Montag, der 8. September 2003

08.09.2003

Liebe Freunde

Gerade komme ich zurück aus Italien und ich muss zugeben, es war sehr angenehm, für ein paar Wochen "aus der Welt" zu sein. Ich hatte endlich wieder mal Zeit, mich ausschließlich dem Komponieren zu widmen. Wieder in München angekommen, fand ich in einem klugen Artikel von Roland Rottenfußer - in der Zeitschrift "Connection" - ein Zitat des Komponisten Karlheinz Stockhausen, der meine Gefühle in den letzten Wochen gut ausdrückte: "Für mich ist Musik in ihren besten Momenten der Versuch, die Trennung zwischen Menschdasein und Jenseits aufzulösen durch eine Verbindung zu Gott."

Rottenfußer fordert in seinem Beitrag "Die Wiederverzauberung der Welt" einen Brückenschlag zwischen der Kunst und der Spiritualität, nachdem die Kunst sich lange genug auf die "geistlose Abbildung der vordergründigen Realität beschränkte, während Spiritualität überwiegend zum kulturfreien Raum wurde - vermittelt entweder als Selbsterfahrungstrip oder als schmucklose philosophische Message."

Fünfzehn Jahre nach seiner ersten Begegnung mit dem Existenzialismus fand er bei Ken Wilber eine Antwort auf das Unbehagen, das ihm diese Philosophie, bei aller Wertschätzung für Camus und Sartre, bereitete.

Dieser schreibt über die existenzialistische Welthaltung: "Es ist für sie eine Art Ehrensache, freudlose existenzielle Alpträume mit unerbittlicher Ernsthaftigkeit in die Arme zu schließen. (...) Jede Andeutung eines höheren Horizonts wird mit eisigen Blicken quittiert."
Diese eisigen Blicke einer Kunstkritik, die nur das Düstere, Beklemmende, Ausweglosigkeit Ausstrahlende für das Literarisch Korrekte hält, bekommen spirituell motivierte Künstler und Dichter noch heute oft zu spüren, meint Rottenfußer.
Dem möchte ich allerdings hinzufügen, dass die Forderung nach Düsternis in der Postmoderne abgelöst wurde von dem Postulat nach permanenter Ironisierung und Veralberung jedes Themas, das sich mit den wesentlichen und dadurch unweigerlich spirituellen Fragen unseres menschlichen Daseins beschäftigt.

Das muss natürlich auch in einem politischen Zusammenhang gesehen werden.
Die Musik wird schon seit einigen Jahrzehnten vom der Industrie vereinnahmt, entheiligt, möchte ich fast sagen und nicht mehr der Weg, also die Freude am Musizieren oder Erleben der Musik steht im Vordergrund, sondern sie wird Mittel zum Zweck einer Gewinnmaximierung mit Hilfe der Töne, die uns eigentlich verzaubern sollten und verwandeln.
Ein gutes Beispiel der Pervertierung der Musik ist der derzeitige Casting-Superstar-Wahn.
Wieder mal hat es Ponkie in der Münchner Abendzeitung in ihrer unvergleichlich prägnanten Art auf den Punkt gebracht: Das "Traumnest aus Selbstbetrug und Größenwahn im Big-Brother-Land der Angeber und Spaß-Debilen", wird von den "Müllverkäufern der Privatsender" unseren Kinder und Jugendlichen vorgegaukelt. So als wäre es das einzig erstrebenswerte Ziel der Spezies Mensch, sich durch schnellen Ruhm und schnellen Euro so von sich selbst zu entfernen, dass einem jedes Gefühl für das Wesentliche abhanden kommt.
Euterpe degradiert zu einem Transmitter für Reichtum und Erfolg - das passt all jenen in den Kram, die sich, von der Krankheit "Vermarktung" infiziert, schon lange nicht mehr von den Musen berühren lassen können. Eine marode und amusische Musikindustrie setzt auf musikalische Allerweltsware und Eintagsfliegen, anstatt sich mit Fachverstand und Engagement der Förderung der wirklich Kreativen zu widmen.

Zweifellos soll und darf und muss Musik auch einfach nur Spaß machen können, aber selbst dieser Spaß geht ja verloren, wenn man das Musizieren nur noch als Wettbewerb erlebt, von mehr als fragwürdigen "Fachleuten" wie in der Schule benotet wird und man als Preisträger ein Lied von Dieter Bohlen singen muss.

Ich möchte nicht alles und jeden "spiritualisieren", Musik kann erdig, dreckig und geil sein, aber auch das geht ihr verloren in diesen angepassten Glitter-Glitzershows, die im Endeffekt ein perfektes Abbild unserer neoliberalen Gesellschaft abgeben: Alles dient dazu, die Reichen noch reicher zu machen und dem Rest das Geld aus der Tasche zu ziehen, während ihnen die "Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Story" vorgegaukelt wird.
Dazu ein Beispiel aus den Vereinigten Staaten: Das gepriesene Wohlstandswachstum in Amerika zwischen 1983 und 1997 geht zu 85,5 Prozent auf das Konto des reichsten einen Prozents. Im genannten Zeitraum schnellten die Gesamteinkünfte in den Vereinigten Staaten in die Höhe - aber 80 Prozent der amerikanischen Familien erhielten davon 0 Prozent. Die Börse boomte, aber w e r ist die Börse? Das goldene eine Prozent besitzt 2,9 Billionen Dollar in Aktien und Obligationen des Landes, deren Gesamtwert 3,5 Billionen beträgt.(Dr. Edward Wolff, Direktor des Income Studies Project am Jerome Levy Institute, New York) Das ist natürlich nicht genauso auf unsere Verhältnisse zu übertragen, aber die neoliberale Stimmungsmache bei uns und der drohende Sozialabbau weisen die Richtung.

Michael Jäger fragt im "Freitag" ob wir überhaupt noch einen Staat haben. Ein Staat - das heißt: ein Organ des Gemeinwohls! "Ist die "Agenda 2010" nicht der Beweis, einer zwar erkennbaren, ja in sich schlüssigen, aber eben ganz anderen Logik als der des Gemeinwohls folgt? Nämlich der der Kostendeckung eines nur an sich selbst denkenden Unternehmens.(...)
Man kann die Freude der Schröder und Fischer, einen Job gefunden zu haben und auch die Kostenvorsicht ihres Lifestyle-Unternehmens ja nachvollziehen. Aber die Gesellschaft wird binnen kurzer Zeit in Anarchie versinken, wenn sich herumspricht, dass wir keinen Staat mehr haben."

Vor kurzem hat sich ein Journalist öffentlich darüber beklagt, dass ich den letzten Rest meines Verstandes nicht verkokst hätte, weil ihm meine Tagebucheinträge zu persönlich, meine Irakreise zu öffentlich und meine Argumente gegen den Krieg zu gefühlig waren.
Am Ende seines Artikels wünschte er mir die Amerikaner auf den Hals, auch ohne UNO-Mandat. Nach dem ersten Ärger musste ich doch schmunzeln. Wer so erbitterte Feinde hat, muss auf sie ja richtig gefährlich wirken. Ich dachte gar nicht, dass meine Stimme noch so viel Gewicht hat.
Für ihn und Andere, die glauben, der messerscharfe Intellekt sei eine unbesiegbare Waffe und die einzige Möglichkeit die Welt zu erklären und zu verstehen, ein Zitat, das ich vor ein paar Tagen bei Schopenhauer gefunden habe.

"Sogar der beschränkteste Verstand, wie auch die groteske Hässlichkeit, werden, sobald die Güte des Herzens sich in ihrer Begleitung kundgetan, gleichsam verklärt, umstrahlt von einer Schönheit höherer Art, indem jetzt aus ihnen eine Weisheit spricht, vor der jede andere verstummen muss. Denn die Güte des Herzens ist eine transzendente Eigenschaft, gehört einer über dieses Leben hinausreichende Ordnung der Dinge an. Wo sie im hohen Grade vorhanden ist, macht sie das Herz so groß, dass es die Welt umfasst, so dass jetzt alles in ihm, nichts mehr außerhalb liegt."

Diesen Weg des Herzens, durchaus unter Zuhilfenahme, aber nicht unter der Knute des Verstandes, hab ich, mit allen Irrwegen, immer versucht zu gehen, und den zeigten mir immer schon die großen Künstler. Und er ist nur zu begehen, wenn man bereit ist, sich selbst mit ins Spiel zu bringen.

Und sich dafür immer wieder mal verspotten zu lassen.
Aber das fällt auch immer leichter, wenn man sich selbst nicht mehr so ernst nimmt.


Ab heute werden wir uns wieder mit vereinten Kräften unserer Seite

www.hinter-den-schlagzeilen.info

widmen.

Und ich will versuchen, in den nächsten Tagen ein paar Demo-Songs aus Rolf Rettbergs (Text) und meinem Hunderwasser-Musical zum Herunterladen ins Netz zu stellen.

Euer Konstantin

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