Montag, den 19.August 2002

19.08.2002

Erstaunt und erfreut habe ich die regen Diskussionen um meinen letzten Tagebucheintrag verfolgt.
Erstaunt, weil ich nicht mit solch emotionalen Reaktionen gerechnet habe, erfreut, weil (bis auf eine Ausnahmen) bei aller Kritik und gegenteiligen Meinungen sehr respektvoll miteinander umgegangen wird.
Das ist nicht allgemein üblich in Internetforen und zeichnet dieses Forum aus.

Ein Tagebucheintrag ist kein Essay und schon gar keine politisch korrekte Abhandlung.
Hätte ich nicht in ein paar Sätzen meinem Ärger kurz Luft gemacht, sondern das Thema ausführlicher behandelt, wäre es sicher auch differenzierter ausgefallen.
Fakt bleibt für mich allerdings, dass die Verhältnismäßigkeit nicht gestimmt hat, und dass leider überhaupt nicht mehr überlegt wird, ob es noch andere Möglichkeiten geben könnte, als Säbelrasseln und Zurschaustellung von Polizeigewalt, um solchen Protesten zu begegnen.
Ich habe nun mal ein Herz für Punks und Chaoten (auch wenn diese vielleicht mit mir und meiner Musik nicht all zu viel anfangen können), und meine Angst um mein Eigentum hält sich in Grenzen. Ehrlich gesagt, bei all den Beiträgen, die jetzt Verständnis für die Reaktion des Freistaates zeigen, fehlt mir dann doch das Nachdenken über die Ursachen:
Warum eigentlich sehnen sich manche junge Menschen so sehr nach Chaos??
Warum verachten sie Banken und Kaufhäuser, deren Scheiben sie so gerne zertrümmern?
Um es hiermit (noch einmal) deutlich auszusprechen: ich bin weit davon entfernt Gewalt zu verherrlichen, schön zu reden oder auch nur irgendwie gut zu heißen.
Nur glaube ich nicht, dass auf die Dauer Gewalt mit Gewalt verhindert werden kann.
Arno Grün differenziert in seinem Buch: "Der Kampf um die Demokratie" sehr deutlich zwischen linken und rechten Gewalttätern.
"... für die Praxis bedeutet dies: mit einem Neonazi muss anders umgegangen werden als mit einem linken Rebellen. Bei dem Rechten geht es um eine Restrukturierung seiner Identität. Er ist mit dem Aggressor identifiziert und hasst das menschliche Selbst, das er hätte sein können.
Bei dem Rebellen dagegen gibt es nicht das Problem, dass Identifizierung zur Zerstörung seiner eigenen Identität geführt hat.
... Beide sind gewalttätig, beide haben Angst vor Gefühlen und Liebe. Der Linke jedoch sucht - wenn auch unbewusst - nach Liebe, während der Rechte sie hasst. Beide kämpfen darum, nicht berührt zu werden. Der Linke provoziert, um geliebt zu werden. Der Rechte dagegen verhindert Berührung, indem er zwar Rituale der Kameradschaft beschwört, wirkliches Mitgefühl jedoch ablehnt."
Er kommt zu dem Schluss, dass die Vorgehensweise gegen linke und rechte Gewalttäter nicht dieselbe sein darf. Wo die Rechtsextremen sich einem starken Staat eher zu unterwerfen bereit sind, fordert dieser die Linken immer mehr zur Rebellion heraus.
Am Ende seines Buches schreibt Arno Grün:
"Nur so können demokratische Gesellschaften Bestand haben: Indem sie die wahren Bedürfnisse von Menschen erkenn und ernst nehmen. Es würde soviel weniger kosten, in das Leben zu investieren, anstatt Aufrüstung und Krieg zu finanzieren."
Empathie ist das Schlüsselwort - nicht Muskeln zeigen. Anders erkennen wir nicht den gemeinsamen Nenner der Gewalt: Unsere Sozialisation.
Das Prinzip unserer Sozialisation lehrt uns leider, dass Selbstwert dadurch zu erringen ist, dass andere erniedrigt und gedemütigt werden.(Grün)
Sollte man das nicht zu durchbrechen versuchen? Und seine eigene Angst vor dem Verlust von "harterarbeitetem Privateigentum"(Christoph/Forum) etwas hintanstellen, statt aus genau dieser Angst heraus gleich nach dem starken Staat zu schreien?
Ich glaube nicht dass dieser "martialische Staat, den man hinterher so wortgewaltig geißelt" durch diese Chaostage erst auf den Plan gerufen wird.
Er bedient sich eher aller möglichen Protestaktionen, um dann den Beifall auch derer einzuheimsen, die sonst nur "ungern die bayrische Innenpolitik und ihre Protagonisten verteidigen."

"Schafft Huren, Diebe, Ketzer her und macht das Land chaotisch
dann wird es wieder menschlicher und nicht mehr so despotisch"
das habe ich als sehr junger Mann mal gesungen.
Natürlich ist das nicht allzu differenziert - aber doch eigentlich ganz hübsch?
(Auf meine persönlichen Ungereimtheiten habe ich übrigens versucht am Ende des viel diskutierten Tagebucheintrags hinzuweisen...)

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