Betrifft: Neues Fenster auf dieser Seite.

23.10.2002

Liebe Freunde!

"Abweichende Meinungen werden immer dann unterdrückt, wenn sie besonders wichtig sind" - dieser Satz von Roger Willemsen (vor über einem halben Jahr in der Frankfurter Rundschau) hat mich nicht mehr losgelassen.
Und so habe ich mich auf die Suche nach diesen abweichenden Meinungen gemacht.

"Sich informieren ist nach wie vor ein leistungsintensiver Vorgang, der unausweichlich mit Anstrengung verbunden ist und intellektuellen Einsatz verlangt. Es ist aber auch ein Vorgang, der es im Interesse einer Demokratie verdient, dass ihm der Bürger einen Teil seiner Zeit, seines Geldes und seiner Aufmerksamkeit opfert," schreibt Ignacio Ramonet in seinem bemerkenswerten Buch "die Kommunikationsfalle".
Ich muss zugeben, dass mir erst seit dem 11.9. wieder so richtig aufgefallen ist, wie erschreckend wir gleichgeschaltet werden.
In erster Linie ist das natürlich eine Folge des "Infotainments", jener Berichterstattung, die uns mit einer Flut von Bildern und Schlagzeilen überschwemmt, die uns das Gefühl geben sollen, so schnell wie möglich und hautnah mitten im Geschehen zu sein und die Wirklichkeit live mitzuerleben. Das hat allerdings weniger mit Information, als mit Unterhaltung zu tun, und anständig recherchierte Hintergrundinformationen bleiben, dem Showeffekt zu liebe, auf der Strecke.
Wir sind, vielleicht erst seit Lady Di von der Regenbogenpresse in die ehrenwerten politischen Schlagzeilen kam, und natürlich seit CNN den Irakkrieg inszeniert hat, in das Zeitalter der globalen Information eingetreten. Das birgt auch die große Gefahr der globalen Propaganda. Heute schreiben die meisten Zeitungen voneinander ab und werden von ein paar marktführenden Informationsagenturen beliefert.
Monika Levinsky z. B. löste einen schon fast skurrilen, unkontrollierten Kommunikationswahn aus, und es bleibt dem intelligentem Konsumenten vorbehalten, dahinter wirklich wichtige Themen zu vermuten, die von dieser "Monikagate Affäre" bewusst verdrängt wurden.
Ich bezweifle nicht, dass es genügend hervorragende Journalisten gibt, aber wo kommen sie zu Wort?
Wie filtern wir das aus dieser Flut von Informationen heraus?
Ist es in unserer Gesellschaft nicht völlig logisch, dass die gängigen Medien hauptsächlich den Anforderungen des Marktes verpflichtet sind?
Bei audiovisuellen Medien sind es die Einschaltquoten, bei den Printmedien ist das Hauptargument die größtmögliche Leserzahl.
So haben sich mit dem Fernsehen auch die Zeitungen verändert.

System- und kapitalismuskritische Meinungen sind nur noch in einigen wenigen unabhängigen Zeitungen und im Internet zu finden. Und natürlich in Büchern.
Das heißt nicht, dass dort alles richtiger und wahrhaftiger wäre, aber es ist wenigstens ein Ansatzpunkt gegeben, sein Hirn etwas anzustrengen und die tägliche Berieselung in Frage zu stellen.
Es ist nun mal eine Illusion zu glauben, man könne sich ohne Anstrengung informieren.
Information und Wissen hat nichts mit Günter Jauch und multiple-choice Halbwissen zu tun, auch wenn das viele zu glauben scheinen.
(Und was dabei rauskommt, wenn man glaubt, man könne sich auf dem Fernsehsessel bei Chips und Bier weiterbilden, sieht man daran, dass Dieter Bohlen vermutlich bald als grosser Literat gehandelt wird. Was sich gut verkauft, muss auch gut sein - das wird in der Kirche des totalen Marktes gepredigt. Amen.)
Ebenso, wie es immer noch sehr gute Journalisten und Zeitungen gibt, gibt es immer noch genügend Leser, denen durchaus bewusst ist, dass Massenkommunikation in der Demokratie eine entscheidende Rolle spielt und Information für eine funktionierende Gesellschaft von grundlegender Bedeutung ist.
Ohne freie Information ist keine Demokratie möglich!
Wir sollten uns nicht allzu sehr auf Bilder verlassen.
Nicht nur mit Worten kann man lügen, auch mit Bildern.
Nicht nur, dass Bilder mittlerweile perfekt gefälscht werden können, sie zeigen immer nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit und nie die Wirklichkeit.

Während des Afghanistankrieges wurde das ungeheure Leid der Bevölkerung einfach ausgeblendet. Ein unsichtbarer Krieg versetzt das Volk eben nicht in Aufruhr.
Man spricht von Bombenteppichen, Kollateralschäden, Präzissionswaffen, man "eliminiert" und "neutralisiert" den Gegner (während der natürlich "schlachtet" und "mordet") - neutrale, verharmlosende Begriffe um nicht den Anschein zu erwecken es könnte um Menschen gehen. Menschen die unermessliches Leid erleben.
Der Krieg wird eine saubere, chirurgische Sache.
Im Golfkrieg waren die Raketen des Irak "terroristische Waffen", während das Abfeuern von tausenden von Raketen auf Bagdad und Basra als technisches Wunder bezeichnet wurde.
Das dänische Blatt "Politiken" prüfte die englische Sprache während des Golfkrieges und dokumentierte einige der Methoden, wie sie zur Darstellung des Gegensatzes zwischen den Guten und den Bösen verwendet wurde.
So haben die Aliierten eine Armee und eine Luftwaffe, eine Regelung für Journalisten und Einsatzbesprechungen für die Presse. Die Iraker haben dagegen eine Kriegsmaschine, Zensur und Propaganda.
Und letztendlich läßt die "Operation Wüstensturm" Bushs Aggression als ein natürliches Ereignis erscheinen, das von den Kräften der Natur anstatt von menschlicher Hand entfacht wird.(Khan)
Die Berichterstattung beugt sich spätestens seit diesem Krieg der Logik des Militärs und nicht dem Mitgefühl.
"Wenn in einem Rechtsstaat der Status des Bildes reglementiert wird - so dass man also nicht überall filmen kann, sondern zum Beispiel eine Bewilligung braucht, um mit einer Kamera Zutritt zu einem Spital, einem Gefängnis, einer Kaserne, einem Polizeiposten oder einem Heim zu erhalten - dann geschieht dies aus Respekt vor dem Menschen.
Viel weiter gingen indes die Armeen in den jüngsten Konflikten, wenn sie die gleiche Argumentation weiterführten und auf alle Krisengebiete ausweiten wollten. Hier steht etwas ganz anderes auf dem Spiel, denn Krieg ist immer ein politisches Ereignis und betrifft folglich den Bürger direkt." (Ramonet)
Viele ungeheure Lügen im Vorfeld des Golfkrieges (1991) wurden inzwischen aufgedeckt.
So war der "Babymord der Iraker" das Elaborat einer New Yorker Werbeagentur, wo sich die "Zeugin" peinlicherweise als Tochter des Kuwaitischen Botschafters entpuppte und die Familie die Auftraggeber der Werbeagentur war. Zuerst mal kann man natürlich keinem einen Vorwurf machen, der diese Nachricht kaufte, denn wer kann sich schon den Machenschaften der gekauften Meinungsmacher entziehen.
Aber warum war die Enthüllung dieser Lüge kein ebenso großer Skandal.?
Ich könnte noch viele Beispiele aufzählen. Das Schema ist immer das gleiche. Erst wird gelogen, anschließend wird irgendwo, meistens weit hinten im Blatt oder als Sendung nach Mitternacht, fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit, die Lüge still und heimlich aufgedeckt.
Das falsche Massengrab von Timisoara (Rumänien 1989) ist der beste Beweis für die Macht der Bilder. Man brauchte dringend Bilder, um der "freien Welt" die Gräuel des Kommunismus noch einmal deutlich vor Augen zu führen, und so gruben einige Reporter einfach Leichen aus und drapierten sie künstlerisch in einem "Massengrab".
Damit begann ein neuer Abschnitt in der Geschichte der Information.
Um noch einmal Ramonet zu zitieren:
"Die Information ist kein Aspekt der modernen Vergnügungen, ist keiner der Planeten der Unterhaltungsgalaxie. Sie ist eine staatsbürgerliche Disziplin, deren Ziel es ist Bürger heranzubilden. Nur wenn sie Information in diesem Sinne wieder ernst nimmt und wenn sie die bequemen Gestade der allgemeinen Vereinfachung verlässt, wird die Presse jene Leser zurückgewinnen, die verstehen wollen, um in unseren verschlafenen Demokratien besser handeln zu können."
Es geht mir hierbei ganz und gar nicht um plumpe Medienschelte, denn was hilft es mit den Fingern auf Andere zu zeigen. Ich wünschte mir, daß vor allem auch wir Leser uns der Verantwortung bewußt werden, die das Verbreiten und eben auch das Rezipieren von Informationen mit sich bringt.
Zur Zeit ist es einfach unerträglich, dass bei jedem Stuhl, der irgendwo auf der Welt krachend umfällt, Al Qaida mit im Spiel sein soll. Ich wünschte mir, es würde mit Vorverurteilungen wieder vorsichtiger umgegangen und es würde nicht alles sofort für eindeutige politische Ziele ausgeschlachtet werden.

Meine Frau Annik und ich werden nach meiner Herbstournee auf dieser Website ein neues Fenster eröffnen.
Es soll "Hinter den Schlagzeilen" heißen und wir werden versuchen, Veröffentlichungen, die nicht einfach die gängige Meinung widerspiegeln, ins Netz zu stellen.
Es soll eine Hilfe sein, verschiedene Medien abwechselnd zu konsultieren, unzuverlässige Quellen auszuscheiden, sich eben selbstbewusst zu informieren.
Es soll ein Forum werden für die Stimmen, die wie Franz Kafka Krieg als das "Ergebnis entsetzlicher Fantasielosigkeit" betrachten.
Dazu werden wir natürlich eure Hilfe benötigen und sind dankbar für Hinweise, Links und Tipps.
(Ich empfehle wieder Radio zu hören. Dort kann man in manchen Sendern immer noch ausgezeichneten Journalismus erleben)
Außerdem wollen wir ein politisches Forum einrichten, das die Möglichkeit bietet, diese Themen zu vertiefen.
Wir wissen nicht genau, was da an Arbeit auf uns zukommt - aber wir probieren es einfach mal.
Auch werden wir immer wieder auf wichtige Bücher hinweisen - denn, wie verschlafen unsere Demokratie auch sein mag, noch kann sich jeder, der sich bemüht, auf die Suche nach der Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit machen.
Ich werde mich bemühen, auch der Spiritualität einen Platz einzuräumen, denn, wie ich es schon öfter geschrieben habe, rein politische Lösungen wird es nicht geben. (Siehe Tagebucheintrag vom 23.Dezember 2001)
Das neue Jahrhundert erfordert ein neues Entdecken der Spiritualität und die Einsicht innere Arbeit leisten zu müssen. Für mich sind die psychologischen Erkenntnisse eines Arno Grün ("Der Fremde in uns"), um nur ein Beispiel zu bemühen, weitaus politischer, (wertvoller sowieso) als das meiste von dem, was unsere Berufspolitiker so als Weisheiten von sich geben.
Platon sprach Politikern, die nicht fähig sind, sich selbst erkennen, das Recht ab, Menschen zu führen. Wer bliebe da auf der weltpolitischen Bühne noch übrig?

Und zum Abschluss noch ein Zitat, das man sich bei allem, was einem täglich eingebläut wird, immer wieder vor Augen halten sollte:
I.F.Stone zählte zu den großen (amerikanischen) Journalisten unserer Zeit. Wenn er vor Studenten von Journalismusschulen sprach, sagte er: "Von allen Dingen, die ich Ihnen heute sagen werde, sollten Sie sich vor allem zwei Worte merken: Regierungen lügen."
Es ist sehr wichtig das zu wissen. Andernfalls ist man dem ausgeliefert was die Autoritäten sagen. (Zinn)


Quellen:
Howard Zinn: Amerika, der Terror und der Krieg
Ignacio Ramonet: Die Kommunikationsfalle
Beate Mittman/Peter Priskil: Kriegsverbrechen im Irak
Michael Moore: stupid white man


PS: Laut einer Pressemitteilung beschäftigt die US-Regierung inzwischen mehr als 2.000 PR-Berater!

zurück