Dienstag, den 4.Juni 2002

04.06.2002

Liebe Freunde,

ich habe mich sehr über eure herzlichen Geburtstagsgrüße gefreut.
Mir war es nicht so wichtig zu feiern - gefeiert hab ich in meinem Leben genug -oder gar gefeiert zu werden. Also begann für mich das neue Lebensjahr ruhig und besinnlich unter einem sehr hohen toskanischen Himmel.
Trotzdem, oder gerade deshalb ist es schön, von so vielen guten Wünschen getragen zu werden.
Gerade habe ich die letzten Takte komponiert für Christian Bergs neues Kindermusical: "Das Dschungelbuch". Wir versuchen Kipplings Buch mit eigenen Augen wiederzuentdecken und hoffen, dass die Disney-Adaption und die (zugegebenermaßen wirklich guten) Songs nicht all zu sehr in den Köpfen der Kinder verankert sind.
Denn wir wagen es, das Stück mit neuen Texten und neuen Liedern zu beleben.
Wie immer habe ich großes Vertrauen zu Christian und seiner erstaunlichen Fähigkeit, Kinder zu begeistern, ohne sich bei ihnen anzubiedern.
Das "Dschungelbuch" wird am 27. Juli in Cuxhaven uraufgeführt und ab Herbst mit Christian und seinem Ensemble auf Tournee gehen.

Süddeutsche Zeitung, gestern:
"Amerika bekräftigt Recht auf Präventiv-Schläge. Originalton Bush: Der Krieg gegen den Terror wird nicht in der Defensive gewonnen. Wir müssen ihn zum Feind tragen. Wenn es also früher genügt hat, Terroristen nach einem Anschlag über die Grenze in ein benachbartes Land zu verfolgen, so müsse man künftig schon vorher in jedem Staat zuschlagen, der Terroristen beherbergt oder beschützt."
Wer stoppt eigentlich diesen Wahnsinnigen noch?
Wer entscheidet, welcher Staat Terroristen beherbergt oder unterstützt?
Das ist das pure Recht des Stärkeren und eine deutliche Absage an jedes Völkerrecht und das Recht souveräner Staaten.
Das ist der Freibrief für einen totalen Krieg.
Wie charakterlos muss man sein, um sich diesem Mann so anzubiedern wie unsere Politiker?
Eine historische Rede herauszuhören, wo nur sattsam Bekanntes heruntergeleiert wurde?
Gegner dieser Politik kurzum als Idioten abzustempeln? (BZ Berlin)
Werner Pirker kommentiert heute treffend in der "jungen Welt":
"Zu den bevorzugten Adressen der von Bush in Aussicht gestellten Präventivschläge gegen das Böse gehört der Irak. Zwar widerspricht das Hussein-Regime dem Bild vom anonymen Terror, von dem sie zu erlösen Washington der Welt versprochen hat. Auch gibt es nicht die Spur eines Beweises, dass es Saddams verlängerter Arm gewesen wäre, der die Zwillingstürme von New York knickte. Friedensgefährdende Aktivitäten werden ihm deshalb auf jenem Gebiet unterstellt, auf dem die USA eine einsame Spitzenreiterposition einnehmen: der Produktion von Massenvernichtungswaffen. Dass sie siese nicht nur herzustellen, sondern auch ohne Skrupel einzusetzen wissen, haben sie in Hiroshima, in Vietnam, in Jugoslawien und nicht zuletzt im Irak bewiesen."
Vor über 80 Jahren schrieb Hermann Hesse:
"An einen Krieg dachte niemand, man rüstete nur so für alle Fälle, weil reiche Leute gerne Eisenwände um ihr Geld sehen."
Dem muss man eigentlich nichts hinzufügen.

Vor mir zittern die Blätter der Olivenbäume und die Sonne bricht sich in den hierzulande so unterschiedlichen Grünnuancen. Alle paar Minuten ist ein anderer kleiner Abschnitt der Hügelkette wie von einem Scheinwerfer beleuchtet, so dass die Landschaft immer in Bewegung bleibt. Unzählige Vögel locken mit den schönsten Liebesliedern und manchmal schaut sogar eine Stachelschweinfamilie nach dem Rechten.
Man muss nicht viel tun, um sich zu spüren.
Manchmal genügt es, still zu sitzen, und man kann in das Herz der Welt tauchen.
Und alles will leben!
Jede Mücke, jeder Grashalm, die Bienen und Ratten und Vipern und Bäume, ja auch die Felsen, die Hügel, die Gestirne - alle wollen leben!
Es geht in diesem Kosmos nicht nur um uns Menschen und unseren materiellen Besitz, unsere kleinlichen Streitigkeiten, Ehre, Status und Rechthaberei - es geht um so viel mehr.
Und alles was lebt, will Schmerz vermeiden und Freude fühlen.
Wer Tiere mitfühlend beobachtet weiß, dass sie sich freuen können am Dasein. Unverstellter und maskenloser als wir Menschen. Nicht nur die domestizierten Tiere, nein, gerade die wild und frei lebenden.
Wann werden wir endlich aufhören, alles unseren Gedanken unterjochen zu wollen, die doch noch nie zu Ende gedacht werden konnten, immer unfertig und unvollendet sind?
Wann werden wir beginnen, nicht alles Lebendige unserem Wohlergehen unterzuordnen?

Jede noch so kleine militärische Auseinandersetzung fordert nicht nur Menschenleben und opfert nicht nur unschuldige Kinder, sondern zerstört Natur!
Aber die Militarisierung schreitet unaufhaltsam vorwärts.
Und kaum einer will es wahrhaben.
Es geht ja angeblich um unsere Freiheit.
Um welche?
Erst verkaufen wir Waffen an Indien und Pakistan und dann ziehen wir uns, wenn es anfängt zu brennen, vom Brandherd zurück und schicken unsere Außenminister zum Verhandeln.
(Natürlich gibt es Terror, der bekämpft werden muss. Aber bei der Jagd auf "Al Qaida" zum Beispiel, verhält es sich etwa so, wie beim Heisenberg`schen Unschärfeprinzip:
Je intensiver die Ermittler eindringen, desto mehr verändern sie ihren Gegenstand und steuern in Wirklichkeit das, was sie nur zu beobachten glauben. Wie Josef Grässle-Münscher schreibt, stellen sie im Extremfall ihr eigenes Produkt her und führen es dann vor.)

Und wenn der "Spiegel" in einer Titelgeschichte wieder mal die Wissenschaftler hervorhebt, die festgestellt haben wollen, in welcher Gehirnregion unserer ach so großartigen menschlichen Gehirne der Geist und das Göttliche erschaffen wurde, möchte ich mit Ken Wilber antworten:
"Wie kann man nur diesen herrlichen Kosmos an die Wand des Reduktionismus klatschen?"
Wie bitteschön, soll das Niedere aus dem Höheren geboren werden, der Geist aus der Materie, wenn er nicht bereits da ist?
Das Gemälde stammt vom Maler, aber wie soll der Maler aus dem Gemälde stammen?
Wer nicht auch den Weg nach Innen findet, den Weg zu sich selbst, mit all seinem Schrecken und seinen Höllenwelten, wird die Welt nicht entdecken. Und er wird sich immer ein Gedankenkonstrukt basteln können, das ihn berechtigt, lieber die Welt zu zerstören als seine Vorstellung von ihr.
Nach Mahatma Gandhi gehören Wissen ohne Charakter, und Wissenschaft ohne Menschlichkeit zu den sozialen Sünden der Menschheit.
Und sich der Verbundenheit mit dem Geistigen, das allem innewohnt, zu berauben, ist meines Erachtens eine der größten Sünden.
Denn damit berauben wir uns des Mitgefühls, und der Identität mit uns selbst.
Ich wünsche uns allen die Kraft für viele stille Stunden der Selbsterkenntnis.
Das ist, glaube ich, wirksamer, als neue Ideologien zu konstruieren oder die Menschheit mit Waffengewalt in die Knie zu zwingen.

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