Montag, den 23. Juni 2003

23.06.2003

Auf vielfachen Wunsch: der aktuelle "Willy"-Text (Tournee Wecker/Wader 2003)


Mei, Willy, jetzt wo i di so doliegn sich, so weit weg hinter dera Glasscheibn, genau oa Lebn zweit weg, da denk i ma doch, es hat wohl so kumma müaßn, i glaub oiwei, du hast as so wolln, Willy.
Ogfanga hat des ja alles 68, woaßt as no: Alle zwoa san ma mitglaffa für die Freiheit und fürn Friedn, mit große Augn, und plärrt habn ma: Bürger lasst das Glotzen sein, kommt herunter, reiht euch ein! Und du warst halt immer oan Dreh weiter wia mir, immer a bisserl wuider und a bisserl ehrlicher. Mia habns eana zoagn wolln, Willy, und du hast ma damals scho gsagt: Freiheit, Wecker, Freiheit hoaßt koa Angst habn, vor neamands, aber san ma doch ehrlich, a bisserl a laus Gfühl habn ma doch damals scho ghabt, wega de ganzen Glätzen, die einfach mitglaffa san, weils aufgeht, wega de Sonntagnachmittagrevoluzzer: d´Freindin fotzen, wenns an andern oschaugt, aber über de bürgerliche Moral herziagn! Die gleichn, Willy, die jetzt ganz brav as Mei haltn, weils eana sonst naß nei geht! Und du hast damals scho gsagt, lang halt des ned, da is zvui Mode dabei, wenn scho die Schickeria ihrn Porsche gegan 2 CV umtauscht, dann muaß was faul sei an der großen Revolution, mitlaffa ohne Denken ko hofft ma guat sei, aa ned für a guate Sach.
Gestern habns an Willy daschlogn,
und heit, und heit, und heit werd a begrobn.

Ja Willy, des is lang her. Über 25 Jahre ist das her, dass dich die Nazis erschlagen haben. Trotzdem - damals schien es fast als gäbe es kein wirkliches Neonaziproblem in Deutschland. Was für ein gefährlicher Irrtum:
"Deutschland den Deutschen", grölts durch Eberswalde, und mit Baseballschlägern und Messern gehts den Negern an den Kragen. Die laufen um ihr Leben, Willy, aber oan dawischns no, und Eberswalde
schweigt dazu, denn a bisserl lästig war´ns halt doch, die vielen Neger, und dann kreisen sie den Amadeu ein und schubsen ihn herum, ja ma wird doch an so an Neger noch a bissen schubsen dürfa, und der Antonio Amadeu Kiowa versteht die Welt nicht mehr und zittert
und schreit, und Eberswalde schweigt dazu, aber Deutschland gehört nun mal den Deutschen. Klar, sie haben sich´s ja alle verdient, ein sauberes, ein reiches Land, und dann ziehen sich die Glatzen Kapuzen übern Kopf und binden sich Tücher vors Gesicht, wie im richtigen Kino,und dann springen sie dem Amadeu mit ihren schweren Stiefeln ins Gesicht, immer und immer wieder. Willy, mein Gott, Willy, mir kanntn di wieder so braucha, wir alle braucha doch oan wies du oana bist,
Willy, da muaß doch was gscheng, da müaß ma doch was doa, alle miteinander:
Gestern habns an Amadeu daschlagn, aber heit, aber heit, aber heit,
heit halt ma zsamm.

Was für ein schöner Traum - vom "Zsammhalten".
Und dann 96 der Tag, der die Welt verändert hat, und ich hab dich wieder in deiner ewigen Ruhe gestört und dir alles erzählt, was mir auf der Seele lag.
Ein paar wahnsinnige, verblendete, gehirngewaschene Verbrecher haben am 11.9. das World Trade Center mit Verkehrsmaschinen in die Luft gejagt und über 3000 Menschen hingemetzelt. Entsetzlich. Viele haben den Schrecken zum Anlass genommen, wirklich über die Hintergründe des grausamen Terrors und unsere buchstäblich überflüssige Lebensweise nachzudenken.
Andere haben das ausgenützt, um die Welt mit Gewalt neu zu ordnen. Und sie in Gut und Böse aufzuteilen, als wäre das Böse immer außerhalb von uns selbst. Als könnte es mit Waffen bekämpft werden.
Noch nie waren die Armeen und ihr perverses Vernichtungspotential so nutzlos geworden, wie nach dem Zusammenbruch des Sowjetunion. Dem Reich des Bösen, wie es Reagan nannte. Eine Chance für die Menschen. Eine Tragödie für die Waffenindustrie.
Nun konnte man endlich weiter aufrüsten: Gegen den Terror.

Dann kam der Krieg gegen Afghanistan und ich habe auf meiner Tournee jeden Tag mit dir gesprochen.
Man hätte ja glauben können, die Friedensbewegung der 80er hätte sich in Luft aufgelöst.
Und dann waren da am 15. Februar 2003 - und diesen Tag werde ich nie vergessen - über 500 000 Menschen in Berlin und Millionen weltweit auf der Straße, um gegen den geplanten Krieg zu demonstrieren.
Du hättest dabei sein müssen Willy, wir haben dazugelernt, wir wissen wo und wie wir uns informieren müssen, und auch wenn uns manche verhöhnen und als Gutmenschen abqualifizieren - sie verstehen nichts von Demokratie.
Gewaltfreier Widerstand, Ungehorsam und Zivilcourage sind nun mal die wirkungsvollste Waffe einer Demokratie und ihr unerlässliches Regulativ.
Aber wir Europäer und unsere Freunde von der amerikanischen Friedensbewegung konnten diesen Krieg nicht verhindern, Willy.
Das Abschlachten der Menschen im Irak hieß nun "irakische Freiheit".
In der arabischen Welt sagen sie: Erst bringt uns der Westen die Minen, dann die Minensuchgeräte und dann verkauft er uns die Prothesen.
Und wird nicht am lautesten da nach Menschenrechten geschrieen, wo eine Ölquelle in der Nähe ist?
Fast jeder der Putschisten im Pentagon hat doch seine dreckigen Finger in einer Firma stecken, die am Krieg oder am Wiederaufbau mitverdient.
Der neue Ölminister ist Manager von Shell 96 und der Wiederaufbaukuchen wird unter amerikanischen und britischen Konzernen aufgeteilt.
Am 10. April jubelte die Bildzeitung: Sieg! Mit großen bunten Lettern, als hätte Kahn einen Elfmeter gehalten. Und der Kommentator der "Welt" lässt sich sogar zu dem törichten Satz hinreißen, dieser Krieg sei eine Erfolg.
Ich halte es für obszön, die Worte Krieg und Erfolg in einem Atemzug zu nennen.
Kriege sind immer ein Misserfolg und ein Scheitern an dem, was uns als Menschen ausmacht.
Nicht weil der Irak Massenvernichtungswaffen hatte - weil sie genau wußten, dass dort keine Massenvernichtungswaffen sind, wurde dieser Krieg gegen den Irak geführt.
Mit diesem Sieg soll wieder einmal die Lüge legitimiert werden, es ginge um "Freiheit und Demokratie". Noch nie ging es den US-Regierungen in den Kriegen der letzten fünf Jahrzehnte um Demokratie. In vielen Teilen der Welt haben Agenten der US-Regierung vom Volk gewählte Politiker abgesetzt und durch Marionetten ersetzt, die bereit sind, ihr eigenes Volk an nordamerikanische Multis zu verkaufen. Und nun scheint die westliche Welt gerüstet für weiteres Morden.
Sind die Bilder der getöteten und verstümmelten Kinder vergessen? Wurden sie unter der hollywoodmäßigen Inszenierung des Statuen-Sturzes begraben? Wer spricht jetzt noch von Gebäuden, Brücken und Wasserwerken, die nur deshalb dem Erdboden gleichgemacht werden, weil beim Wiederaufbau Geld verdient werden soll? Wenn die Welthandelsorganisation nicht reicht, dann versuch es mit Gewalt - das ist das Credo der neokonservativen Sekte, die in den USA an der Macht ist und die Welt regieren will. Das ist die Philosophie der Neoliberalen Wirtschaftsverbrecher. Wie schützen sich jetzt die Länder, die als nächstes zu "Freiheit und Demokratie" gebombt werden sollen?
Bush ist seinen intelligenten Bomben nicht unähnlich. Beide sind nicht intelligent genug, über sich selbst nachzudenken:
Bomben gebären keine neue Gesellschaft, Herr Bush. Sie töten.


Dieser Sieg darf uns nicht vergessen lassen, dass wir für unseren Wohlstand schon lange einen 3. Weltkrieg gegen die Länder im Süden führen. Und, dass es Frieden erst geben wird, wenn wir lernen, gerechter zu teilen.
Dieser Sieg darf uns nicht vergessen lassen, dass die Kriege der letzten Jahrzehnte fast ausschließlich Kriege von Weißen gegen Menschen der Dritten Welt waren. Und dass man erst den eigenen Fundamentalismus und Rassismus in den Griff bekommen sollte, bevor man sich daran macht, andere davon zu befreien.
Und es geht ja nicht nur um den Irak, Willy.Natürlich muß etwas geschehen, um das Abschlachten im Kongo zu unterbinden - aber warum wacht man immer erst so spät auf? Wer versorgt denn seit Jahren Uganda und Ruanda mit Waffen? Wer hat die Söldner beider Länder bezahlt und aufgehetzt, um sich an den ungeheuren Bodenschätze zu berreichern? Kein Schandfleck auf der Welt, wo nicht unsere sogenannte zivilisierte Welt ihre Finge im Spiel hätte.
Die Bundesregierung prüft gerade, ob militärische Ausbildungshilfe für Uganda wieder aufgenomen werden soll und in den USA werden die kriegsführenden Staatschefs von Uganda und Ruanda gefeiert als "junge neue Führer Afrikas".
Und wieder ist, wie immer, der militärische Einsatz die ultima ratio.
Aber wenn die militärische Lösung nun mal die einzige Option für Freiheit und Demokratie zu sein scheint, die unseren phantasielosen und ständig pupertierenden Politikern einfällt - warum setzen sie das Militär eigentlch nicht gegen IWF und Weltbank ein, gegen Mc Donald´s, Bechtel und Shell und all die anderen terroristischen Konzerne mit ihrer Lizenz zum Plündern - denn die sind seit Jahrzehnten verantwortlich für die größten humanitären Katasthrophen.

Willy, Eine Welt ohne Krieg ist nicht nur wünschenswert, sondern unumgänglich. Das Prinzip der Abschreckung hat sich verselbstständigt und ist zur Hegemonie des Schreckens ausgeartet. Überleben kann die Menschheit nicht mit Frau Merkels "Drohkulisse", sondern einzig, wenn der Krieg besiegt sein wird. Endgültig und für immer. Wie es in der Präambel der UNO gefordert wird. Wenn keine Waffen mehr hergestellt werden, wenn keiner mehr daran Geld verdient. Und wenn wir nicht mehr von Schizophrenen regiert werden, die unfähig dazu sind, Hirn und Herz zusammenzubringen.

Und trotz alledem, ich glaube weiterhin daran, dass eine friedliche Welt möglich ist - wir müssen sie nur erfinden.
Und wir dürfen gerade jetzt nicht aufgeben, an uns zu glauben.
Die Sklaverei wurde auch nicht in einem Tag abgeschafft - und das was in den letzten Monaten geschah, sollte uns zuversichtlich stimmen.
Viele Menschen sind aufgewacht und wenn jetzt nicht täglich demonstriert wird, heißt das nicht, dass diese neue demokratische Bewegung am Ende wäre.

Es ist an der Zeit, dass wir als menschliche Wesen, in welchem Teil der Welt wir auch zufällig leben, oder welcher Kultur wir zufällig angehören, uns voll und ganz für den Gesamtzustand der Welt verantwortlich fühlen.
Wir haben durch unser tägliches Leben dazu beigetragen und sind Teil dieser monströsen Gesellschaft, mit ihren Kriegen, ihrer Brutalität und Gier, und nur wenn wir das klar erkennen - nicht intellektuell, sondern so, wie wir Hunger und Schmerz empfinden - nur wenn wir klar erkennen, dass Sie und Ich verantwortlich sind für die ganze Welt, werden wir endlich richtig handeln.
Frieden ist nicht der Zustand zwischen zwei Kriegen.
Frieden wird nicht durch Siege erkauft.
Frieden braucht Mut. Mut zur Wahrheit und den Mut, sich selbst zu verändern.

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