Dienstag, den 10.September 2002

10.09.2002

Heute erlaube ich mir ein paar Zeilen in eigener Sache:

Ich werde mir bis zum Beginn der Herbsttour ein paar Wochen Auszeit nehmen, in erster Linie, um zu versuchen, das momentane Chaos in meinem Kopf wieder einigermaßen auf die Reihe zu bringen. Manchmal überrennen einen die Gedanken so, dass das Empfinden auf der Strecke bleibt.
Das lässt sich nur in der Stille wieder ins Gleichgewicht bringen.
In der letzten Zeit erreichte mich eine solche Flut von Einsendungen, dass ich leider nicht mehr in der Lage bin, alle Bücher zu lesen und alle CDs anzuhören, die mir geschickt werden.
Ich weiß, wie enttäuschend es ist, wenn man keine Antwort bekommt und ich werde nie vergessen, wie ein junger Mann mir einmal tadelnd schrieb, dass Hermann Hesse, im Gegensatz zu mir, alle (!) Briefe beantwortet hätte.
Ich weiß diese ungeheure Leistung zu schätzen und ich kann nur bekennen, wie sehr ich das bewundere. (Zudem hätte ich auch noch gerne Siddhartha, Steppenwolf oder Demian geschrieben...)
Seit diesem (berechtigten) Rüffel bemühe ich mich auch, wenigstens alle Briefe und mails zu beantworten, und trotzdem stapeln sich die ungehörten und ungelesenen CDs und Gedichtbände auf meinem Schreibtisch.
Ich möchte mich hiermit für all die unbeantworteten Einsendung entschuldigen.
Bitte schickt mir erstmal keine eigenen Werke mehr. Es tut mir weh, wenn all das, was mit soviel Begeisterung und Liebe hergestellt wurde, nicht mit dem gebührenden Respekt beachtet wird.
Mein Label "Laut und Luise" ist auch zuerst mal auch ausschließlich für die Produktionen für Kinder gedacht, so dass noch nicht daran zu denken ist, andere Produktionen zu veröffentlichen.
(und ich fürchte, dass mich der geschäftliche Teil dieses Unternehmens schon bald überfordert.)

Ich bitte auch um Verständnis dafür, dass ich mich nicht allen Friedensaktionen und Bündnissen anschließen kann, auch wenn sie noch so gut gemeint sind.
Es ist großartig, dass es wieder so viele Gruppen und Bündnisse gibt, aber jeder muss nun mal für sich entscheiden dürfen, woran er sich beteiligt.
Ich kann ja verstehen, dass jeder sein Projekt für das Wichtigste hält, aber ich erlaube mir die Freiheit, selbst zu wählen, wofür ich mich engagiere.
Auch gebe ich zu bedenken, dass der (politische) Einfluss eines pazifistischen Sängers gerne überschätzt wird.
Die Medien prügeln sich nicht unbedingt um meine Meinung zum Thema Krieg, und die Musiksendung im Fernsehen, in die meine Lieder passen, muss noch erfunden werden.
(Um so glücklicher bin ich darüber, dass vor ein paar Tagen 3 Sat unser ganzes (!) "Vaterland" Programm aufgezeichnet hat und ab 5. Dezember auch senden wird.
Mein aufrichtiger Dank gilt all den engagierten Mitarbeitern der beiden Abende.)

P.S.
Zu einigen Forumbeiträgen fällt mir ein:
Wenn wir wirklich Frieden wollen, sollten wir doch wenigstens in den eigenen Reihen lernen, einander mit Respekt zu begegnen, aufhören uns wegen ideologischer Unterschiede zu zerfleischen und uns vor allem immer wieder selbst überprüfen.
Natürlich ist Kritik wichtig, aber ihr sollte doch immer Selbstkritik vorausgehen.
Ich jedenfalls versuche mir immer vor Augen zu halten, dass unser "Schatten" nicht das Fremde in uns ist, das wir bereits kennen, sondern das wirklich Unerforschte, Verborgene in uns, das sich meist in dem offenbart, was wir an anderen kritisieren.
Ein Lehrstück, wie man auf selbstbewusste und doch mitfühlende Weise mit seinen Feinden umgehen kann, ist ein Brief Tiziano Terzanis an Oriana Fallaci.
Die Journalistin antwortete Terzani auf einen Artikel im Corriere della sera zum 11. September mit einer wirklich dummen Hasstirade, einer "brillanten Lektion in Intoleranz", die nur noch Springers "Welt" bemerkenswert fand. Sie spricht unter anderem all jenen die Menschenwürde ab, die irgendwelche Hintergründe des Terrors zu verstehen versuchen. Für diese Zweifler habe sie nur eines übrig: "Spucke und Fußtritte".
Terzanis traurige und verständnisvolle Erwiderung ist nun auf Deutsch veröffentlicht.
Dieses wunderbare, menschliche und anrührende Buch hat mich wieder einmal darin bestätigt, dass wir, erst wenn wir lernen den Hass in uns zu überwinden, in der Lage sein werden, uns wirklich von den Kriegstreibern und Gewalttätern zu unterscheiden.
Gewalt und Hass sind ein so universelles Problem, dass leicht der Eindruck entsteht, sie lägen in der menschlichen Natur. Das Gegenteil ist der Fall.
Gewalt und Hass sind die fatalen Folgen der Erziehung zum Gehorsam.(Grün)
Wenn ein Kind sich unterwerfen muss, fühlt es sich schuldig für die Gewalt, die man ihm antut. Irgendwann wird dann Gewalttätigkeit der Weg, diese Schuld loszuwerden.
Wir können, nein wir müssen beginnen, unsere Kinder nicht mehr zu unterdrücken und sie nicht mehr zum Gehorsam zu erziehen. Da wartet eine große und schwierige Aufgabe auf uns.
Aber den Hass, der sich in uns selbst in all den Jahren aufgebaut hat, kann uns niemand wegnehmen.
Dem müssen wir selbst auf die Schliche kommen.


Tiziano Terzani: Briefe gegen den Krieg
Riemann - one earth spirit
ISBN 3-570-50034-9


Noch eine Buchempfehlung:
Der bekannte US-Historiker Howard Zinn analysiert den Mythos der legitimen Gewalt eines "an sich" friedliebenden Amerika
"Zinn sagt das, was die Friedensbewegung allerorten sagt; aber indem er es als Amerikaner sagt, befreit er die deutsche Friedensbewegung endlich von dem absurden Vorwurf, sie sei anti-amerikanistisch." (Eugen Drewermann)

Howard Zinn: Amerika, der Terror und der Krieg.
Herder, Spektrum
ISBN 3-451-05329-2

Noch ein Wort zum 11. September, und zwar von Erica Jong, der berühmten Autorin von "Angst vorm Fliegen":
"Wir würden den Jahrestag des 11. September am besten begehen, indem wir unser Kritikvermögen zurückerobern. Das wird vielleicht nicht einfach sein. Die patriotische Lethargie, die Amerika erfasst hat, ist ein Dornröschenschlaf.
Das abgelaufene Jahr war ein erschreckendes Beispiel für amerikanische Passivität gegenüber staatlicher Manipulation.
Wie können wir behaupten, im Namen der Freiheit Krieg zu führen, wenn wir zu Hause so bereitwillig auf sie verzichten?"

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