Donnerstag, den 24. Oktober 2002

24.10.2002

Liebe Freunde,

nach den ersten Konzerten meiner Herbsttournee mit meinem Freund Jo Barnikel, ein paar Stunden vor meiner Weiterfahrt nach Potsdam, möchte ich mich kurz noch bei Jo bedanken.
Es ist einfach eine Freude mit ihm zu musizieren, zu improvisieren und mit diesem grandiosen Musiker auf der Bühne zu stehen.
Und ich bin glücklich, dass unser Publikum alle unsere Eskapaden so begeistert mitmacht.
Es ging mir in den letzten Wochen vor dieser Tour nicht so gut.
Ich hatte mich intensiv mit Politik und der Geschichte der Kriege der letzten Jahrzehnte beschäftigt und dabei am eigenen Leib zu spüren bekommen, wie einen die ausschließliche Beschäftigung mit menschlicher Gier und Gleichgültigkeit mutlos und depressiv machen kann. Ich fühlte mich, als hätte man mir meine Energie abgesaugt.
Irgendwie hatte ich vor lauter Politik vergessen, dass die vielleicht einzig wirksame "Waffe" gegen Gewalt (und zudem das schönste Geschenk für die Mitmenschen) ein liebevoller und mit sich selbst identischer Mensch ist.
Ich hatte sogar vergessen, was für ein Segen die Musik ist, und dass wir mit unserer Ratio das Dasein nur beschreiben, aber nicht ergründen können.
Dass unser diskursiver Verstand eher bereit ist, die Welt zu vernichten, als seine Vorstellung von der Welt.
Dass alle Erkenntnis sinnlos ist, wenn sie nicht aus der Selbsterkenntnis erwächst.
Dass es außer der Zweiheit und Zwietracht auch eine Einheit gibt, einen Urgrund, mit dem wir alle verbunden sind.
Ich hatte diese Verbundenheit nicht mehr gespürt.
Bis ich mich wieder an Lieder wie diese erinnert habe:

Was macht sich heut die Sonne breit,
was hält uns noch zurück?
Mir sitzt schon eine Ewigkeit
der Süden im Genick.

Dort unter Reben liegt sich´s gut,
und Hitze hüllt uns ein.
Dann tauschen wir das alte Blut
für neuen Wein.

Und sind wir kräftig ausgeruht,
dann wolln wir schlafen gehen.
Oft hilft ein dicker Bauch ganz gut,
die Nacht zu überstehn.

Die junge Erde öffnet sich,
es kühlt das frische Gras.
Und dann, ich weiß, dann liebst du mich
im Übermaß.

Wie leicht, mein Schatz, verschläft man sich,
wenn man sich nicht so mag.
Das Leben währt
kaum einen Sommertag.

Was macht sich heut die Sonne breit-
sie stellt mich richtig bloß.
Mich lässt schon seit geraumer Zeit
die Freude nicht mehr los

Wir haben so viel Zeit vertan
und uns so viel erklärt.
Du bist die Frau, ich bin der Mann
und umgekehrt.

Vielleicht wird sich die Sonne bald
schon von uns Menschen wenden.
Ich könnt´s verstehn, sie ist zu alt,
sich sinnlos zu verschwenden.

Doch noch gibt´s Herzen, die verstehen,
noch lädt die Erde ein.
Nur bald, es ist schon abzusehen,
wird´s nur noch schnein.

Wie leicht, mein Schatz, verschläft man sich,
wenn man sich nicht so mag.
Das Leben währt
kaum einen Sommertag.

Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie ich mich auf diese Konzerte in den nächsten zwei Monaten freue.

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