts mehr zu Essen, denn Ihr hattet nie Geld genug, Euch vor dem Krieg bereits mit dem Nötigsten zu versorgen.
Zur Schule kannst Du ja jetzt nicht mehr gehen, mein kleiner Amir, obwohl wir uns vor nur zwei Monaten noch so gefreut haben, Dich von Deinem Chef, dem dicken Schmied in der Eisengießergasse, freikaufen zu können.
Aber Du wirst ja gerade befreit, Amir, vergiss das nicht.
Amerikanische und britische intelligente Bomben erlösen Dich und wenn Du Glück hast, kannst Du schon bald den neuesten Schwarzenegger Film sehen, Hamburger kaufen, Videokriegsspiele spielen und CNN und MTV empfangen. Hoffentlich hält Dir Deine Mutter jetzt die Ohren zu, denn sonst platzt Dein Trommelfell.
So intelligent sind die Bomben nun wieder nicht, dass sie keinen infernalischen Lärm machen würden, keine Fensterscheiben splittern und die Erde nicht erbeben ließen.

Bald schon kannst Du lernen, was der Westen unter Wahrheit versteht.
In der arabischen Welt sagt man zur Zeit: Erst bringt uns der Westen die Minen, dann die Minensuchgeräte, und dann verkauft er uns die Prothesen.
Aber Deine Befreier sind edelmütig und uneigennützig, wahre Christen, und es ist ihnen nur daran gelegen, das Land vom Tyrannen zu befreien.
Sie werden vergessen zu erwähnen, dass dieser Tyrann ihr hausgemachter Frankenstein ist, ihr hausgemachtes höllisches Werk, dem sie all die schrecklichen Waffen in den Schoß gelegt haben, die sie jetzt so heldenhaft bekämpfen.
Sie werden vergessen zu erwähnen, dass sie über 350 Milliarden Dollar pro Jahr ausgeben für ihr Militär und für die schrecklichsten Waffen, die jemals seit Menschengedenken ersonnen wurden. Im Vergleich dazu sind die paar Millionen Dollar, die sie für humanitäre Hilfe nach dem Krieg angesetzt haben, einfach nur beschämend.
Ich weiß nicht, wie sie Dir erklären werden, dass sie jeden Versuch der UNO in den letzten 12 Jahren, das Wirtschaftsembargo gegen Dein Volk aufzuheben, unterwandert haben, und dass sie diesen Krieg schon lange geplant hatten. Und dass ihnen erst krz vor Kriegsbeginn der geniale Schachzug eingefallen ist, dass es ja einzig um Freiheit und Menschenrechte geht beim großen Morden. Kriege wurden immer mit hehren Zielen erklärt - erst viele Jahre später kommen die wirklichen Gründe ans Tageslicht.
Aber das interessiert dann keinen mehr.
Deine Befreier werden Dir erzählen, dass es ihnen immer nur um Demokratie und Freiheit ging, und sie werden nicht davon sprechen, dass sie in vielen Ländern der Welt die Diktatur, Sklaverei und Ausbeutung der Menschen verteidigt haben.
In vielen Teilen der Welt haben Agenten der US amerikanischen Regierung vom Volk gewählte Politiker abgesetzt und sie durch Militärdiktatoren ersetzt, Marionetten, die bereit sind, ihr eigenes Volk an nordamerikanische Multis zu verkaufen.
Ob im Iran, als die CIA Mossadegh gestürzt hat, ob in Chile, Nicaragua, Vietnam - in all diesen Ländern haben sie die Demokratie verhindert und die Menschenrechte mit Füssen getreten.
Wir, Deine westlichen Befreier, führen für unseren Wohlstand schon lange einen Weltkrieg gegen die sogenannte Dritte Welt.
Tag für Tag sterben ungefähr hunderttausend Menschen an Hunger. Alle zehn Sekunden verhungert ein Kind unter 10 Jahren.
Das alles vollzieht sich in eiskalter Normalität, auch jetzt, während Bomben auf Dich hernieder prasseln, die so viel gekostet haben, dass jede einzelne von ihnen Deine Familie für die nächsten hundert Jahre ernähren könnte.
Der Gegenwert dieser Mordmaschinen könnte den Hunger in der Welt sehr viel effektiver besiegen als Tarnkappenbomber und Flugzeugträger.
Aber es ist nun mal Krieg, und das ist die große Zeit des kleinen Denkens, und Militärstrategen führen das Wort.
Kaum eine Fernsehsendung, in der nicht irgendein General oder Oberstleutnant a.D. ausgegraben wird, der kühl und besonnen alles menschliche Dasein auf die engstirnige Logik der "Waffengänge" und "Konfliktbereinigung" reduziert.
Ich bete zu Gott, dass Dir der Kasernenhof erspart bleiben möge, diese Anstalt, in der jeder Mensch lernen muss, sich selbst zu verleugnen, um im Dienste einer Autorität "selbstlos" zu werden.
Gott gebe, dass Du nie in eine Uniform schlüpfen wirst, diese äußeren Zeichen innerer Leere und Entfremdung, dass Du nie antworten wirst: Wenn mein Präsident es befiehlt, werde ich schießen.
Ich habe Deine Familie kennen lernen dürfen - 6 Menschen in einem feuchten, engen Loch - Eure Gastfreundschaft und Eure Herzlichkeit, und ich frage mich immer wieder, ob Euch nicht Respekt und Anteilnahme, Nahrung und Medikamente lieber gewesen wären als Bomben und Versprechungen.
Und Du weißt wahrscheinlich gar nicht, dass nicht alle Länder dieser Erde bereit waren, Euch zu bekriegen.
Die Weltgemeinschaft war gegen den Krieg, und die Amerikaner und Briten haben mit ihrer Entscheidung die Demokratie, die sie Euch jetzt bringen wollen, zutiefst gedemütigt.
Ich frage mich, ob verwundete und psychisch traumatisierte Kinder wirklich der Nährboden für eine friedliche Welt sind, oder nicht eher der Humus, aus dem Terror und Gewalt erwächst.
40 Prozent Deiner Landsleute sind unter 14 Jahre alt, und wer mit dem Lärm der Bomben groß wird, wird schwerlich die Hände zur Versöhnung ausstrecken, die gewohnt sind, sich an Gewehre zu klammern.
Überall auf der Welt gibt es Kinder wie Dich, die nie eine Kindheit hatten und stattdessen mit Minen und Verstümmelungen, Nationalismus und Hass groß geworden sind.
In Kambodscha prägen durch Landminen verkrüppelte Kinder das Straßenbild. Die sie gelegt haben, Deine Befreier, weigern sich bis heute, ein Abkommen gegen diese Minen zu unterzeichnen.
So wie sie sich überhaupt fast allem verweigern, was die Weltgemeinschaft an humanen, völkerverbindenden Ideen einbringt.
Das ist es, was mich so unendlich wütend macht, diese Ungerechtigkeit einer Macht, die auf Grund ihrer Stärke jedes Recht zu ihren Gunsten beugt.
Völlig zu Recht fordern sie, den Kriegsverbrecher Hussein und seine Mörderbande vor einem internationalen Strafgerichtshof anzuklagen. Aber sie selbst sind schon vieler Kriegsverbrechen angeklagt worden und nehmen das nicht einmal zur Kenntnis.
Kriegskinder wie Du, mein lieber Amir, sind das rechte Futter für die weltweite Waffenhändlermafia, für Wirtschaftsfundamentalisten und religiöse Eiferer, und sie haben Euch nie wirklich mit dem Herzen angesehen.
Wer nämlich nur einmal diesen Kindern voll Mitgefühl in die Augen gesehen hat, spricht nie mehr von einem Preis der es wert ist bezahlt zu werden, wie Frau Albright im letzten Krieg, der möchte sie in den Arm nehmen und nicht mehr loslassen.
Er möchte sie beschützen vor den eiskalten Geschäftemachern mit dem humanitären Mäntelchen, der möchte diesen Leuten auf ihren Empfängen ihre eigenen Waffen zum Dinner servieren und ihnen ihre Aktien zum Dessert vorsetzen.
Ach mein lieber Amir, ich weiß, wie gerne Du zur Schule gehen würdest und wie wissbegierig Du bist.
Wie gerne würde ich Dir und Deinen Freunden davon erzählen, dass es in unserer Geschichte nicht nur den Zweiten Weltkrieg gegeben hat, der jetzt ausschließlich zum Vergleich herangezogen wird, sondern ein anderes, jüngeres Modell dafür, wie es möglich ist, sich von einer Diktatur zu befreien. Unsere deutsche Wiedervereinigung, der die unblutige Entmachtung eines diktatorischen kommunistischen Regimes voranging. Der ganze Ostblock hat sich befreit, ohne dass das Land vorher in Schutt und Asche gebombt werden musste. Und was ist mit Spanien, Portugal, Südafrika?
Geschichte kann man nicht vergleichen, aber man hätte doch diese Beispiele zu Rate ziehen können, wenn man nicht unbedingt seine neuesten Waffenmodelle an einem der militärisch schwächsten Länder der Erde hätte ausprobieren wollen. Waffen sind nie fürs Museum gemacht, sie wollen explodieren, das ist die bittere Wahrheit, der wir uns stellen müssen.
Was mit Gewalt errichtet wird, kann nur mit Gewalt erhalten werden, und es gibt Kreise, die genau daran Interesse haben und genau daran verdienen.
Und deshalb den Terrorismus auch nie wirklich besiegen wollen.
Ich bin Dir ein schlechter Pate, mein Junge, ich habe nichts erreicht und sitze wie benommen, umgeben von Wohlstand, vor dem Fernseher. Unfähig Dir zu helfen. Wie gerne hätte ich zusammen mit anderen die Staatengemeinschaft überzeugt, dass man die Sanktionen hätte aufheben müssen, um einer wirklichen Emanzipation hilfreich zur Seite stehen zu können.
Pass gut auf, Amir, denn nicht bei allem, wo Demokratie draufsteht, ist auch Demokratie drin.
Viele reden von Freiheit und meinen Gewinnmaximierung, reden von Demokratie und kaufen sich Stimmen und die Politiker ...
Und am lautesten wird doch immer da nach Menschenrechten geschrieen, wo eine Ölquelle in der Nähe ist.
Gerade jetzt, wo ich Dir dies schreibe, reist der amerikanische Präsident seelenruhig auf seinen Landsitz, um sich, wie er sagt, an der morgendlichen Sonne zu erfreuen, die in sein Arbeitszimmer scheint.
Er kämpft nicht bei seinen Jungs, denn Männer wie ihn braucht die Welt unversehrt zum Regieren. Er trifft sich mit den anderen Wahlbetrügern, um über das Böse in der Welt nachzusinnen.
Er ist seinen intelligenten Bomben nicht unähnlich.
Sie sind beide nicht intelligent genug, über sich selbst nachzudenken.
Ich teile die Welt nicht in Gut und Böse auf, mein kleiner Freund, und ich halte Bush und die Seinen, und die vielen kleinen Arschkriecher und Vasallen dieser Militärregierung nicht für böse.
Ich halte sie für unreif und unfähig zu emotionaler Intelligenz.
Sie sind sich selbst so fremd, dass sie die Anbindung ihres Denkens an ihr Gefühl verloren haben, und sie sind so auch selbst von der Angst ergriffen, die sie verbreiten, dass sie sich eine Welt ohne Gewalt und körperliche Überlegenheit nicht vorstellen können.
Und ihre Anhänger haben sich noch nicht von dem kindlichen Wahn befreit, man brauche immer einen großen, starken Bruder, um in dieser fremden und unbekannten Welt voller Bosheit bestehen zu können.
Aber wer ständig das Böse heraufbeschwört, den wird es als Stimme aus der Dunkelheit auch ständig verfolgen.
Wir müssen diesen Menschen helfen, erwachsen zu werden.
Eine friedliche Welt ist möglich - man muss sie nur erfinden.
Und das sofort. Wir dürfen gerade jetzt nicht aufgeben, an uns zu glauben.
Wir brauchen Vereinte Nationen engagierter Bürger, Ideenwerkstätten, in denen wir lernen, die ungeheure Energie, die in die Erfindung immer abscheulicherer Waffen gesteckt wird, umzuwandeln in die Poesie eines gewaltfreien Miteinanders.
Wir brauchen Dialog statt einer nur der Macht dienenden Diplomatie, Offenheit statt Taktik, Aufrichtigkeit statt Propaganda, Menschendienst statt Geheimdienst.
Also die Demokratie, die uns immer so dargestellt wird, als hätten wir sie schon.
Mein lieber Amir, entschuldige bitte, ich habe mich in meinen Gedanken verloren, aber eigentlich geht es ja jetzt nur um Dich.
Was passiert ist, ist passiert. Ich werde zwar weiterhin nicht aufhören für eine andere und gerechtere Welt zu kämpfen, aber zuerst mal will ich versuchen, sobald es menschenmöglich ist, Dich und Deine Geschwister zu finden.
Jetzt ist es an der Zeit zu helfen und danach müssen wir stark sein und den Protest zum Widerstand erwachsen lassen.
Es war immerhin Franklin Delano Roosevelt, ein amerikanischer Präsident, der sagte: "Der Krieg ist eine Seuche. Er kann Staaten und Völker verschlingen, die vom ursprünglichen Schauplatz der Feindseligkeiten weit entfernt sind."
Und vielleicht sollte George Walker Bush mal seine Vorleser bei John F. Kennedy nachlesen lassen:
"Die Menschheit muss dem Krieg ein Ende setzen, oder der Krieg setzt der Menschheit ein Ende."
Mein lieber, kleiner Freund, ich wünsche Dir alles erdenklich Liebe und dass wir uns hoffentlich bald schon gesund wiedersehen.

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