Dienstag, den 6. August, 2002

06.08.2002

1.
München jubelt, die Punks sind vertrieben. Keine Randale. Tausende von Polizisten haben die Stadt sauber gehalten.
Der neue Sicherheitswahn greift um sich, nur wir begreifen anscheinend nichts.
Einzig ein kleiner, fast schüchterner Kommentar in der AZ wagt es zu fragen, ob denn dieses martialische Polizeiaufgebot verhältnismäßig gewesen sei. Und ob es richtig sei, Leuten auf Grund ihres Aussehens Einreiseverbot zu erteilen, den Besuch im Tierpark zu verweigern, sie wegzusperren.
"Normal sein, das ist das Ideal der Mittelmäßigen" schrieb C.G.Jung.
Dass die Punks immer schon aufrecht in ihrer Haltung gegen Nazis waren, spielt sicher auch noch eine Rolle:
Nazis marschieren ordentlich, die haben keinen bunten Haarschopf, die wollen kein Chaos.
Deshalb wird die Polizeimaschinerie auch selten gegen Nazis eingesetzt, sondern immer nur gegen ihre Gegner.
Der schlimmste anzunehmende Gau ist ja bei den Chaostagen auch keine rassistische Volksverhetzung, sondern eine zertrümmerte Schaufensterscheibe. Da geht´s ans Eingemachte in unserem System. Da könnte für ein paar Tage das Geldverdienen nicht mehr so reibungslos funktionieren, da könnte der brave Bürger ja gehindert werden, sein Geld für weitere Nutzlosigkeiten auszugeben.

2.
"Bild"hat einen neuen Freund und Anwalt: den "Spiegel". Da kämpfen doch wahrhaftig die beiden Blätter Hand in Hand für die Freiheit der Presse. Wer hätte das gedacht.
Das wird doch nichts damit zu tun haben, dass beide gemeinsam mit der Bayrischen Vereinsbank die Leiche fleddern wollen, die Leo Kirch hinterlassen hat?
Jedenfalls hat man es wieder mal geschafft mit einem Skandälchen von den wirklichen Schweinereien abzulenken.
Und "Bild" kann sich als Verfechter demokratischer Grundrechte aufspielen.

3.
Da immer wieder im Gästebuch daran gezweifelt wird, ob ich die Einträge denn selbst lesen würde:
Selbstverständlich lese ich alle Beiträge, manchmal komme ich eine Zeitlang an keinen PC ran, manchmal ist es mir wichtiger, mich für ein paar Tage nach außen zu verschließen, aber ich lasse mir keine Zeile entgehen.
Und ich kann mich nur wiederum für Euer Dabeisein bedanken.

4.
So richtig geklappt hats ja nun doch nicht mit der Radtour nach Bozen.
Der Brenner stand zwischen mir und meinem vielleicht etwas hochgestochenen Vorhaben, ihn mit zwei Rädern zu bezwingen.
Also sind meine Freunde und ich am Fuße des Berges umgekehrt, und wir haben ein paar Tage in Tirol verbracht, wandernd, radelnd, badend und dann haben wir doch mit dem Auto den "Alpenhauptkamm" überquert, auf dessen Nordseite, nach Herbert Rosendorfer, "menschliches Leben nicht möglich ist."
Ich habe mich sehr gefreut diesen wunderbaren Schriftsteller bei unserem Konzert auf Burg Runkenstein persönlich begrüßen zu dürfen.
In den nächsten Tagen werde ich ein paar Fotos zur allgemeinen Belustigung beisteuern.

5.
Christian Berg hat es wieder mal geschafft, alle Kinderaugen zum Leuchten zu bringen.
Die Premiere in Cuxhaven war einfach wunderschön, die Kinder konnten am Ende die meisten Dschungelsongs schon auswendig singen, und mein Tamino hat in der Pause bitterlich geweint, weil er dachte, es sei Schluss.
Was hat er nur der Berg, dass er es schafft, von den Kindern so ernst genommen zu werden, ihnen immer ein Kumpel zu sein?
Wahrscheinlich, weil er sich nie anbiedert bei ihnen und kein bisschen den großen Pädagogen rauskehrt.
Er hat sich sein kindliches Chaos bewahrt und schafft es, das höchst artifiziell auf die Bühne zu bringen.
Hut ab!


6.
Ich werde mich jetzt für ein paar Wochen zurückziehen.
Es braucht viel innere Kraft, sich immer wieder mit einer Gesellschaft zu arrangieren, deren Mechanismen man im Grunde verachtet.
Der größte Betrug besteht wohl darin, uns einzureden, Reichtum, Erfolg und Macht könnten zu dem von allen Menschen ersehnten inneren Frieden führen. Dafür machen wir uns alle zum Feind, die uns auf diesem Weg behindern könnten, dafür opfern wir unsere Sensibilität, unser Mitgefühl und unsere Verbundenheit zur Welt.
(Alle Reichen und Berühmten wissen, dass Reichtum und Ruhm nicht glücklich macht, aber sie scheinen sich abgesprochen zu haben, es den Anderen ja nicht zu erzählen.)
Ich habe keine Antwort auf den Kapitalismus, der die Welt vernichten wird, aber ich traue mir auch nicht zu, alleine ein Modell zu entwickeln, das die Welt zu retten in der Lage wäre.
Das kann nur durch die geistige Kraft und die tätige Fürsorge vieler mitfühlender Menschen gemeinsam geschehen.
Ma Jaya Sati Bhagavatti sagte neulich in einem Interview:
"Fang ganz klein an. Schau wie es sich anfühlt, für etwas Sorge zu tragen. Und lass es Nahrung finden. Lass es wachsen. Ja, es überwältigt einen. Aber in mir ist eine solche Leidenschaft für das, was man tun kann! Und wenn wir untergehen, dann gehen wir unter - aber nicht, ohne es zu versuchen."
Und die große indische Denkerin Vimala Thakar schreibt:
"In dieser Epoche ein spirituell Suchender ohne soziales Gewissen zu sein, ist ein Luxus, den wir uns schwerlich leisten können. Und es ist die ärgste Torheit, ein sozialer Aktivist ohne exaktes Verständnis der inneren Funktionsmechanismen des menschlichen Verstandes zu sein."
Wer sich politisch engagiert, muss bereit sein, sich immer wieder auf sich selbst zu besinnen, in sich und seine psychischen Verstrickungen einzusteigen, seine wahre Identität zu entdecken, Eitelkeiten zu enttarnen, Lügen aufzudecken.
Wir sind so uneins mit uns selbst, dass wir immer noch bereit sind zu glauben, nur die anderen seien gewalttätig und wir allein wären zum Frieden bereit.
Aber der Ursprung der Konflikte liegt in uns. In den Gemütern, die an "Spaltung glauben und Ganzheit nicht erkennen".(Thakar: Spirituality and sozial action: a holistic approach.)
Wie wärs, wenn sich jeder von uns für einen kleinen Teil, nur ein paar Quadratmeter der anderen, betrogenen Welt tätig verantwortlich fühlte?
(Ganz im Sinne Albert Schweitzers Ethikbegriff der "tätigen Hingabe im engsten Bereich.")
Des, zugegebenermaßen verwirrenden, Widerspruchs wohl eingedenk, nämlich wohleingebettet zu sein in den Wohlstand einer Gesellschaftsordnung, die ich ablehne, versuche ich mich dennoch zu arrangieren.
Man könnte, sollte vielleicht sogar, ganz aussteigen, sein Hab und Gut verschenken und besitzlos werden, aber das bedarf einer hohen Stufe des Bewusstseins und eines hohen Grades von Angstfreiheit, wie ich ihn noch nicht erreicht habe.
Und allem Handeln sollte ein ehrliches, erlebtes Erkennen vorausgehen, sonst glaubt man irgendwann seiner eigenen Pose und handelt blindwütig und zerstört sehr viel mehr, als man dann erreichen kann, wenn sich das Tun Schritt für Schritt aus dem Erkennen ergibt.
Zum Schluss möchte ich Euch noch einen Satz C.G,Jungs mit auf den Weg geben, den er im Alter von 82 Jahren in sein Tagebuch schrieb:
"Im Grund genommen sind mir nur die Ereignisse meines Lebens erzählenswert, bei denen die unvergängliche Welt in die vergängliche einbrach.
Neben den inneren Ereignissen verblassen die anderen Erinnerungen, Reisen, Menschen und Umgebung.
Aber die Begegnungen mit der anderen Wirklichkeit, der Zusammenprall mit dem Unbewussten haben sich meinem Gedächtnis unverlierbar eingegraben. Da war immer Fülle und Reichtum, und alles andere trat dahinter zurück."

zurück