Dienstag, den 8. Oktober 2002

08.10.2002

Liebe Freunde

Nun konnte ich mich doch nicht so lange vom Weltgeschehen entfernen wie ich wollte, da ich mich natürlich der Diskussion um mein Lied "d´Zigeiner san kumma" stellen möchte. (Nachzulesen im Forum)
Mich haben die Beschimpfungen und Drohbriefe sehr erschüttert.
Dieses Lied entstand vor 20 Jahren für mein Programm "Im Namen des Wahnsinns".
Ich schlüpfte in diesem Programm mit einigen Texten (z.B. "Haberfeldtreiben") in die Rolle eines unserer selbstgerechten, alles Fremde verachtenden, rassistischen Mitbürger, um die Gefährlichkeit und die Brutalität dieser Gesinnung und die Gefahr durch die Neonazis, die man damals noch herunterspielte, zu demonstrieren.
Seitdem habe ich das Lied (immer im Zusammenhang mit antifaschistischen Liedern) auf unzähligen Solidaritätskonzerten gespielt, auf Demonstrationen gegen Neonazis und vor über 100 000 Menschen auf meiner Vaterlandtournee.
In keinem einzigen der unzähligen Presseartikel über mich und meine Lieder (auch in denen meiner Gegner) ist seit 20 Jahren (!) jemals der Gedanke aufgetaucht, dieses Lied könnte missverstanden werden und Sintis oder Roma demütigen.
(Und es ist durchaus auch viel negatives in der Presse über mich erschienen)
In keinem einzigem Brief bin ich seit zwanzig Jahren für dieses Lied kritisiert worden.
Kein Sinti oder Roma(und ich habe mit vielen musiziert und auf der Bühne gestanden in diesen Jahren) hat sich jemals über dieses Lied beschwert.
Ich bin für meine antifaschistischen Lieder immer nur von Rechtsradikalen beschimpft worden!
Und nun, nach so langer Zeit, wird das Lied aus seinem Kontext gerissen und als Anklage gegen die Zigeuner verstanden.
Wieso gerade jetzt
Ich will versuchen das zu verstehen.
Vor zwanzig Jahren haben die Nazis noch nicht so unverblümt ihren Gedankenschrott im Internet verbreiten können. Es gab nämlich keines.
Soweit ich mich erinnern kann, war damals noch nicht die Rede von rechtsradikalen Bands und Sängern und wenn es sie gab, wusste man nichts davon, außer in eingeweihten Kreisen.
Wenn ich mich nun in die Situation eines jungen Menschen versetze, der verständlicherweise keine Ahnung hat von mir im Speziellen und altlinken Liedermachern im Allgemeinen, kann ich den Zorn durchaus verstehen. Man muss geradezu wütend werden, wenn man den Text des Liedes liest, alleine und ohne den Kontext eines ganzen Programms und meiner Person.
Auch die Ironie in Sätzen wie: "sonst san ma ja alle kreizguate Kerl" wird vielleicht nur dem verständlich, der des bayrischen mächtig ist.
Allerdings glaube ich nach wie vor, dass diese Form der Anklage ein legitimes Mittel der Kunst ist. Dass man durchaus auch in andere Rollen schlüpfen darf um Dummheiten aufzuzeigen. Wenn man alle Kabarettisten mit ihren Rollen identifizieren würde, könnte ich mit vielen nicht mehr befreundet sein. (Riechling ist immer noch Riechling, auch wenn er eigentlich schon der bessere Stoiber ist)
Nach wie vor glaube ich auch, dass niemand, der ein ganzes Konzert von mir angehört hat, oder eine ganze CD, auch nur annähernd auf den Gedanken kommen kann, dieses Lied nicht als als eine bittere Anklage gegen Fremdenhass und Rechtsradikalismus zu verstehen.

Während eines anregenden und freundschaftlichen Briefwechsels mit Ricardo Laubinger, dem Vorstand der niedersächsischen Sintis, hat er mir vorgeschlagen, im Juli in Hildesheim bei ihrem Solidaritätskonzert mitzuwirken. Das werde ich gerne tun. (Ich kann ja dann über das Lied abstimmen lassen.)
Ich hoffe, mit dieser heutigen Stellungnahme auch denen, die mich gar nicht kennen und mir wenig gewogen sind,etwas Klarheit über den Hintergrund und die Zielsetzung meines Liedes verschafft zu haben.

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