Samstag, den 17. November 2001

17.11.2001

"Zwar wird uns versichert, der vor uns liegende, "lang dauernde Krieg" werde stets der politischen Hauptprämisse - Kampf dem internationalen Terrorismus - folgen und in politische, humanitäre und wirtschaftliche Maßnahmen eingebettet sein. Aber was heißt das? Wie weit genau und gegen welche Staaten wird das Anti-Terror-Netz ausgespannt werden?"

Das steht heute in der TAZ.

Und genau hier liegt das Problem für alle, die jetzt glauben, Krieg hätte wieder mal eine Lösung gebracht.

Unabhängig davon, dass ich Jubelbildern, vor allem in Kriegszeiten, nicht mehr vertrauen kann - denn wie während des ganzen Krieges werden natürlich die erschütternden Bilder derer nicht gezeigt, die unter den Übergriffen der mörderischen Nordallianz und den weiteren Bombenangriffen zu leiden haben - ist dieser Krieg noch lange nicht zu Ende. Die Kluft zwischen West und Ost ist nach 5 Wochen Bombardement unüberbrückbar geworden, und dem ursprünglichen Ziel des Krieges, dem Kampf gegen den Terrorismus, ist man kein bisschen näher gekommen.

Noch niemals in der Geschichte der Menschheit hatte man ein Waffenarsenal zur Verfügung, das mit einem Schlag die Erde zu vernichten in der Lage ist. Wie kann man unter diesem Aspekt die Spirale der Gewalt immer weiterschrauben?

Nicht nur in der Hand Bin Ladens sind Atomwaffen gefährlich, wie die Geschichte zeigt.
Der ehemalige Verteidigungsminister der Vereinigten Staaten, Caspar Weinberger, sagte, dass die Ölfelder Zentralasiens zum vitalen Interesse der vereinigten Staaten gehören - wer will da noch an einen Krieg aus rein humanitären Gründen glauben?

Wenn wir weiterhin alles nur aus der Perspektive der Wirtschaft und der Politik betrachten und nicht endlich aus einer spirituellen, steuern wir unweigerlich dem Abgrund entgegen.
Wir brauchen ein neues Bewusstsein und dieses Bewusstsein wird sich nicht aus der Sprache des Krieges erfahren lassen.

Wir haben den Kontakt zur Wirklichkeit verloren Wir können nicht mehr unterscheiden zwischen der Art, wie die Dinge sind, und zwischen der Art, wie sie beschrieben werden. Wir verwechseln den Finger, der auf den Mond zeigt, mit dem Mond.
Das Gedankengebilde mit der Welt.
Das Teil mit dem Ganzen.
Interessant ist die Projektion: Jeder wird als weltfremd und wirklichkeitsfremd beschimpft, der diesem Bild von der Wirklichkeit nicht entspricht.

Aber die Wirklichkeit ist eben nicht das Fernsehbild oder das Gedankenmodell.

Es war immer schon leichter im Zorn mit der Faust dreinzuschlagen als seinen Geist anzustrengen, dem ersten Aufflammen der Wut zu widerstehen, sich von liebgewonnenen Denkmustern zu verabschieden.

Der Mensch schreitet in seiner normalen Entwicklung vom Ich zum Wir, von egozentrischen Gefühlen fort zu soziozentrischen. Hier dürfen wir aber nicht stehen bleiben, denn nun kommt das "weltzentrische" Stadium, das der amerikanische Philosoph Ken Wilber wie folgt beschreibt:
"Man interessiert sich nicht mehr nur für den eigenen Stamm, das eigene Volk, die eigene Gruppe, sondern vielmehr für alle Gruppen, alle Völker ohne Ansehen der Rasse, des Geschlechts oder des Glaubens. Und dies fühlt man; es ist keine bloße Abstraktion. Man verlangt schmerzlich nach der Welt, wie seltsam dies auch klingen mag."

Wir müssen wieder zu sprechen bereit sein über die Untrennbarkeit des Menschen von der Welt. Über die Verbindung unserer biologischen Existenz mit dem Universum. Über unsere geistige Verbundenheit mit allem, was lebt. Wir müssen wieder zu sprechen beginnen von der Schönheit des Daseins, die nur im Herzen gefunden werden kann. So wenig wir die Erhabenheit des Daseins mit dem Denken erfassen können, so wenig lässt sich Frieden mit Krieg erkaufen.

Maria Montessori schreibt 1932(!):
"Unter Frieden versteht man im Allgemeinen das Aufhören des Krieges; aber dieser negative Begriff trifft nicht das Wesen des Friedens. Dieser Frieden - als Endziel des Krieges verstanden -stellt statt des wahren Friedens eher einen letzten und dauernden Triumph des Krieges dar."

Es schreibt sich leicht f ü r den Krieg. Es zieht sich schwer i n den Krieg.

Ich persönlich möchte nicht für meine Vorstellung von Gerechtigkeit andere Menschen opfern.

Meine Söhne nicht und die Söhne und Töchter anderer Väter und Mütter ebenso wenig.



"Können Sie mir eine Garantie geben für dauerhaften Frieden nach dem Krieg?"
"Nein, natürlich nicht."
"Sehen Sie, wir Pazifisten können das auch nicht. Aber es sterben weniger Menschen dabei."

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